Israels, MilitÀr

Israels MilitÀr will Korridor offenhalten

09.11.2023 - 04:38:50

Israelische Soldaten kĂ€mpfen gegen die Hamas. Zivilisten sollen sich im SĂŒden in Sicherheit bringen. LuftschlĂ€ge der USA lassen die Sorge vor einer Ausweitung des Konflikts wachsen. Der Überblick.

Angesichts der heftigen Gefechte mit der islamistischen Hamas im Norden des Gazastreifens wollen die israelischen StreitkrĂ€fte die Flucht von Zivilisten in den SĂŒden des abgeriegelten KĂŒstenstreifens weiter ermöglichen.

«Wir werden diesen humanitĂ€ren Korridor in den SĂŒden weiterhin aufrechterhalten», sagte MilitĂ€rsprecher Daniel Hagari am Mittwoch. Dies gelte auch fĂŒr heute. Demnach hĂ€tten gestern schĂ€tzungsweise 50.000 Menschen den Evakuierungskorridor genutzt.

Unterdessen wuchs die Sorge vor einer Ausweitung des Gaza-Krieges auf die ganze Region. Als Reaktion auf die jĂŒngsten Angriffe proiranischer Milizen flog das US-MilitĂ€r im Osten Syriens einen weiteren Luftangriff. Ziel sei ein Waffenlager gewesen, das von Irans Revolutionsgarden sowie deren VerbĂŒndeten genutzt worden sei, sagte US-Verteidigungsminister Lloyd Austin. Bereits Ende Oktober hatten die USA im Osten Syriens Luftangriffe gegen zwei Ă€hnliche Ziele geflogen. Dies verschĂ€rfte die BefĂŒrchtungen, dass sich der Gaza-Krieg zwischen Israel und der islamistischen Hamas zu einem grĂ¶ĂŸeren Konflikt ausweiten könnte.

Am 7. Oktober hatten Terroristen der Hamas und anderer Gruppen bei Massakern und Angriffen im israelischen Grenzgebiet mehr als 1400 Menschen getötet und zahlreiche Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Die israelischen StreitkrĂ€fte flogen daraufhin Luftangriffe und rĂŒckten mit Bodentruppen in den dicht besiedelten KĂŒstenstreifen ein. Die Zahl der im Gazastreifen getöteten PalĂ€stinenser ist nach Angaben des Hamas-kontrollierten Gesundheitsministeriums auf mehr als 10.500 gestiegen. Die Zahlen lassen sich derzeit nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen.

Netanjahu: Keine Waffenruhe ohne Freilassung von Geiseln

Israels MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu machte unterdessen eine Waffenruhe im Gazastreifen erneut von der Freilassung der Geiseln abhĂ€ngig. «Ich möchte alle Arten von falschen GerĂŒchten, die wir aus allen möglichen Richtungen hören, beiseite legen und eines klarstellen: Es wird keine Waffenruhe ohne die Freilassung unserer Geiseln geben», sagte Netanjahu.

Unklar war jedoch, ob er damit die Freilassung aller Geiseln auf einmal meinte. Zuvor hatte es unbestĂ€tigte Medienberichte zu Verhandlungen ĂŒber eine humanitĂ€re Waffenruhe im Gegenzug fĂŒr die Freilassung von bis zu 15 Geiseln im Gazastreifen gegeben. Ein hochrangiges Mitglied der islamistischen Hamas sagte der Deutschen Presse-Agentur, es liefen «ernsthafte Verhandlungen».

UN: Konvoi mit Medikamenten erreicht Klinik im Gazastreifen

Ein Konvoi mit medizinischen GĂŒtern erreichte nach Angaben der Vereinten Nationen das Schifa-Krankenhaus im Gazastreifen. Dies sei erst die zweite Lieferung lebensrettender HilfsgĂŒter an die Klinik seit Beginn des Gaza-Kriegs, teilten die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das UN-PalĂ€stinenserhilfswerk (UNRWA) mit.

Die Lieferung sei zwar willkommen, reiche jedoch bei weitem nicht aus, um den enormen Bedarf im Gazastreifen zu decken. «Die medizinischen Bedingungen in dem grĂ¶ĂŸten Krankenhaus im Gazastreifen und einer der Ă€ltesten palĂ€stinensischen Gesundheitseinrichtungen sind katastrophal», hieß es in der Mitteilung.

Zahl getöteter UN-Mitarbeiter im Gazastreifen steigt

Die Zahl der getöteten Mitarbeiter der Vereinten Nationen im Gaza-Krieg stieg auf 92. Die UN hĂ€tten weltweit noch in keinem Konflikt innerhalb eines Monats so viele TodesfĂ€lle zu verzeichnen gehabt, sagte der Generalkommissar des UN-PalĂ€stinenserhilfswerks UNRWA, Philippe Lazzarini, in einem Interview des Schweizer Medienhauses Tamedia, wie die nationale Nachrichtenagentur Keystone-SDA berichtete. Er warnte vor dem Kollaps der öffentlichen Ordnung. Mehr als 700.000 Menschen seien inzwischen in die Einrichtungen des Hilfswerks geflĂŒchtet.

US-Regierung zur Zukunft Gazas

Die US-Regierung mahnte diplomatische GesprĂ€che ĂŒber die Zukunft des Gazastreifens an. «Ich denke, was wir haben, sind viele Fragen, aber nicht viele Antworten», sagte der Kommunikationsdirektor des Nationalen Sicherheitsrats, John Kirby, im US-Fernsehsender CNN.

«Wir wissen, was wir nach dem Konflikt in Gaza nicht sehen wollen. Wir wollen nicht, dass die Hamas die Kontrolle ĂŒbernimmt. Wir wollen keine RĂŒckeroberung durch Israel sehen.» Aber was eine gute Lösung fĂŒr den KĂŒstenstreifen sei, mĂŒsse man nun erst noch rausfinden. Die USA könnten das Problem nicht allein lösen. «Wir werden diplomatische GesprĂ€che mit den Menschen in der Region fĂŒhren mĂŒssen, um eine Lösung zu finden.»

Ruhani: Nicht weit vom Krieg entfernt

Irans ehemaliger PrÀsident Hassan Ruhani sieht sein Land am Rande eines Kriegs. «Es ist möglich, dass ein Fehler, eine falsche Entscheidung oder eine ungenaue Handlung die Flamme des Kriegs in unsere Richtung zieht», zitierte die Zeitung «Etemad» den 74 Jahre alten Politiker am Donnerstag. «Wir befinden uns nicht im Kriegszustand, sind aber vom Krieg nicht weit entfernt», warnte er.

Ruhani, der zum Lager der Reformpolitiker zĂ€hlt, war von 2013 bis 2021 PrĂ€sident. WĂ€hrend seiner Amtszeit drohte vor fast vier Jahren eine militĂ€rische Eskalation am Golf, nachdem die USA Anfang 2020 unter dem damaligen PrĂ€sidenten Donald Trump den iranischen General Ghassem Soleimani im Irak durch einen gezielten Drohnenangriff töteten. Ruhani zog sich nach seiner PrĂ€sidentschaft aus der Politik zurĂŒck.

In UN-GebĂ€uden im Gazastreifen nur eine Toilette fĂŒr 160 Menschen

Die Zahl der Vertriebenen im Gazastreifen ĂŒberwĂ€ltigt das UN-Hilfswerk fĂŒr PalĂ€stinensische FlĂŒchtlinge im Nahen Osten (UNRWA). In ihren GebĂ€uden haben insgesamt 725.000 Menschen Zuflucht gesucht, davon 557.000 im SĂŒden des Gebietes, wie das UN-NothilfebĂŒro OCHA in Genf berichtete. Im SĂŒden mĂŒssten sich durchschnittlich 160 Menschen eine Toilette teilen. Zudem gebe es nur eine Duschanlage fĂŒr 700 Menschen. Es seien Tausende FĂ€lle von Atemwegserkrankungen, Durchfall und Windpocken gemeldet worden.

Im Norden hielten sich noch 160.000 Menschen in UNRWA-GebĂ€uden auf. Die Vereinten Nationen könnten sie aber nicht versorgen und wĂŒssten wenig ĂŒber die ZustĂ€nde, unter denen sie dort leben. Von den rund 2,3 Millionen Einwohnern des Gazastreifens sind nach OCHA-Angaben 1,5 Millionen vertrieben worden.

Israel: Ganze Division von Reservisten im Gazastreifen im Einsatz

An der Bodenoffensive der israelischen StreitkrĂ€fte im Gazastreifen ist nach MilitĂ€rangaben eine ganze Division von Reservisten beteiligt. Eine Division umfasst fĂŒr gewöhnlich mindestens 10.000 Soldaten.

Es sei das erste Mal seit dem Libanon-Krieg 1982, dass eine ganze Division von Reservisten auf feindlichem Gebiet im Einsatz sei, teilte das MilitĂ€r mit. Die 252. Division, die seit Samstag im Norden des Gazastreifens agiere, umfasse vier Infanteriebrigaden und eine Panzerbrigade. Außer der Division seien noch weitere Truppen beteiligt.

Was heute wichtig wird

Frankreich organisiert eine internationale Hilfskonferenz, um humanitĂ€re UnterstĂŒtzung fĂŒr die Zivilbevölkerung im Gazastreifen zu mobilisieren. Bei dem Treffen mit Vertretern von Staaten und Hilfsorganisationen geht es nach Angaben des ÉlysĂ©epalasts am Donnerstag darum, sich fĂŒr die Einhaltung internationalen Rechts in dem KĂŒstenstreifen und einen verstĂ€rkten humanitĂ€ren Zugang einzusetzen. Hilfe in den Bereichen Wasser, Gesundheit, Energie und ErnĂ€hrung soll die Menschen erreichen können.

Auf der Konferenz werden neue Finanzzusagen fĂŒr die UnterstĂŒtzung der Bevölkerung in Gaza erwartet. Zu dem Treffen unter Leitung von Frankreichs PrĂ€sident Emmanuel Macron werden unter anderem EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen, EU-RatsprĂ€sident Charles Michel, der Premierminister der PalĂ€stinensischen Autonomiebehörde sowie der zyprische PrĂ€sident Nikos Christodoulidis erwartet.

@ dpa.de