Kiew unter Drohnenalarm: Hauptstadt lebt zwischen Angst und Alltag
Veröffentlicht am: 28.09.2026 um 05:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSIn Kiew prÀgen hÀufige Drohnen- und Raketenalarme den Alltag, doch die Millionenstadt versucht trotz der Gefahr, Arbeit, Handel und öffentliches Leben aufrechtzuerhalten.
Warnsystem soll Stillstand verhindern
Seit Anfang September unterscheidet eine Ampelregelung zwischen gelbem und rotem Alarm. Bei einzelnen Drohnen bleibt der Betrieb vieler Unternehmen möglich, wÀhrend U-Bahn-Stationen als SchutzrÀume dienen; Schulen unterbrechen den Unterricht und bringen Kinder in Bunker oder in die Metro.
Bei rotem Alarm drohen nach der Warnung ballistische Raketen oder gröĂere DrohnenschwĂ€rme. Kiew war seit Beginn der russischen GroĂinvasion 2022 wiederholt Ziel von Luftangriffen, galt im Vergleich zu Charkiw und Odessa aber als besser geschĂŒtzt. Seit dem Sommer hat sich die Lage nach EinschĂ€tzung von BĂŒrgermeister Vitali Klitschko verschĂ€rft.
Neue Drohnen und Angriffe am Tag
Die russischen StreitkrĂ€fte setzen dem Bericht zufolge zunehmend schnelle Kampfdrohnen mit DĂŒsenantrieb ein. FĂŒr den Typ Geran-5 gebe es bislang kein ausreichendes Abwehrmittel; zugleich fehle es bei der Abwehr ballistischer Raketen an Munition.
Die Angriffe erfolgen inzwischen auch tagsĂŒber und können den Verkehr ĂŒber den Dnipro stundenlang beeintrĂ€chtigen. An einem Freitag gab es zehn Alarme mit einer Gesamtdauer von fast neun Stunden; mehrere EinschlĂ€ge und BrĂ€nde forderten sieben Tote und 59 Verletzte. Am folgenden Sonntag dauerte der Alarm mehr als 18 Stunden, drei Menschen starben und etwa ein Dutzend wurde verletzt.
Ziele mitten im Alltag
Getroffen wurden neben WohngebĂ€uden auch BaumĂ€rkte, Lebensmittel- und KĂŒhllager, Arzneimittelfabriken sowie Datenzentren fĂŒr Telefon und Internet. Ein Lager fĂŒr Haustierbedarf wurde zerstört. Auch Tankstellen geraten ins Visier: In einem betroffenen Betrieb wurden die SchĂ€den provisorisch repariert, der Verkauf lief jedoch weiter.
Mitte August brannten auf dem BĂŒcherbasar Petriwka viele Tausend BĂŒcher. HĂ€ndler berichten von hohen Verlusten und bestellen aus Angst vor weiteren Zerstörungen weniger Ware nach. EngpĂ€sse bei der Versorgung gibt es laut dem Bericht bislang nicht flĂ€chendeckend, einzelne Medikamente sind in Apotheken jedoch schwer erhĂ€ltlich.
Vorbereitung auf den Winter
Die wiederkehrenden Angriffe belasten zudem die Verbindung zwischen dem östlichen und westlichen Stadtgebiet. Eine U-Bahn-Linie darf inzwischen auch bei gelbem Alarm ĂŒber den Dnipro fahren. Trotz der Gefahr nutzen viele Menschen Restaurants, GeschĂ€fte und Erholungsorte, weil ein dauerhafter Aufenthalt im Schutzraum nicht möglich ist.
Vor dem Winter wĂ€chst die Sorge vor SchĂ€den an Kraft- und Umspannwerken. Nach dem Bericht erklĂ€rt die Stadtverwaltung das Heizsystem fĂŒr vorbereitet und verweist auf neu gebaute dezentrale Kraftwerke. Hilfswerke warnen dennoch vor besonders schweren Folgen fĂŒr die Zivilbevölkerung, falls Angriffe auf Energieversorgung, Treibstoff, Wasser, Lebensmittel und Medikamente gleichzeitig zunĂ€hmen.
Angriffe werden zum Dauerrisiko
Die Entwicklung in Kiew steht fĂŒr eine VerĂ€nderung des Kriegsalltags: Luftalarme beschrĂ€nken sich nicht mehr auf einzelne nĂ€chtliche Wellen, sondern unterbrechen zunehmend auch tagsĂŒber Arbeit, Unterricht und Verkehr. Nach Angaben des ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj setzte Russland in der vergangenen Woche mehr als 2.200 Kampfdrohnen groĂer Reichweite sowie zahlreiche Gleitbomben und Raketen ein. Die GröĂenordnung erklĂ€rt, warum selbst eine vergleichsweise gut geschĂŒtzte Hauptstadt ihre AblĂ€ufe an wiederkehrende Warnungen anpassen muss.
Schutz der Infrastruktur wird entscheidend
Die Angriffe treffen neben WohngebĂ€uden auch Lager, Datenzentren, ProduktionsstĂ€tten und Einrichtungen der Versorgung. Damit geht es nicht nur um unmittelbare SchĂ€den, sondern um die Belastbarkeit der stĂ€dtischen Systeme: Strom, Kommunikation, Verkehr, Medikamente und Treibstoff mĂŒssen auch unter Beschuss funktionieren. Die Verlagerung von Unterricht in SchutzrĂ€ume und die zeitweise Unterbrechung von Verkehrsverbindungen zeigen, wie eng militĂ€rische Bedrohung und zivile Infrastruktur miteinander verbunden sind.
Winter verschÀrft die Belastung
Besonders kritisch ist der Blick auf die kalte Jahreszeit. BeschĂ€digte Energieanlagen könnten bei Frost weitreichendere Folgen haben als einzelne lokale Treffer, weil Heizung, Wasser und Kommunikation voneinander abhĂ€ngen. Dezentrale Kraftwerke und vorbereitete Heizsysteme können AusfĂ€lle abfedern, ersetzen aber keinen umfassenden Schutz vor neuen Angriffswellen. FĂŒr die Bevölkerung bedeutet das, dass Alltag und Vorsorge parallel organisiert werden mĂŒssen: Wege, Unterricht, EinkĂ€ufe und medizinische Versorgung bleiben möglich, stehen aber jederzeit unter dem Vorbehalt eines neuen Alarms.
