Israel setzt Vorbereitungen fĂŒr Offensive fort
27.10.2023 - 16:55:19Mit weiteren Angriffen auf die militÀrische Infrastruktur der Hamas und einem erneuten Vorstoà einzelner Truppen in den Gazastreifen bereitet Israel die erwartete Bodenoffensive weiter vor.
Die israelische Armee griff nach eigenen Angaben binnen 24 Stunden mehr als 250 Ziele im Gazastreifen an. Darunter seien Tunnel der islamistischen Hamas sowie Kommandozentren und Raketenabschussrampen gewesen, teilte die Armee mit.
Im Gazastreifen stieg die Zahl der Todesopfer laut der von der islamistischen Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde unterdessen auf 7326. Darunter sollen 3038 Kinder und Jugendliche sowie 1792 Frauen sein, wie das Ministerium mitteilte. 18.967 PalĂ€stinenser wurden den Angaben nach verletzt. Am Donnerstag hatte die Behörde noch von insgesamt 7028 Todesopfern gesprochen. Die Zahlen des Ministeriums waren zunĂ€chst nicht unabhĂ€ngig zu ĂŒberprĂŒfen.
Das UN-NothilfebĂŒro OCHA erklĂ€rte unter Berufung auf Hamas-Behörden, dass fast die HĂ€lfte aller HĂ€user im Gazastreifen durch israelische Angriffe zerstört, unbewohnbar oder beschĂ€digt worden sei.
Israel: «Dutzende» Hamas-KÀmpfer getroffen
«Dutzende» Hamas-Mitglieder seien bei den Attacken getroffen worden, hieĂ es von israelischer Seite. Auch ein ranghoher Hamas-Befehlshaber sei getötet worden. Der Kommandeur Madhat Mubaschar sei an mehreren Sprengstoff- und ScharfschĂŒtzenangriffen auf israelische Zivilisten und Soldaten beteiligt gewesen.
Unterdessen kam es nach rund zehnstĂŒndiger Pause in mehreren israelischen Ortschaften erneut zu Raketenalarm. Am Nachmittag heulten auch in der KĂŒstenstadt Tel Aviv die Sirenen. Beim Einschlag einer Rakete wurden dort Helfern zufolge drei Menschen verletzt. Nach Angaben Israels wurden seit Kriegsbeginn bereits mehr als 8000 Raketen von palĂ€stinensischen Extremisten aus dem Gazastreifen abgefeuert. Die allermeisten davon werden von Israels Raketenabwehrsystem abgefangen.
Israel lehnt humanitÀre Feuerpausen «derzeit» weiter ab
Die Forderung der Staats- und Regierungschefs der EU vom Donnerstagabend nach «humanitĂ€ren Korridoren und Pausen fĂŒr humanitĂ€re Zwecke» im Gazastreifen wies Israel zurĂŒck. «Israel lehnt einen humanitĂ€ren Waffenstillstand derzeit ab», sagte ein Sprecher des AuĂenministeriums. Dazu zĂ€hle «jegliche Art geforderter Feuerpausen».
Macron wirft Israel «undifferenziertes Bombardement» vor
Der französische PrĂ€sident Emmanuel Macron hat angesichts der massiven israelischen Angriffe auf Ziele im Gazastreifen von einem «undifferenzierten Bombardement» gesprochen. Frankreich erkenne den Willen und das Recht Israels vollstĂ€ndig an, gegen die Terroristen der Hamas zu kĂ€mpfen, und sei bereit, zu helfen. «Aber wir sind der Ansicht, dass die vollstĂ€ndige Blockade, das undifferenzierte Bombardement und erst recht die Aussicht auf eine massive Bodenoffensive nicht geeignet sind, die Zivilbevölkerung angemessen zu schĂŒtzen», sagte er nach einem Treffen mit den Staats- und Regierungschefs der EU-LĂ€nder in BrĂŒssel.
UN-MenschenrechtsbĂŒro sieht Kriegsverbrechen aufseiten Israels
Das UN-MenschenrechtsbĂŒro wirft Israel Kriegsverbrechen vor. Den mehr als zwei Millionen Menschen im Gazastreifen Strom und Treibstoff vorzuenthalten, sei eine kollektive Bestrafung. «Kollektive Bestrafungen sind ein Kriegsverbrechen», sagte die Sprecherin, Ravina Shamdasani, in Genf.
Der Treibstoffmangel zwinge zur SchlieĂung von KrankenhĂ€usern und BĂ€ckereien. Menschen lebten unter verheerenden Bedingungen, ohne sauberes Trinkwasser und unzureichenden sanitĂ€ren Einrichtungen. «FĂŒr die 2,2 Millionen Menschen, die im Gazastreifen eingeschlossen sind und kollektiv bestraft werden, bahnt sich eine humanitĂ€re Katastrophe an», sagte Shamdasani.
Sie fĂŒgte hinzu, dass auch die EntfĂŒhrung von Zivilisten ein Kriegsverbrechen sei. Infolge des Hamas-Angriffs auf Israel am 7. Oktober kamen mehr als 1400 Menschen ums Leben, mehr als 200 Geiseln wurden in den Gazastreifen verschleppt. Die Hamas wird von der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft.
Zahl der Geiseln höher als bisher angenommen
Die Zahl der im Gazastreifen festgehaltenen Geiseln ist höher als bisher von Israel angenommen. Man habe bis Freitag die Familien von 229 Geiseln informiert, sagte der israelische Armeesprecher Daniel Hagari. Das waren fĂŒnf mehr als noch am Vortag. Es werde erwartet, dass die Zahl noch steigen könnte.
Die vier von der islamistischen Hamas bereits freigelassenen Geiseln sind nach MilitĂ€rangaben bei der Zahl nicht mit eingerechnet. Nach israelischen Informationen sind unter den Geiseln BĂŒrger aus 25 Staaten, darunter auch Deutsche.
WHO: Diskussion ĂŒber Opferzahlen nicht angebracht
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hĂ€lt die Diskussion ĂŒber die VerlĂ€sslichkeit der Opferzahlen, die von der im Gazastreifen herrschenden PalĂ€stinenserorganisation Hamas stammen, fĂŒr zynisch. Die WHO habe ĂŒber Jahre keinen Anlass fĂŒr Zweifel an Zahlen dieser Gesundheitsbehörden gehabt, sagte der WHO-Vertreter fĂŒr die besetzten palĂ€stinensischen Gebiete, Richard Peeperkorn.
Es mache auch keinen Unterschied, ob es tausend mehr oder weniger Opfer gebe - die humanitĂ€re Lage im Gazastreifen sei katastrophal, die Zahl der Opfer durch israelische Angriffe enorm. Nach Angaben von Peeperkorn funktionieren noch 23 der insgesamt 35 KrankenhĂ€user im Gazastreifen teilweise. Es mĂŒsse teils auf dem FuĂboden operiert werden, sagte er.
Tote im Westjordanland
Bei Konfrontationen mit dem israelischen MilitĂ€r im Westjordanland sind nach palĂ€stinensischen Angaben vier Menschen getötet worden. In der Stadt Dschenin seien drei PalĂ€stinenser durch israelische SchĂŒsse ums Leben gekommen, hieĂ es. Ein weiterer PalĂ€stinenser sei in der Stadt Kalkilija getötet worden. Dem israelischen MilitĂ€r zufolge soll es sich bei mindestens einem Toten in Dschenin um ein Mitglied einer militanten PalĂ€stinenserorganisation gehandelt haben.
Dritter EU-Hilfsflug fĂŒr Gaza gestartet
Ein dritter von der EU finanzierter Flug mit 51 Tonnen HilfsgĂŒtern fĂŒr die Menschen im Gazastreifen hat sich auf den Weg in die Region gemacht. Am Freitag sei eine Maschine in Kopenhagen gestartet, teilte die EU-Kommission mit. Sie bringe unter anderem Medikamente nach Ăgypten. Die EU finanziere die Gesamtkosten aller FlĂŒge, hieĂ es.
Aus Ăgypten sollen die HilfsgĂŒter weiter nach Gaza transportiert werden. Die GĂŒter werden den Angaben zufolge ĂŒber Partnerorganisationen wie das Internationale Rote Kreuz abgewickelt. Bislang kommen allerdings nur sehr wenig HilfsgĂŒter in dem abgeriegelten KĂŒstengebiet an.
Noch viele Deutsche in der Krisenregion
In der Krisenregion im Nahen Osten befinden sich trotz des Gaza-Kriegs noch immer einige tausend deutsche StaatsbĂŒrger. Nach Angaben des AuswĂ€rtigen Amts sind derzeit etwa 2700 Deutsche in Israel. Im Nachbarland Libanon, wo die Bundesrepublik ihre StaatsbĂŒrger ausdrĂŒcklich zur Ausreise aufgerufen hat, sind es demnach knapp 1100.
Im Gazastreifen geht das Berliner Ministerium von einer «niedrigen dreistelligen» Personenzahl aus. Insgesamt sollen es in den PalĂ€stinensergebieten etwa 490 Menschen sein. GezĂ€hlt werden dabei aber ausschlieĂlich jene BundesbĂŒrger, die sich freiwillig auf einer Krisenvorsorgeliste des AuswĂ€rtigen Amts eingetragen haben.















