Geiselrettung und neue Angriffe auf den Libanon
12.02.2024 - 13:10:04Die Rettung zweier israelischer Geiseln im SĂŒden des Gazastreifens ist nach Armeeangaben in einer dramatischen Befreiungsaktion unter heftigem Beschuss erfolgt. Das israelische MilitĂ€r habe sich auf den Einsatz auf Basis nachrichtlicher Erkenntnisse seit einiger Zeit vorbereitet und einen geeigneten Moment abgewartet, sagte der israelische Armeesprecher Daniel Hagari.
Unterdessen ist bei einem israelischen Drohnenangriff nach Angaben der Hisbollah im Libanon eines ihrer ranghohen Mitglieder getroffen worden. Das bestĂ€tigte die Miliz der Deutschen Presse-Agentur. Die Drohne habe auf ein Auto im Dorf Bint Dschbail im SĂŒden des Landes gezielt. Bei dem Angriff sei Mohammed Aliwajih getroffen worden, bei der Hisbollah verantwortlich fĂŒr die Region Marun al-Ras nahe der libanesisch-israelischen Grenze. Aliwajih sei lebensgefĂ€hrlich verletzt worden.
Israels Armee teilte mit, Kampfjets hÀtten eine Reihe von Zielen der Hisbollah in der Grenzregion angegriffen. Diese hÀtten in der Gegend von Marun al-Ras auch ein Fahrzeug getroffen. In diesem hÀtten sich «Terroristen der Hisbollah» befunden. Die Armee habe auch Infrastruktur und MilitÀranlagen nahe der Grenze getroffen und zerstört.
Spezialoperation zur Geiselbefreiung
Die in einer Spezialoperation im sĂŒdlichen Gazastreifen befreiten Geiseln sind im Krankenhaus bereits von ihren Familien in die Arme geschlossen worden. Es handelt sich um zwei MĂ€nner im Alter von 60 und 70 Jahren. Der argentinische PrĂ€sident Javier Milei schrieb bei X, vormals Twitter, die Befreiten seien israelisch-argentinische DoppelstaatsbĂŒrger.
Der Schwiegersohn eines der Befreiten sagte israelischen Medien, die Familie habe die Mitteilung in der Nacht bekommen und die vier erwachsenen Kinder seien direkt ins Krankenhaus gefahren. Trotz der mehr als viermonatigen Geiselhaft sei der 70-JĂ€hrige in vergleichsweise guten Zustands, er sehe nur etwas dĂŒnn und blass aus. «Er ist etwas schockiert von dem ganzen Trubel», sagte der Schwiegersohn dem israelischen Sender Kan. Die Nachrichtenseite «ynet» berichtete unter Berufung auf Familienmitglieder, die beiden MĂ€nner hĂ€tten wĂ€hrend der Zeit in Geiselhaft einen groĂen Teil ihres Körpergewichts verloren. Den Angaben zufolge hungerten sie oft tagelang.
Die israelische Nachrichtenseite «ynet» berichtete, die Geiseln seien im Haus einer Familie in Rafah festgehalten und dort im zweiten Stock befreit worden. Die Befreiung geschah den Berichten zufolge im Zuge heftiger KÀmpfe und Angriffe im Bereich von Rafah, bei denen nach palÀstinensischen Angaben Dutzende von PalÀstinensern getötet wurden.
Erste erfolgreiche Befreiung
Es sind die ersten zivilen Geiseln, deren Befreiung seit Beginn des Gaza-Krieges vor mehr als vier Monaten gelungen ist. Ende Oktober hatten israelische SpezialkrĂ€fte bereits eine Soldatin aus der Gewalt der Hamas befreit. Eine andere Geisel war nach MilitĂ€rangaben im Dezember bei einem gescheiterten Befreiungsversuch getötet worden. Bei einem anderen Vorfall hatten israelische Soldaten versehentlich drei Geiseln erschossen.Â
Der israelische PrĂ€sident Izchak Herzog schrieb bei X: «Alle Achtung denen, die daran beteiligt waren, Fernando und Luis in einer wagemutigen Rettungsaktion heimzubringen. Wir werden weiter alles daransetzen, alle Geiseln nach Hause zu bringen.» Auch der israelische AuĂenminister Israel Katz dankte den SpezialkrĂ€ften und sagte, man werde weiterhin alles tun, «um alle Geiseln aus der Gewalt der mörderischen Terrororganisation zu befreien».
PalÀstinenser berichten von Hunderten Verletzten
Nach palĂ€stinensischen Angaben sind durch den Angriff auf Rafah Dutzende PalĂ€stinenser getötet worden. Die von der Hamas kontrollierte Gesundheitsbehörde berichtete von mindestens 70 Toten und mehr als 160 Verletzten. UnabhĂ€ngig waren die Angaben zunĂ€chst nicht zu ĂŒberprĂŒfen.
Die islamistische Terrororganisation Hamas sprach in einer Mitteilung von «Massakern» an Frauen, Kindern und Àlteren Menschen, die zuvor aus anderen Teilen des Gazastreifens geflohen seien. Die Hamas nannte die Zahl von mehr als 100 Toten bei den Angriffen.
Die Rettungsaktion erfolgte, wĂ€hrend sich Israel auf eine MilitĂ€roffensive auf die an Ăgypten angrenzende Stadt Rafah vorbereitet. Dort befinden sich derzeit Hunderttausende Zivilisten, die auf engstem Raum Schutz suchen. Die PlĂ€ne Israels fĂŒr eine MilitĂ€roffensive in der ĂŒberfĂŒllten Stadt stoĂen international auf starke Kritik. Seit dem 7. Oktober wurden laut der Hamas-Gesundheitsbehörde mehr als 28.300 PalĂ€stinenser getötet. Es wird befĂŒrchtet, dass die Zahl bei einem Einsatz in Rafah noch einmal deutlich steigen könnte.Â
Gerettete Geiseln im Krankenhaus
Auch die beiden in der Nacht befreiten Geiseln seien bei dem Massaker der Hamas am 7. Oktober in das abgeriegelte KĂŒstengebiet am Mittelmeer entfĂŒhrt worden, hieĂ es weiter. Sie seien nun zur medizinischen Untersuchung in ein Krankenhaus gebracht worden. Israel gebe sein Bestes, um alle lebenden Geiseln zurĂŒckzuholen, sagte Netanjahu in dem ABC-Interview, «und offen gestanden auch die Leichen». Darauf werde er aber nicht nĂ€her eingehen. Die beiden Ziele, die Hamas zu besiegen und die Leben der Geiseln zu retten, schlössen sich nicht gegenseitig aus, sagte der israelische MinisterprĂ€sident weiter.
Viele Angehörige der Geiseln werfen Netanjahu vor, die von internationalen Vermittlern gefĂŒhrten Verhandlungen zu torpedieren, die zu einer Waffenruhe im Krieg mit der Hamas und zu einem Austausch der Geiseln gegen palĂ€stinensische HĂ€ftlinge fĂŒhren sollen. Bei einem TelefongesprĂ€ch von US-PrĂ€sident Joe Biden mit Netanjahu am Sonntag ging es nach Angaben des WeiĂen Hauses um das gemeinsame Ziel, die Hamas zu besiegen und die langfristige Sicherheit Israels und des israelischen Volkes zu gewĂ€hrleisten. Biden habe auĂerdem darauf gepocht, «die in den Verhandlungen (mit der Hamas) erzielten Fortschritte zu nutzen, um die Freilassung aller Geiseln so schnell wie möglich sicherzustellen».
UN-Kommissar: Kollektive Bestrafung der PalÀstinenser verletzt Völkerrecht
Der UN-Hochkommissar fĂŒr Menschenrechte, Volker TĂŒrk, bezeichnet die Lage in Rafah im SĂŒden des Gazastreifen als «schrecklich». «Mir fallen eigentlich keine Worte mehr ein, wie man die Situation zurzeit beschreiben kann», sagte TĂŒrk im Morgenjournal des österreichischen Senders Ă1. In Rafah lebten heute 1,4 Millionen Menschen, vor Beginn der israelischen Angriffe seien es 300.000 gewesen. Die Menschen hĂ€tten dort nicht genĂŒgend zu essen und viele hĂ€tten erlebt, dass Familienangehörige getötet wurden. «In so einer Situation noch einen Angriff zu fĂŒhren, da frage ich mich schon: Was muss noch passieren?», sagte TĂŒrk.
Das UN-MenschenrechtsbĂŒro betrachte die Lage mit gröĂter Sorge. «Die kollektive Bestrafung der PalĂ€stinenser, vor allem auch die Abkoppelung von humanitĂ€rer Hilfe, ist eine Verletzung des humanitĂ€ren Völkerrechts», sagte TĂŒrk. «Ich habe sehr schwerwiegende Bedenken, dass das, was sich vor unseren Augen abspielt, noch verhĂ€ltnismĂ€Ăig ist.»
Bundesregierung mahnt Schutz der Zivilisten - Merz stellt sich hinter Israel
Deutschland hat die israelische Regierung angesichts der angekĂŒndigten MilitĂ€roffensive erneut eindringlich zum Schutz der palĂ€stinensischen Zivilbevölkerung dort aufgerufen. «Wir sind angesichts der Lage in Rafah sehr besorgt. Dort sind ja ĂŒber eine Million Menschen auf sehr engem Raum, (...) die dort Schutz suchen vor den MilitĂ€roperationen und die im Grunde ja nirgendwo anders mehr hin können», sagte ein Sprecher des AuswĂ€rtigen Amts. Es gelte, was AuĂenministerin Annalena Baerbock schon am Wochenende erklĂ€rt habe: Bevor es zu weiteren gröĂeren Offensiven auf Rafah gegen die Hamas kommen sollte, mĂŒsse Israel klar darlegen, «wo und wie diese Menschen Schutz finden können - und zwar effektiven Schutz finden können».
Unionsfraktionschef Friedrich Merz hat sich unterdessen hinter das militĂ€rische Vorgehen Israels gegen die islamistische Hamas im Gazastreifen und im sĂŒdlichen Grenzort Rafah gestellt. «Die israelische Regierung und die israelische Armee tun nach meinem Eindruck alles, um die Zivilbevölkerung dort zu schĂŒtzen», sagte der CDU-Vorsitzende nach einem Treffen mit dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu in Jerusalem. Die Zivilbevölkerung werde von der Hamas als Schutzschild missbraucht, um die BekĂ€mpfung des Terrors schwerer zu machen. «Insofern liegt es jetzt auch bei der Hamas, dafĂŒr zu sorgen, dass hier nicht noch mehr zivile Opfer zu beklagen sind», ergĂ€nzte Merz.Â
Er habe Netanjahu zunĂ€chst zur Befreiung von zwei weiteren Geiseln in der vergangenen Nacht gratuliert, sagte Merz. «Das ist ein gutes Zeichen.» Es seien aber immer noch viele Geiseln von den Terroristen gefangen. «Wichtig ist, dass die israelische Armee, dass die israelische Regierung jetzt Erfolg hat in der wirklichen Zerstörung der Hamas», sagte der Unionsfraktionschef. «Und auf diesem Weg sind sie.» Er habe mit Netanjahu auch ĂŒber die humanitĂ€re Lage der Menschen im Gazastreifen gesprochen.
Nach Klage: Niederlande stoppt vorerst RĂŒstungsexport
Die Niederlande dĂŒrfen nach einem Gerichtsurteil keine Ersatzteile des Kampfflugzeuges F-35 mehr nach Israel exportieren. Ein Gericht in Den Haag gab einer Klage von Menschen- und Friedensorganisationen statt. Es bestehe das groĂe Risiko, dass Israel mit den Luftangriffen auf den Gazastreifen das humanitĂ€re Kriegsrecht verletze. «Israel nimmt bei den Angriffen zu wenig RĂŒcksicht auf die Folgen fĂŒr die Zivilbevölkerung», hieĂ es weiter. Das Gericht erlegte dem Staat auf, innerhalb der nĂ€chsten sieben Tage die Ausfuhr der Ersatzteile nach Israel zu stoppen. Der Staat kann noch in die Revision gehen.
Auf einem LuftwaffenstĂŒtzpunkt im SĂŒden des Landes befindet sich das europĂ€ische Ersatzteillager des US-Herstellers der Kampfflugzeuge F-35. Auch Israel wird von hier aus beliefert.
Die Organisationen Oxfam Novib, Pax Niederlande und The Rights Forum hatten den Staat verklagt und auf möglichen Völkermord und Kriegsverbrechen durch Israel verwiesen. Der niederlĂ€ndische Staat sei durch die RĂŒstungsexporte mitverantwortlich. Der Verteidiger des Staates hatte sich auf das Selbstverteidigungsrecht Israels berufen. Ein VerstoĂ gegen das Kriegsrecht sei nicht nachgewiesen.


