Putin, Selenskyj

Putin? Selenskyj? Biden patzt wieder

Veröffentlicht am: 12.07.2024 um 05:59 Uhr | dpa.de

Jede Silbe, jede Regung des US-PrĂ€sidenten wird derzeit seziert. Und genau bei einer wichtigen BewĂ€hrungsprobe auf internationaler BĂŒhne macht Biden wieder peinliche Fehler.

  • In Washington stand der Ukraine-Krieg in den vergangenen Tagen ganz oben auf der Agenda.  - Bild: Susan Walsh/AP/dpa
    In Washington stand der Ukraine-Krieg in den vergangenen Tagen ganz oben auf der Agenda. - Bild: Susan Walsh/AP/dpa
  • Nato-GeneralsekretĂ€r Stoltenberg betont die StĂ€rke des MilitĂ€rbĂŒndnisses (Archivbild). - Bild: Matt Rourke/AP
    Nato-GeneralsekretĂ€r Stoltenberg betont die StĂ€rke des MilitĂ€rbĂŒndnisses (Archivbild). - Bild: Matt Rourke/AP
  • Biden stand beim Nato-Gipfel in Washington unter stĂ€ndiger Beobachtung. - Bild: Jacquelyn Martin/AP
    Biden stand beim Nato-Gipfel in Washington unter stÀndiger Beobachtung. - Bild: Jacquelyn Martin/AP
In Washington stand der Ukraine-Krieg in den vergangenen Tagen ganz oben auf der Agenda.  - Bild: Susan Walsh/AP/dpa Nato-GeneralsekretĂ€r Stoltenberg betont die StĂ€rke des MilitĂ€rbĂŒndnisses (Archivbild). - Bild: Matt Rourke/AP Biden stand beim Nato-Gipfel in Washington unter stĂ€ndiger Beobachtung. - Bild: Jacquelyn Martin/AP

Joe Biden passiert der schlimmstmögliche Versprecher. Es ist der letzte große Programmpunkt des US-PrĂ€sidenten mit seinen auslĂ€ndischen Kollegen beim Nato-Gipfel in Washington: ein gemeinsamer Auftritt mit ihnen und dem ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj. Mithilfe eines Teleprompters hat Biden gerade eine kurze Ansprache erfolgreich ĂŒber die BĂŒhne gebracht und will nur noch Selenskyj das Pult ĂŒberlassen, da sagt der 81-JĂ€hrige diesen Satz: «Nun ĂŒbergebe ich das Wort an den PrĂ€sidenten der Ukraine, der ebenso viel Mut wie Entschlossenheit besitzt. Meine Damen und Herren: PrĂ€sident Putin.» Ausgerechnet.

SchrĂ€g hinter Biden stehen aufgereiht Staats- und Regierungschefs anderer Nato-Staaten. Bundeskanzler Olaf Scholz schaut perplex, EU-RatsprĂ€sident Charles Michel schielt unglĂ€ubig zur Seite. Andere klatschen verkrampft. Noch wĂ€hrend sich der US-PrĂ€sident vom Rednerpult wegdreht, bemerkt er den Fehler, korrigiert sich und versucht es mit dem Scherz, er sei einfach so sehr darauf konzentriert, Putin zu besiegen. Dazu lĂ€chelt er schief. Selenskyj, der neben ihm auf der BĂŒhne steht, kontert gnĂ€dig und in Anspielung auf Putin: «Ich bin besser.» Die peinliche Verwechslung ist allerdings nur der Vorgeschmack auf eine Pressekonferenz Bidens, die kurz darauf folgt und nachhallen dĂŒrfte.

Nervöse Kabinettsmitglieder im Publikum

Es ist die erste Solo-Pressekonferenz des mĂ€chtigsten Mannes der Welt seit langem. Und der Demokrat, der seit seinem Wahlkampfdesaster im TV-Duell gegen Donald Trump verzweifelt darum kĂ€mpft, seine PrĂ€sidentschaftskandidatur zu retten, soll sich hier beweisen. In der ersten Reihe sitzen nebeneinander Außenminister Antony Blinken, Verteidigungsminister Lloyd Austin und Bidens Nationaler Sicherheitsberater, Jake Sullivan. Die Anspannung ist ihnen anzusehen. 

Sein Auftaktstatement liest Biden wie bei den allermeisten seiner Auftritte, von Telepromptern ab, mal links, mal rechts, weitgehend unfallfrei. Er rĂ€uspert sich viel - auch das ist bei ihm nicht ungewöhnlich - und stolpert nur ab und zu ĂŒber ein paar Buchstaben. Doch gleich bei der ersten Frage passiert ihm ein Patzer, der in der Rangliste der Versprecher direkt hinter Selenskyj-Putin kommt: Er verwechselt den Namen seiner Stellvertreterin Kamala Harris mit dem seines republikanischen Herausforderers und Erzrivalen Donald Trump. Ausgerechnet. 

Ein Journalist fragt Biden, was er ĂŒber die Chancen von Harris denkt, Trump bei der PrĂ€sidentenwahl zu schlagen, falls er selbst ausfallen sollte und sie fĂŒr die Demokraten ins Rennen ginge. Biden antwortet: «Sehen Sie, ich hĂ€tte VizeprĂ€sident Trump nicht als VizeprĂ€sidentin gewĂ€hlt, wenn ich nicht denken wĂŒrde, dass sie fĂŒr das Amt des PrĂ€sidenten qualifiziert ist.» 

In der ersten Reihe zuckt Blinken in diesem Moment fast unmerklich zusammen und senkt um wenige Millimeter den Blick. Nachdem er vor Monaten eine Aufreger-Äußerung seines Chefs bei einer Pressekonferenz in Reihe eins mit einem schmerzverzerrten Gesicht und krampfartigen Bewegungen verfolgt hatte, ringt der Chefdiplomat diesmal besonders intensiv um Fassung. Zwei PlĂ€tze links von ihm hebt Sullivan nach dem Biden-Satz eine Hand vors Gesicht und reibt sich das Kinn. Zwischen den beiden hört Austin ohne Regung zu. 

Dieser Fehler Bidens erinnert an einen Patzer des PrĂ€sidenten vor wenigen Tagen, als er in einem Radiointerview sagte: «Ich bin stolz darauf (...), die erste VizeprĂ€sidentin zu sein, die erste schwarze Frau, die mit einem schwarzen PrĂ€sidenten zusammenarbeitet.» Auch das ließ viele ratlos zurĂŒck.

«Die am besten qualifizierte Person fĂŒr den Job»

Die nĂ€chsten Fragen bei Bidens Presseauftritt fallen Ă€hnlich brutal aus: Ein Journalist will von Biden wissen, ob seine stĂ€ndigen Fauxpas, auch auf der WeltbĂŒhne wie beim Nato-Gipfel, nicht allmĂ€hlich dem Ansehen der Vereinigten Staaten schaden. Mehrere Regierungschefs wurden dort vor Kameras auf den Zustand ihres US-Kollegen angesprochen und mussten fĂŒr ihn in die Bresche springen (Scholz: «Versprecher passieren»). 

Eine andere Reporterin fragt den US-PrĂ€sidenten, ob er nicht Angst um sein politisches VermĂ€chtnis habe, wenn er unbeirrt von der Debatte um seine geistige Fitness weitermache. Doch Biden gibt sich trotzig. Es gehe ihm nicht um sein VermĂ€chtnis. «Ich möchte die Arbeit, die ich begonnen habe, zu Ende bringen», sagt er. Und: «Ich glaube, ich bin die am besten qualifizierte Person fĂŒr den Job.»

Biden rattert politische Errungenschaften seiner Amtszeit herunter und schiebt nach, es gebe noch so viel zu tun. «Ich muss diesen Job zu Ende bringen, denn es steht so viel auf dem Spiel.» Er warnt vor Trump und macht immer wieder deutlich, dass er nicht vorhat, beiseitezutreten. Nur wenn er langsamer wĂŒrde und seine Arbeit nicht erledigen könne, dann wĂ€re dies ein Zeichen dafĂŒr, dass er aufhören sollte, argumentiert er. «Aber dafĂŒr gibt es bisher keine Anzeichen - keine.»

FlĂŒsterton und Faust 

Mehrere Male lehnt er sich etwas ungelenk nach vorn ĂŒber das Pult und flĂŒstert mit aufgerissenen Augen SĂ€tze ins Mikro - wohl um sie wirkungsvoller zu machen. Zwischendurch ballt Biden mehrfach die Faust, um StĂ€rke zu demonstrieren - wie öfter auch in den vergangenen Tagen beim Nato-Gipfel, als er immer wieder auf die RĂŒckzugsforderungen seiner Parteikollegen angesprochen wurde und die Faust als Antwort lieferte.

Doch ein ums andere Mal patzt Biden bei der Pressekonferenz, gerĂ€t ins Stocken, bringt SĂ€tze nicht zu Ende, verwechselt mal Zahlen oder LĂ€nder (Nordkorea und SĂŒdkorea). Und immer, wenn er nicht er weiterweiß, sagt er «wie dem auch sei». Die Wendung ist oft zu hören in dieser knapp einstĂŒndigen Pressekonferenz. 

Kompetent - aber nicht genug

Die Erwartungen an Bidens Performance waren sehr niedrig. Diese dĂŒrfte der Demokrat ĂŒbertroffen haben. Die «New York Times» bewertet Bidens Auftritt als «kompetent». Die «Washington Post» titelt: «Biden zeigt außenpolitischen Tiefgang in Pressekonferenz mit ein paar Stolperern.» Bidens UnterstĂŒtzer verloren keine Zeit, den Auftritt des 81-JĂ€hrigen öffentlich zu loben. «Beeindruckend» sei dieser gewesen, sagte zum Beispiel Senator Chris Coons. Das «Wall Street Journal» schreibt allerdings, dass Biden mit der Pressekonferenz die «Flut der AbtrĂŒnnigen» nicht stoppen werde. 

Gut möglich, dass sich Biden mit der Pressekonferenz etwas Zeit gekauft hat. Aber ein einigermaßen solider Auftritt dĂŒrfte die Bedenken in der Partei nicht ausrĂ€umen. Das zeigt auch, dass unmittelbar nach der Pressekonferenz ein weiterer Demokrat aus dem Kongress den PrĂ€sidenten aufforderte, sich aus dem Wahlkampf zurĂŒckzuziehen. Fast zwei Dutzend haben sich schon öffentlich vorgewagt. Jeden Tag kommen neue hinzu. Und weit mehr Demokraten haben öffentlich große Sorgen ĂŒber ihren Spitzenmann kundgetan: Sie werden mehr, sie werden lauter - und sie werden ungeduldiger. 

 

de | ausland | 65437391 |