Putschisten entmachten PrÀsidenten in Niger
27.07.2023 - 14:38:30Mit einem MilitĂ€rputsch gegen den nigrischen PrĂ€sidenten Mohamed Bazoum haben europĂ€ischen BemĂŒhungen um eine Stabilisierung der Sahelzone einen schweren RĂŒckschlag erlitten.
Nachdem Offiziere der PrĂ€sidentengarde den im Februar 2021 gewĂ€hlten Bazoum am Vortag festgesetzt und fĂŒr entmachtet erklĂ€rt hatten, stellte sich die Armee auf die Seite der rebellierenden MilitĂ€rs. Scharfe Kritik am Vorgehen der Putschisten war aus Washington, von der EU aus BrĂŒssel, der Afrikanischen Union sowie von der Bundesregierung gekommen, die noch etwa 100 Soldaten in dem westafrikanischen Land stationiert hat und mehrfach Angebote zu einer verstĂ€rkten Zusammenarbeit mit dem MilitĂ€r gemacht hat.
Die StreitkrĂ€fte begrĂŒndeten ihre Entscheidung damit, die «körperliche Unversehrtheit des PrĂ€sidenten und seiner Familie gewĂ€hrleisten» sowie eine «tödliche Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen SicherheitskrĂ€ften» vermeiden zu wollen, wie sie auf Facebook und Twitter mitteilten. Das MilitĂ€r warnte auslĂ€ndische Staaten auch davor, militĂ€risch einzugreifen. Dies könnte verheerende Folgen fĂŒr das Land haben. UnbestĂ€tigten Berichten zufolge könnte nun der Chef der PrĂ€sidentengarde, General Omar Tchiani, die FĂŒhrung eines MilitĂ€rrats ĂŒbernehmen.
GestĂŒrzter PrĂ€sident ruft zum Erhalt der Demokratie auf
Bazoum hatte zuvor zum Erhalt der demokratischen Errungenschaften des Landes aufgerufen. «Alle Nigrer, die Demokratie und Freiheit lieben, werden dafĂŒr sorgen», schrieb Bazoum auf Twitter.
EU-RatsprĂ€sident Charles Michel teilte mit, dass er mit Bazoum gesprochen und ihm die UnterstĂŒtzung der EU zugesichert habe. Die EuropĂ€ische Union verurteile den Destabilisierungsversuch im Niger aufs SchĂ€rfste. UN-GeneralsekretĂ€r AntĂłnio Guterres forderte die Freilassung von Bazoum. Die demokratische FĂŒhrung des Landes dĂŒrfe nicht behindert werden und die Rechtsstaatlichkeit mĂŒsse geachtet werden, sagte Guterres in New York.
«Wo MilitĂ€rs mit Gewalt nach Macht greifen, schaden sie ihrem Land», schrieb BundesauĂenministerin Annalena Baerbock auf Twitter. Ein Sprecher des AuswĂ€rtigen Amtes hatte zuvor mitgeteilt: «Wir verurteilen den Versuch von Teilen des MilitĂ€rs, die verfassungsmĂ€Ăige demokratische Ordnung Nigers umzustoĂen, und fordern diese auf, den demokratisch gewĂ€hlten PrĂ€sidenten Bazoum unverzĂŒglich freizulassen und in ihre UnterkĂŒnfte zurĂŒckzukehren.» Gewalt sei kein Mittel zur Durchsetzung politischer oder persönlicher Interessen. Auch die Vereinten Nationen, die USA und die westafrikanische Staatengemeinschaft Ecowas forderten eine Freilassung Bazoums und die RĂŒckkehr zur verfassungsmĂ€Ăigen Ordnung.
Bundeswehrsoldaten in Sicherheit
Die jetzt in dem Land stationierten deutschen Soldaten waren nach Angaben der Bundeswehr in Sicherheit und auf dem LufttransportstĂŒtzpunkt, wo auch andere westliche Staaten MilitĂ€r haben. Nach dpa-Informationen wurde auch deutsches Botschaftspersonal auf dem GelĂ€nde in Sicherheit gebracht. Der letzte Versorgungsflug der Bundeswehr nach Niamey war am Vortag gelandet. Auf dem Flugplatz steht auch noch ein deutscher Transporter vom Typ A 400 M.
Wegen des Putsches sperrten die nigrischen Behörden den Luftraum, was auch die FlĂŒge der Bundeswehr nach Niamey betraf. In einem Hinweis an die Luftfahrt («notice to airmen») wurden Landungen auf dem Flughafen bis zum 4. August fĂŒr alle FlĂŒge untersagt. Der LufttransportstĂŒtzpunkt in Niamey ist auch Drehkreuz fĂŒr den laufenden Abzug der Bundeswehr aus dem benachbarten Mali.
Niger gehört zu den Àrmsten LÀndern der Welt
Der Niger ist in den vergangenen Jahren in den Mittelpunkt der westlichen BemĂŒhungen gerĂŒckt, dem gewaltsamen Vormarsch der Dschihadisten in Westafrika und auch einem wachsenden militĂ€rischen Einfluss von Russland entgegenzuwirken. Die Putsche in Mali und Burkina Faso gingen mit einer Abwendung von europĂ€ischen Partnern und zuletzt der Forderung nach Abzug der UN-Friedensmission zur Stabilisierung Malis einher. Das DreilĂ€ndereck wird seit Jahren von Gruppen terrorisiert, die den Terrormilizen Al-Kaida und IS anhĂ€ngen. Die Sicherheitslage verschlimmert sich zunehmend und bedroht auch bislang stabile angrenzende Staaten.
FĂŒr die EU ist die Lage im Niger auch bedeutend, weil es eines der wichtigsten TransitlĂ€nder fĂŒr afrikanische Migranten ist, die die KĂŒsten des Mittelmeeres erreichen und von dort aus nach Europa ĂŒbersetzen wollen. Deshalb hatten die EU und Niger bereits im vergangenen Sommer vereinbart, beim Thema Menschenschmuggel enger zusammenzuarbeiten.
Der Niger gehört mit seinen rund 26 Millionen Einwohnern zu den Ă€rmsten LĂ€ndern der Welt. Bazoums AmtseinfĂŒhrung im April 2021 war der erste friedliche demokratische Machtwechsel im Land seit seiner UnabhĂ€ngigkeit von Frankreich 1960 - wenige Tage vorher kam es noch zu einem Putschversuch, den die PrĂ€sidentengarde verhinderte. Bazoum diente unter seinem VorgĂ€nger Mahamadou Issoufou seit 2011 als AuĂen- und Innenminister, bis er zur Nachfolge des nach zwei Amtszeiten ausgeschiedenen Issoufou antrat und mit rund 56 Prozent der Stimmen gewann. Issoufou behielt viel Einfluss. Beobachter vermuteten als möglichen Hintergrund auch einen Kampf um Einfluss in Niamey.







