Deutschland schmiedet Partnerschaft mit Zentralasien
29.09.2023 - 18:29:28Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat Deutschland mit den fĂŒnf ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens erstmals eine strategische Partnerschaft vereinbart. Damit solle die seit 30 Jahren bestehende Kooperation «gefestigt und aufgewertet» werden, heiĂt es in einer gemeinsamen ErklĂ€rung, die nach dem dem ersten Gipfeltreffen von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) mit den Staatschefs von Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan in Berlin veröffentlicht wurde.
Die strategische Partnerschaft soll die Schwerpunkte Wirtschaft und Energie, Klima und Umwelt, regionale Zusammenarbeit und den direkten Austausch zwischen den BĂŒrgerinnen und BĂŒrgern haben. Dazu sollen regelmĂ€Ăige Konsultationen etabliert werden. Das nĂ€chste Gipfeltreffen vereinbarte Scholz mit den Staatschefs fĂŒr das nĂ€chste Jahr in Zentralasien.
Achtung der Menschenrechte Teil der ErklÀrung
Die bisher stark unter Russlands Einfluss stehenden Staaten haben fĂŒr Deutschland unter anderem wichtige Rohstoffe zu bieten. Manche stehen aber auch wegen schwerer MenschenrechtsverstöĂe international in der Kritik. Das gasreiche Turkmenistan etwa gilt als eine abgeschottete Diktatur Ă€hnlich wie Nordkorea. Die «Zusammenarbeit bei der Förderung der Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten» fand allerdings nun ebenso Eingang in die gemeinsame ErklĂ€rung wie die Bedeutung von Rechtsstaatlichkeit und einer unabhĂ€ngigen Justiz.
Am Rande des Gipfels wurde eine AbsichtserklĂ€rung fĂŒr ein Migrationsabkommen mit Kirgistan unterzeichnet, das die Anwerbung von FachkrĂ€ften und die RĂŒckfĂŒhrung von Menschen ohne Bleiberecht von Deutschland nach Kirgistan erleichtern soll. Mit Usbekistan gibt es eine solche AbsichtserklĂ€rung schon.
Region elf Mal so groĂ wie Deutschland
Die fĂŒnf zentralasiatischen Staaten haben zusammen knapp 80 Millionen Einwohner und damit etwas weniger als Deutschland. Ihre FlĂ€che ist aber elf Mal so groĂ und entspricht ungefĂ€hr dem Gebiet der gesamten EuropĂ€ischen Union mit ihren 27 Mitgliedstaaten. Lange Zeit stand die Region aus deutscher Sicht im Schatten der beiden GroĂmĂ€chte China und Russland, auf die sich das Interesse der deutschen Wirtschaft konzentrierte.
Der russische Angriff auf die Ukraine hat das geÀndert. Russland fÀllt als lange Zeit wichtigster Energielieferant Deutschlands aus. Und die wirtschaftliche AbhÀngigkeit von China soll vor allem wegen der schlechten Erfahrungen mit Russland nun ebenfalls verringert werden. Die Bundesregierung von Kanzler Scholz will deswegen in Afrika, Lateinamerika und Asien bestehende Partnerschaften zu weniger wirtschaftsstarken LÀndern vertiefen und neue Partner finden.
In den zentralasiatischen Staaten sind die Rohstoffvorkommen fĂŒr Deutschland besonders interessant. So versorgt Kasachstan als wirtschaftsstĂ€rkstes Land der Region jetzt schon die Raffinerie im brandenburgischen Schwedt mit Ăl und gleicht die Kappung der russischen Lieferungen aus. Kasachstan verfĂŒgt aber auch ĂŒber Uran, Eisenerz, Zink, Kupfer oder Gold und gilt als potenzieller Partner fĂŒr die Produktion von Wasserstoff, der aus erneuerbaren Energien gewonnen wird.
Erster Zentralasien-Gipfel eines EU-Staats
Einen Zentralasien-Gipfel wie den in Berlin hat es noch nie mit einem EU-Mitgliedstaat gegeben. Am Rande der UN-Vollversammlung hatte sich allerdings auch US-PrĂ€sident Joe Biden schon mit den fĂŒnf PrĂ€sidenten getroffen. FĂŒr sie ist die Intensivierung der Beziehungen mit dem Westen ein Spagat. Einerseits sind sie wirtschaftlich eng mit Russland verflochten. Andererseits betonen sie, dass sie das Sanktionsregime der westlichen Staaten gegen Russland unterstĂŒtzen. Scholz hatte das am Donnerstag nach einem Treffen mit dem kasachischen PrĂ€sidenten Kassym-Schomart Tokajew ausdrĂŒcklich gelobt. Es sei «gut und hilfreich», dass die kasachische Regierung MaĂnahmen gegen die Umgehung von Sanktionen ergriffen habe, sagte der Kanzler.
Exporte aus zentralasiatischen Staaten wie Kasachstan nach Russland sind seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine allerdings teils deutlich angestiegen. Das nĂ€hrt den Verdacht, dass Unternehmen aus westlichen Staaten gezielt versuchen, Wirtschaftssanktionen gegen Russland auf dem Umweg ĂŒber diese LĂ€nder zu umgehen.
Russland wird nicht erwÀhnt - Moskau warnt vor Einmischung
In der sechsseitigen gemeinsamen ErklÀrung kommt Russland nicht einmal vor. Allerdings werden darin die «SouverÀnitÀt und territoriale Unversehrtheit» aller Staaten und das «Verbot der Androhung oder Anwendung von Gewalt» als Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen hervorgehoben - eine Anspielung auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine.
In Moskau kommt die Zentralasien-Offensive des Kanzlers nicht gut an. Das russische AuĂenministerium kritisierte, dass die Sanktionen des Westens gegen Moskau bei dem GesprĂ€ch zwischen Scholz und Tokajew zur Sprache kamen. Russland setze darauf, dass es ohne «negative Einmischung» von auĂen seine effektive wirtschaftliche Zusammenarbeit und seine gutnachbarschaftlichen Beziehungen mit Kasachstan fortsetzen könne.
Es gebe auch zwischen Kasachstan und Russland eine strategische Partnerschaft. Russland erwarte deshalb, dass sich da niemand von auĂen einmische, teilte das Ministerium der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass zufolge weiter mit. Kasachstan ist auf das Transitland Russland angewiesen, um sein Ăl nach Deutschland zu pumpen.


