Orbans Reise zu Putin: Von der Leyen ordnet Boykott an
15.07.2024 - 20:50:41 | dpa.deEU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen reagiert mit einer Boykott-Entscheidung auf die AlleingĂ€nge von Ungarns Regierungschef Viktor Orban in der Ukraine-Politik. Die deutsche Spitzenpolitikerin lieĂ ankĂŒndigen, dass an kĂŒnftigen informellen Ministertreffen unter der Leitung der derzeitigen EU-RatsprĂ€sidentschaft in Ungarn keine Kommissarinnen oder Kommissare, sondern nur ranghohe Beamte teilnehmen werden. Zudem verzichtet die EU-Kommission auf den traditionellen Antrittsbesuch bei der ungarischen PrĂ€sidentschaft, wie ein Sprecher mitteilte. Aus Budapest gab es zunĂ€chst eine entrĂŒstete Reaktion vom Minister fĂŒr Angelegenheiten der EuropĂ€ischen Union, Janos Boka.
Orbans «Friedensmission»
Hintergrund der Entscheidung von der Leyens ist eine mit der EU nicht abgestimmte Auslandsreise von Ungarns Regierungschef Viktor Orban wenige Tage nach dem Beginn der ungarischen EU-RatsprĂ€sidentschaft. Orban hatte dabei in Moskau Kremlchef Wladimir Putin getroffen und dies als «Friedensmission» zur Lösung des Ukraine-Konflikts inszeniert. SpĂ€ter reiste er dann auch noch nach Peking zu einem GesprĂ€ch mit Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping sowie in den USA zu einem Treffen mit dem frĂŒheren US-PrĂ€sidenten Donald Trump.Â
Die Reisen stieĂen auf groĂen Unmut in der EU - vor allem, weil der Kreml den Moskau-Besuch fĂŒr seine Propaganda ausschlachten konnte und Orban bei der Reise in der Ukraine-Politik nicht klar die EU-Position vertrat.
Die EuropĂ€ische Kommission machte mehrfach klar, dass Orban nicht im Namen der Staatengemeinschaft unterwegs sei. Auch aus dem AuswĂ€rtigen Amt kam deutliche Kritik. «Das sind ungarische AlleingĂ€nge, die wir mit groĂer Verwunderung und Skepsis zur Kenntnis nehmen», sagte ein Sprecher in der Bundespressekonferenz in Berlin am vergangenen Freitag. Orban spreche auf diesen Reisen ausschlieĂlich fĂŒr sich selbst - und nicht fĂŒr die EuropĂ€ische Union. Zu möglichen Konsequenzen sagte der Sprecher, man mĂŒsse sehen, wie die ungarische RatsprĂ€sidentschaft weiter laufe. «Sie hat schon groĂen Flurschaden hinterlassen.»Â
Manche LĂ€nder zogen bereits Konsequenzen
Litauen und Schweden kĂŒndigten als Reaktion auf die AlleingĂ€nge Orbans zu Beginn der EU-RatsprĂ€sidentschaft bereits an, vorĂŒbergehend keine Ministerinnen und Minister zu Treffen nach Ungarn schicken. Das ungarische Vorgehen sei schĂ€dlich und mĂŒsse Konsequenzen nach sich ziehen, erklĂ€rte Schwedens derzeitige EU-Ministerin und designierte EU-Kommissarin Jessika Roswall. Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Polen wollen Roswalls Angaben zufolge Ă€hnlich auf das ungarische Vorgehen reagieren.
Derzeit wird zudem in BrĂŒssel diskutiert, ob ein eigentlich fĂŒr Ende August in Budapest geplantes informelles EU-AuĂenministertreffen nicht nach BrĂŒssel verlegt werden sollte. Eine Entscheidung könnte beim letzten regulĂ€ren EU-AuĂenministertreffen vor der Sommerpause am kommenden Montag von EU-Chefdiplomat Josep Borrell getroffen werden. Er sitzt den EU-AuĂenministertreffen vor und ist auch dafĂŒr zustĂ€ndig, dazu einzuladen.
Entscheidung kommt kurz vor Abstimmung im EU-Parlament
Die Entscheidung der EU-Kommission erfolgt wenige Tage vor der Abstimmung ĂŒber eine zweite Amtszeit von Ursula von der Leyen im EuropĂ€ischen Parlament. EuropĂ€ische Parteienfamilien wie die Sozialdemokraten, GrĂŒne und Liberale hatten sie in der Vergangenheit mehrfach aufgefordert, einen hĂ€rteren Kurs gegenĂŒber Ungarn einzuschlagen. Auf die Stimmen aus diesem Lager ist von der Leyen bei der Wahl am Donnerstag angewiesen.
Der grĂŒne Europaabgeordnete Daniel Freund sagte: «Orbans Vorgehen ist nicht nur ein deutlicher VerstoĂ gegen die EU-VertrĂ€ge, sondern es schwĂ€cht die EU in einer Zeit enormer auĂenpolitischer InstabilitĂ€t.» Von der Leyen mache es richtig. «Das Parlament sollte diesem Beispiel jetzt folgen. Das heiĂt: Keine Einladung fĂŒr Viktor Orban ins Europaparlament.»
Ungarn hat seit Anfang des Monats fĂŒr ein halbes Jahr turnusmĂ€Ăig die EU-RatsprĂ€sidentschaft inne. Das Land bereitet in dieser Rolle unter anderem Treffen der Fachministerinnen und -minister vor. Bei diesen informellen Treffen kommen in der Regel die jeweiligen Ressortchefs aus den 27 EU-LĂ€ndern zusammen. Auch der fachlich zustĂ€ndige EU-Kommissar nimmt fĂŒr gewöhnlich an dem Treffen teil.
EntrĂŒstung in Budapest
Ungarns Regierung reagierte verĂ€rgert auf die Boykott-Entscheidung. «Die EU-Kommission kann sich nicht Institutionen und Minister aussuchen, mit denen sie kooperieren will. Sind alle BeschlĂŒsse der Kommission nun auf politische ErwĂ€gungen gegrĂŒndet?», schrieb Ungarns Minister fĂŒr EU-Angelegenheiten, Janos Boka, bei X.
So schÀtzen die Börsenprofis Aktien ein!
FĂŒr. Immer. Kostenlos.

