Hamas stellt nach tödlichem Luftangriff Geisel-Deal infrage
14.07.2024 - 04:50:49Nach einem israelischen Luftangriff im SĂŒden des Gazastreifens mit Dutzenden Toten sind die Aussichten auf eine Waffenruhe und die Freilassung von Geiseln der Hamas ungewiss. Alle Optionen seien offen, einschlieĂlich des Abbruchs der indirekten Verhandlungen, sagte der Vize-Vorsitzende der Islamistenorganisation, Chalil al-Hajja, dem arabischen Fernsehsender Al Dschasira. Ihr militĂ€rischer AnfĂŒhrer im Gazastreifen, Mohammed Deif, sei bei dem israelischen Angriff nicht getötet worden, erklĂ€rte die Hamas.
«Mohammed Deif geht es gut, und er befiehlt weiterhin den Widerstand gegen den israelischen Feind», sagte der Hamas-FunktionĂ€r Ali Barakeh der Deutschen Presse-Agentur in Beirut. Israels Armee zielte mit dem Angriff westlich der Stadt Chan Junis nach eigenen Angaben auf den AnfĂŒhrer des militĂ€rischen Hamas-Arms. Keine der Angaben lieĂ sich zunĂ€chst unabhĂ€ngig verifizieren. «Ich sage (Israels Regierungschef Benjamin) Netanjahu, dass Muhammad Al-Deif dich jetzt hört und deine LĂŒgen verhöhnt», wurde al-Hajja zitiert.Â
Netanjahu: Noch keine Gewissheit
Man prĂŒfe noch, ob Deif sowie Rafa Salama, der Kommandeur der Chan-Junis-Brigade der Hamas, bei dem Luftschlag ums Leben gekommen sind, erklĂ€rte Israels Armee. «Es besteht noch keine absolute Gewissheit», sagte Netanjahu vor der Presse in Tel Aviv. Die Hamas-MĂ€nner sollen «Drahtzieher des Massakers vom 7. Oktober» in Israel gewesen sein. Das Massaker vor mehr als neun Monaten war der Auslöser des Gaza-Krieges. PalĂ€stinensischen Angaben zufolge wurden bei Israels jĂŒngstem Luftangriff mindestens 90 Menschen getötet.Â
Mindestens 300 weitere Menschen seien zudem in der humanitĂ€ren Zone Al-Mawasi verletzt worden, teilte die von der Hamas kontrollierte Gesundheitsbehörde mit. «Der Angriff wurde in einem eingezĂ€unten Gebiet durchgefĂŒhrt, das von der Hamas kontrolliert wird und in dem sich nach unseren Informationen nur Hamas-Terroristen und keine Zivilisten aufhielten», hieĂ es von Israels Armee. «Es war ein prĂ€ziser Angriff.» Es werde vermutet, dass die meisten Opfer ebenfalls Terroristen gewesen seien. Keine der Angaben lieĂ sich unabhĂ€ngig prĂŒfen.Â
Netanjahu: Haben die gesamte Hamas-FĂŒhrung im VisierÂ
Ein Vertreter des MilitĂ€rs rĂ€umte in einem Online-Briefing ein, dass das getroffene Objekt in der von Israel so deklarierten humanitĂ€ren Zone westlich der Stadt Chan Junis im SĂŒden Gazas gelegen habe. «Es war aber eine abgezĂ€unte, bewachte Hamas-Basis, besetzt mit Terroristen», fĂŒgte der Armeevertreter hinzu. Das MilitĂ€r sei sich auch sehr sicher, dass sich zum Zeitpunkt des Angriffs keine israelischen Geiseln dort befunden hĂ€tten. Israel werde die gesamte Hamas-FĂŒhrung ausschalten, sagte Netanjahu auf einer Pressekonferenz.Â
Damit bezog sich Israels Regierungschef auch auf Jihija al-Sinwar, den FĂŒhrer der Hamas in Gaza. Deif gilt als seine Nummer Zwei. Der Auslandschef der Hamas, Ismail Hanija, warf Netanjahu vor, mit «abscheulichen Massakern» einen Waffenstillstand in dem Krieg zu blockieren. Er forderte die Vermittlerstaaten bei den indirekten Verhandlungen - Ăgypten, Katar und die USA - auf, Israels militĂ€risches Vorgehen im Gazastreifen zu stoppen.Â
Alle Optionen seien offen, aber die Hamas werde «Netanjahu weder das geben, was er will, noch ihm die Möglichkeit geben, sie fĂŒr das Scheitern der Verhandlungen verantwortlich zu machen», wurde al-Hajja vom arabischen Fernsehsender Al Dschasira weiter zitiert.Â
Was wird aus den Geiseln?
Der Chef des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad, Daniel Barnea, wolle in den nĂ€chsten Tagen zu einer weiteren GesprĂ€chsrunde in die katarische Hauptstadt Doha reisen, meldete der israelische Rundfunksender Kan. Die Planungen fĂŒr die indirekten Verhandlungen scheinen durch den jĂŒngsten Versuch Israels, den Hamas-MilitĂ€rchef zu töten, vorerst nicht gekippt worden zu sein, schreibt die israelische Zeitung «Haaretz».Â
In Israel demonstrierten derweil erneut Tausende Menschen fĂŒr ein Abkommen, um die noch rund 120 Geiseln in der Gewalt der Hamas nach Hause zu bringen. Die Teilnehmer der Kundgebungen in Tel Aviv und Jerusalem warfen Regierungschef Netanjahu vor, die indirekten Verhandlungen zur Erzielung einer solchen Vereinbarung zu sabotieren. «Wir fordern, dass Sie aufhören, das Abkommen zu sabotieren, wir fordern, dass Sie das Abkommen unterzeichnen», wurde die Mutter einer Geisel von israelischen Medien zitiert.Â
«Netanjahu macht die Geiseln fertig», stand auf einem riesigen Transparent, das Demonstranten in Tel Aviv vor sich hertrugen. Ein ehemaliger EntfĂŒhrter sagte: «Ich mag nach auĂen okay wirken, aber der Schmerz belastet mich mehr, als irgendjemand sich vorstellen kann.» Er sei noch einer der GlĂŒcklichen gewesen, der in einem Haus und nicht in einem Tunnel gefangen gehalten worden war. «Wenn also ich an brutalen Bedingungen und Misshandlungen gelitten habe, was ist dann mit den anderen 120 Geiseln?», sagte der Mann.
Israel reagiert auf Beschuss durch Hisbollah
Die israelische Luftwaffe attackierte unterdessen nach Beschuss durch die proiranische Hisbollah Stellungen der Miliz in SĂŒdlibanon. Wie die israelische Armee am Abend mitteilte, sei die Anlage bombardiert worden, von der aus zuvor Geschosse auf den Norden Israels abgefeuert worden seien. Zudem seien eine Reihe weiterer «terroristischer Infrastrukturen» der Hisbollah angegriffen worden, hieĂ es in einer kurzen Mitteilung. NĂ€here Details wurden darin nicht genannt. Die Angaben konnten unabhĂ€ngig zunĂ€chst nicht ĂŒberprĂŒft werden.Â
Israel und die libanesische Schiitenmiliz liefern sich seit dem Beginn des Gaza-Kriegs nahezu tĂ€glich Gefechte. Zuletzt nahm deren IntensitĂ€t deutlich zu. Auf beiden Seiten gab es Tote. Die Hisbollah-Miliz handelt nach eigenen Aussagen aus SolidaritĂ€t mit der islamistischen Hamas in Gaza. Seit langem wird befĂŒrchtet, dass sich der Konflikt ausweiten könnte.Â
Angriff auch in Syrien
Wie Israels Armee am Abend weiter mitteilte, hĂ€tten sich zwei Drohnen von syrischem Gebiet aus Israel genĂ€hert. Sie seien abgefangen worden. Daraufhin habe die Luftwaffe in der Nacht eine Kommandozentrale sowie Terroranlagen, die von der Luftabwehreinheit des syrischen MilitĂ€rs genutzt wĂŒrden, angegriffen. Die Angaben lieĂen sich zunĂ€chst nicht ĂŒberprĂŒfen.
Nach Angaben der syrischen Armee wurde bei den israelischen Luftangriffen auf militĂ€rische Einrichtungen und ein Wohnhaus in Damaskus ein syrischer Soldat getötet und drei weitere verletzt, wie die syrische Nachrichtenseite Asharq Al-Awsat am Morgen berichtete. Auch diese Angaben konnten zunĂ€chst nicht unabhĂ€ngig verifiziert werden.Â
Nach unbestĂ€tigten arabischen Berichten wurde der AnfĂŒhrer des PalĂ€stinensischen Islamischen Dschihad (PIJ) in Syrien bei dem Angriff getötet. Israels Luftwaffe bombardiert immer wieder Ziele in dem Nachbarland. Der jĂŒdische Staat will mit den Angriffen in Syrien verhindern, dass sein Erzfeind Iran und mit ihm verbĂŒndete Milizen ihren militĂ€rischen Einfluss in dem Land ausweiten. Der Iran ist einer der wichtigsten VerbĂŒndeten Syriens.Â











