UN-Chef besorgt ĂŒber explosive Lage im Westjordanland
29.08.2024 - 04:56:48UN-GeneralsekretĂ€r AntĂłnio Guterres hat sich zutiefst besorgt ĂŒber die explosive Lage im Westjordanland und Israels groĂangelegten MilitĂ€reinsatz in dem besetzten Gebiet gezeigt. «Er verurteilt auf das SchĂ€rfste den Verlust von Menschenleben, darunter auch von Kindern», erklĂ€rte sein Sprecher StĂ©phane Dujarric. Guterres fordere die sofortige Beendigung der EinsĂ€tze.Â
Ein israelischer Armeesprecher begrĂŒndete das Vorgehen, bei dem nach palĂ€stinensischen Angaben bisher mindestens zehn Menschen getötet wurden, mit der deutlich gestiegenen Anzahl von AnschlĂ€gen auf Israelis. Zugleich hat auch die Gewalt extremistischer israelischer Siedler im Westjordanland zugenommen.
EU-Chefdiplomat legt Vorschlag fĂŒr Israel-Sanktionen vor
Wegen Aufstachelung zu Hass und Menschenrechtsverletzungen hat der EU-AuĂenbeauftragte Josep Borrell den Regierungen der 27 EU-Staaten einen Vorschlag fĂŒr Sanktionen gegen Israels rechtsextremen Finanzminister Bezalel Smotrich und den ebenfalls rechtsextremen Polizeiminister Itamar Ben-Gvir unterbreitet, wie mehrere EU-Beamte der Deutschen Presse-Agentur kurz vor einem heutigen EU-AuĂenministertreffen bestĂ€tigten. Die beiden israelischen Regierungsmitglieder sind Verfechter der aus Sicht des höchsten UN-Gerichts illegalen Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten im Westjordanland. Ob und wenn ja, wann der Vorschlag von Borrell umgesetzt wird, ist allerdings noch unklar.
Die US-Regierung verhĂ€ngt derweil wegen der extremistischen Siedlergewalt weitere Sanktionen, diesmal gegen die israelische Nichtregierungsorganisation Haschomer Josch. Ende Januar seien die Bewohner des palĂ€stinensischen Beduinen-Dorfs Chirbet Zanuta bei Hebron dazu gezwungen worden, den Ort zu verlassen, teilte das US-AuĂenministerium mit. Freiwillige der NGO hĂ€tten das Dorf daraufhin umzĂ€unt und die RĂŒckkehr der Bewohner verhindert. Die USA haben schon mehrfach Siedler im Westjordanland sanktioniert.
«Extremistische Siedlergewalt im Westjordanland verursacht groĂes menschliches Leid, schadet der Sicherheit Israels und untergrĂ€bt die Aussichten auf Frieden und StabilitĂ€t in der Region», teilte das Ministerium mit. «Israel betrachtet die VerhĂ€ngung von Sanktionen gegen israelische BĂŒrger mit gröĂter Ernsthaftigkeit», teilte das BĂŒro des israelischen Regierungschefs Benjamin Netanjahu mit. Die Angelegenheit werde mit den USA diskutiert.
Israels Armee: Einsatz gilt Terrornetzwerk
Nach israelischer Darstellung ist Ziel des groĂangelegten Einsatzes im Westjordanland - vor allem in Dschenin und Tulkarem - ein vom Iran unterstĂŒtztes Terrornetzwerk. Beide StĂ€dte gelten als Hochburgen militanter PalĂ€stinenser. Seit Beginn des Gaza-Kriegs vor fast elf Monaten seien allein von dort aus rund 150 AnschlĂ€ge mit Schusswaffen und SprengsĂ€tzen auf Israelis verĂŒbt worden, so ein MilitĂ€rsprecher. Die Unruhen sowie die zugleich zunehmende Gewalt israelischer Siedler gegen PalĂ€stinenser drohten das Westjordanland zu einem weiteren groĂen Kampfschauplatz zu machen, schrieb das «Wall Street Journal» - neben dem Gaza-Krieg und den Konfrontationen Israels mit der Hisbollah-Miliz im Libanon.Â
«Es wird einen Siedepunkt erreichen», sagte ein MilitĂ€ranalyst am Institut fĂŒr nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv der US-Zeitung zur allgemeinen Situation im Westjordanland. Das israelische MilitĂ€r und die Sicherheitsbehörden seien «sehr besorgt ĂŒber das, was dort vor sich geht». Israels AuĂenminister Israel Katz meinte auf der Plattform X: «Wir mĂŒssen mit der Bedrohung genauso umgehen wie mit der Terror-Infrastruktur in Gaza, einschlieĂlich der vorĂŒbergehenden Evakuierung palĂ€stinensischer Zivilisten.» Es sei «ein Krieg in jeder Hinsicht, und wir mĂŒssen dabei siegen». Ein Armeesprecher sagte, ihm sei zu möglichen EvakuierungsplĂ€nen der Zivilbevölkerung im nördlichen Westjordanland nichts bekannt.
Scholz: Spirale von Vergeltungsgewalt durchbrechenÂ
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) war sich mit Ăgyptens PrĂ€sident Abdel Fattah al-Sisi am Telefon einig, dass es «jetzt mehr denn je darauf ankomme, die destruktive Spirale von Vergeltungsgewalt in der Region zu durchbrechen», wie Regierungssprecher Steffen Hebestreit in Berlin im Anschluss mitteilte. Beide hĂ€tten die Bedeutung eines Abkommens zur Freilassung der Geiseln und eines Waffenstillstands im Gazastreifen unterstrichen. Zudem seien sie sich einig in ihrer Ablehnung des illegalen Siedlungsbaus im Westjordanland und in ihrer «klaren Verurteilung extremistischer Siedlergewalt und jedweden Versuchs der Vertreibung von Menschen aus den palĂ€stinensischen Gebieten», teilte der Sprecher mit.
Israels MilitĂ€reinsatz im Westjordanland könnte nach Informationen der «Times of Israel» noch lĂ€nger dauern. Er sei Quellen in der Armee zufolge auf mehrere Tage angelegt. UN-GeneralsekretĂ€r Guterres fordere die SicherheitskrĂ€fte auf, «gröĂtmögliche ZurĂŒckhaltung zu ĂŒben und tödliche Gewalt nur dann anzuwenden, wenn dies zum Schutz von Menschenleben absolut unvermeidlich ist», erklĂ€rte sein Sprecher weiter. Letztlich könne nur ein «Ende der Besatzung und die RĂŒckkehr zu einem sinnvollen politischen Prozess, der eine Zwei-Staaten-Lösung herbeifĂŒhrt, ein Ende der Gewalt bringen», sagte der Sprecher von Guterres weiter.
Gaza-Verhandlungen sollen weitergehen
Unterdessen gehen die KĂ€mpfe im Gazastreifen ebenso weiter wie die BemĂŒhungen um eine Waffenruhe und Freilassung der verbliebenen Geiseln in der Gewalt der Hamas. Eine israelische Delegation sollte zu weiteren GesprĂ€chen ĂŒber ein Abkommen mit der Hamas in die katarische Hauptstadt Doha reisen. Die indirekten Verhandlungen, bei denen Katar sowie Ăgypten und die USA zwischen den Konfliktparteien vermitteln, treten seit Monaten auf der Stelle. Israelische EinsatzkrĂ€fte haben unterdessen im Gazastreifen die Leiche eines israelischen Soldaten gefunden und zurĂŒck nach Israel gebracht.Â
Der Mann sei bereits am 7. Oktober wÀhrend des Massakers der Hamas im israelischen Grenzgebiet getötet worden, hieà es in einer ErklÀrung der Armee, des israelischen Geheimdienstes Schin Bet sowie der Polizei. Die Hamas hat jetzt nach israelischer ZÀhlung noch 107 Geiseln in ihrer Gewalt. Mindestens ein Drittel davon gilt als tot. Das Massaker, bei dem Terroristen der Hamas und anderer extremistischer Gruppen mehr als 1.200 Menschen töteten und mehr als 250 weitere nach Gaza verschleppten, war Auslöser des Krieges.
Bei Israels anschlieĂender Offensive in dem abgeriegelten KĂŒstenstreifen wurden laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde bisher mehr als 40.400 Menschen getötet. Die unabhĂ€ngig nicht ĂŒberprĂŒfbare Zahl unterscheidet nicht zwischen KĂ€mpfern und Zivilisten.







