Weltsicherheitsrat, Hilfe

Weltsicherheitsrat: mehr humanitĂ€re Hilfe fĂŒr Gazastreifen

22.12.2023 - 18:24:37

Jeder vierte PalĂ€stinenser im Gazastreifen steht laut den UN vor dem Hungertod. Eine mit großer MĂŒhe verabschiedete Resolution soll nun die Wende fĂŒr die humanitĂ€re Hilfe bringen.

  • Der Weltsicherheitsrat ist das mĂ€chtigste UN-Gremium. - Foto: Loey Felipe/XinHua/dpa

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  • Saal des UN-Sicherheitsrats am Sitz der Vereinten Nationen in New York. - Foto: Seth Wenig/AP/dpa

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Der Weltsicherheitsrat ist das mÀchtigste UN-Gremium. - Foto: Loey Felipe/XinHua/dpaSaal des UN-Sicherheitsrats am Sitz der Vereinten Nationen in New York. - Foto: Seth Wenig/AP/dpa

Nach tagelangem Ringen hat der Weltsicherheitsrat in einer Resolution die Aufstockung der humanitĂ€ren Hilfe fĂŒr etwa zwei Millionen Notleidende im Gazastreifen gefordert. Das mĂ€chtigste UN-Gremium verabschiedete in New York einen deutlich aufgeweichten Kompromisstext. Die USA enthielten sich.

Seit Anfang der Woche hatte es danach ausgesehen, dass Washington seine Vetomacht einsetzen wĂŒrde, um die Interessen des VerbĂŒndeten Israel zu schĂŒtzen. Massive ZugestĂ€ndnisse der UnterhĂ€ndler verhinderten ein Scheitern des Beschlusses jedoch in letzter Sekunde. Insgesamt stimmten 13 der 15 LĂ€nder fĂŒr den Text, neben den USA enthielt sich Russland.

Der völkerrechtlich bindende Beschluss fordert Israel dazu auf, «unverzĂŒglich einen sicheren und ungehinderten humanitĂ€ren Zugang» in den Gazastreifen zu ermöglichen. Auch mĂŒssten die Voraussetzungen fĂŒr eine nachhaltige Einstellung der Gewalt geschaffen werden.

UN-Koordinator fĂŒr die Kontrolle von HilfsgĂŒtern

In der strittigen Frage nach der Art der Kontrolle der HilfsgĂŒter einigten sich die Ratsmitglieder darauf, einen zustĂ€ndigen UN-Koordinator einzusetzen. Dieser solle in Zusammenarbeit mit allen Akteuren auch fĂŒr die Beschleunigung der Lieferungen sorgen. Der Rat verlangt weiter, dass humanitĂ€re GĂŒter ĂŒber alle verfĂŒgbaren GrenzĂŒbergĂ€nge in den Gazastreifen fließen sollen.

Die Vereinten Nationen wollen noch bis Jahresende den geforderten Koordinator fĂŒr humanitĂ€re Hilfe im Gazastreifen ernennen. Ein Kandidat oder eine Kandidatin sei bereits gefunden, durchlaufe momentan einen obligatorischen ÜberprĂŒfungsprozess und soll in der kommenden Woche vorgestellt werden, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur aus UN-Kreisen.

Andere Passagen aber wurden auf Druck der USA gestrichen: Ein Paragraf, der «alle VerstĂ¶ĂŸe gegen das humanitĂ€re Völkerrecht, einschließlich aller willkĂŒrlichen Angriffe auf Zivilisten und zivile Objekte» verurteilt, findet sich in der Resolution so nicht mehr. Auch eine zuvor geforderte unverzĂŒgliche Aussetzung der Gewalt, um Hilfslieferungen zu ermöglichen, fehlt.

Eine Reihe von Ratsmitgliedern war wegen der deutlichen AbschwĂ€chungen unzufrieden mit dem Text. Offen ist dabei, wie viel Einfluss die Resolution tatsĂ€chlich haben wird. Trotz ihrer Verbindlichkeit dĂŒrften die Konsequenzen fĂŒr Israel bei Zuwiderhandlung ĂŒberschaubar sein. Die VerhandlungsfĂŒhrerin der Vereinigten Arabischen Emirate, Botschafterin Lana Nusseibeh, nannte den Text «nicht perfekt» und betonte, es brauche eine Waffenruhe, um den Notleidenden zu helfen und eine Hungersnot zu verhindern.

Als Folge der israelischen KriegsfĂŒhrung der vergangenen zehn Wochen ist die humanitĂ€re Situation der mehr als zwei Millionen Menschen im Gazastreifen dramatisch. Eine aktuelle UN-Studie kommt zu dem Schluss, dass in dem abgeriegelten KĂŒstenstreifen 577.000 Menschen in die schwerwiegendste Kategorie des Hungers fallen. Im gesamten Rest der Welt zusammen gibt es dagegen gegenwĂ€rtig 129.000 Menschen, die Ă€hnlich bedroht seien. Fast alle Menschen im Gazastreifen leiden unter Hunger oder Vertreibung. Israel hatte den Gazastreifen nach der grausamen Terrorattacke der islamistischen Hamas vom 7. Oktober abgeriegelt und angegriffen.

Widerstand von den USA

Insbesondere die US-Regierung hatte bei der Verhandlung der Resolution, die von den Vereinigten Arabischen Emiraten eingebracht worden war, intern lange mit sich gerungen. Dem Vernehmen nach waren fĂŒhrende Diplomatinnen und Diplomaten schon Anfang der Woche zu einer Enthaltung bereit gewesen. Doch PrĂ€sident Joe Biden hatte trotz eines GesprĂ€chs am Dienstag mit UN-Botschafterin Linda Thomas-Greenfield zunĂ€chst die Entscheidung getroffen, ein Veto einzulegen. Dann aber bekam US-Außenminister Antony Blinken in direkten GesprĂ€chen mit seinen Amtskollegen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ägypten Diplomaten zufolge weitere ZugestĂ€ndnisse.

Der russische UN-Botschafter Wassili Nebensja warf den USA wegen ihrer Verhandlungen außerhalb des Rates «beschĂ€mendes, zynisches und unverantwortliches Verhalten» vor. Der chinesische Vertreter Ă€ußerte seine EnttĂ€uschung ĂŒber den aus Sicht Pekings zu schwachen Text - unter anderem wegen der fehlenden Waffenruhe-Forderung. Die amerikanische Botschafterin Linda Thomas-Greenfield dagegen sagte, die verabschiedete Resolution nutze die volle Macht des Weltsicherheitsrates, um den Menschen im Gazastreifen zu helfen.

In den vergangenen Wochen waren zwei Ă€hnliche ResolutionsentwĂŒrfe am Widerstand der USA gescheitert. Washington hatte sich stets hinter Israel gestellt und angegeben, dass VorstĂ¶ĂŸe per Resolution die laufenden diplomatischen BemĂŒhungen vor Ort gefĂ€hrden könnten. Bislang hat der Weltsicherheitsrat nur vor einigen Wochen eine völkerrechtlich bindende Resolution mit humanitĂ€rem Fokus zu dem Konflikt verabschiedet. Die UN-Vollversammlung hat dagegen schon zweimal per Resolution ein Ende der Gewalt gefordert. Die Resolutionen dieses Gremiums sind allerdings nicht bindend, sondern gelten eher als symbolisch.

Guterres: «Viel mehr nötig» als verabschiedete Resolution

UN-GeneralsekretĂ€r AntĂłnio Guterres hat sich skeptisch ĂŒber die vom Weltsicherheitsrat angenommene Gaza-Resolution geĂ€ußert. Er hoffe, dass der Beschluss des mĂ€chtigsten UN-Gremiums dazu beitragen kann, dass Leiden der Menschen im Gazastreifen zu lindern - aber es sei «unverzĂŒglich noch viel mehr nötig», sagte Guterres mit Blick auf die in dem Papier fehlende Forderung nach einem Ende der Gewalt.

«Ein humanitĂ€rer Waffenstillstand ist die einzige Möglichkeit, den dringenden BedĂŒrfnissen der Menschen in Gaza gerecht zu werden und ihren anhaltenden AlptrĂ€umen ein Ende zu setzen», so der 74-jĂ€hrige Portugiese weiter. HumanitĂ€re Hilfe könne nur dann wirksam geleistet werden, wenn nicht gekĂ€mpft werde.

UN-GeneralsekretĂ€r AntĂłnio Guterres hatte den Weltsicherheitsrat schon mit ungewöhnlich scharfen Maßnahmen gedrĂ€ngt, sich fĂŒr einen humanitĂ€ren Waffenstillstand einzusetzen. In einem entsprechenden Brief an den Rat bezog er sich vor kurzem auf Artikel 99 der UN-Charta. Dieser erlaubt dem GeneralsekretĂ€r, den Sicherheitsrat auf «jede Angelegenheit hinzuweisen, die seiner Meinung nach die GewĂ€hrleistung von internationalem Frieden und Sicherheit gefĂ€hrden kann» - und ist den UN zufolge seit Jahrzehnten nicht angewandt worden.

Israel: Gaza-Transporte werden weiter inspiziert

Israel hat die Resolution des Weltsicherheitsrates, die eine Aufstockung der humanitĂ€ren Hilfe fĂŒr den Gazastreifen verlangt, zur Kenntnis genommen. «Israel wird den Krieg in Gaza fortsetzen, bis alle Geiseln freigelassen sind und die Hamas im Gazastreifen eliminiert ist», schrieb Außenminister Eli Cohen auf der Plattform X, vormals Twitter.

Auch an der Kontrolle der Lieferungen soll sich aus israelischer Sicht nichts Ă€ndern. «Israel wird die gesamte humanitĂ€re Hilfe fĂŒr Gaza weiterhin aus SicherheitsgrĂŒnden inspizieren», schrieb Cohen.

Israel befĂŒrchtet, dass in den Lastwagen, die humanitĂ€re Hilfe nach Gaza bringen, auch Waffen geschmuggelt werden könnten. Es inspiziert deshalb alle Transportfahrzeuge, bevor sie in den Gazastreifen einfahren dĂŒrfen. Zugleich betont die Regierung in Jerusalem, dass die Inspektionen die Lieferungen nach Gaza nicht behinderten. Vielmehr wĂŒrden die UN-Organisationen bei der Verteilung der HilfsgĂŒter im Gazastreifen versagen.

@ dpa.de