Urteil, Pen

Warum das Urteil gegen Le Pen so einschneidend ist

31.03.2025 - 14:51:15

Marine Le Pen ist Ă€ußerst beliebt in Frankreich - und ein Schreckgespenst fĂŒr moderate politische KrĂ€fte in ganz Europa. Nun durchkreuzt ein Urteil ihre PlĂ€ne fĂŒr die PrĂ€sidentschaftskandidatur.

  • FĂŒr Le Pen ist der Schuldspruch ein Desaster. - Foto: Thibault Camus/AP/dpa

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  • Bardella trat als Parteichef in Le Pens Fußstapfen. Nun auch bei der Kandidatur? (Archivbild) - Foto: Thomas Padilla/AP/dpa

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  • Reaktionen von Le Pens europĂ€ischen VerbĂŒndeten wie Ungarns MinisterprĂ€sident Victor Orban folgten prompt. (Archivbild)  - Foto: Laszlo Balogh/AP/dpa

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  • Der Name Le Pen steckt in der IdentitĂ€t der Partei. (Archivbild)  - Foto: Francois Mori/AP/dpa

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  • Bardella ist seit 2022 Parteichef. (Archivbild)  - Foto: Thomas Padilla/AP/dpa

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FĂŒr Le Pen ist der Schuldspruch ein Desaster. - Foto: Thibault Camus/AP/dpaBardella trat als Parteichef in Le Pens Fußstapfen. Nun auch bei der Kandidatur? (Archivbild) - Foto: Thomas Padilla/AP/dpaReaktionen von Le Pens europĂ€ischen VerbĂŒndeten wie Ungarns MinisterprĂ€sident Victor Orban folgten prompt. (Archivbild)  - Foto: Laszlo Balogh/AP/dpaDer Name Le Pen steckt in der IdentitĂ€t der Partei. (Archivbild)  - Foto: Francois Mori/AP/dpaBardella ist seit 2022 Parteichef. (Archivbild)  - Foto: Thomas Padilla/AP/dpa

Die Verurteilung der beliebten rechtsnationalen französischen Politikerin Marine Le Pen wegen Veruntreuung zu zwei Jahren Haft per Fußfessel und ihr voraussichtlicher Ausschluss von der PrĂ€sidentschaftswahl trifft Frankreich wie ein Donnerschlag. Zwar mögen Gegner von Le Pens rechter Partei frohlocken. Doch das beispiellose Urteil dĂŒrfte fĂŒr die ohnehin schon in der Krise steckende französische Politik schwere Folgen haben. 

Was bedeutet das Urteil fĂŒr Le Pen?

Das Urteil ist noch nicht rechtskrÀftig und Le Pen wird Berufung einlegen, was wahrscheinlich einen jahrelangen Gang durch die Instanzen bedeuten wird. UnabhÀngig davon ist ihr Ruf durch den Schuldspruch und die empfindliche Strafe ernsthaft beschÀdigt. Schwerlich wird Le Pen den Politikern anderer Parteien so ungebremst wie bisher die Leviten lesen können. Als Abgeordnete wird Le Pen bis zum Ende der Wahlperiode weiter im Parlament sitzen. Ihre politische Karriere scheint aber vorerst auf Eis gelegt. 

Hat Le Pen keine Chance mehr auf die PrÀsidentschaftskandidatur?

Die 56-JĂ€hrige strebt seit Jahren in den ÉlysĂ©epalast, den Amtssitz der französischen PrĂ€sidenten in Paris: Unmittelbar und am hĂ€rtesten trifft sie daher vorerst die mit sofortiger Wirkung verhĂ€ngte Strafe, nicht mehr fĂŒr politische Ämter bei Wahlen antreten zu können. Die Strafe ist bei Korruptionsprozessen in Frankreich nicht unĂŒblich. Aber sie durchkreuzt wahrscheinlich Le Pens PlĂ€ne, Kandidatin bei der kommenden PrĂ€sidentschaftswahl im FrĂŒhjahr 2027 zu werden. Denn es ist fraglich, ob bis dahin ein rechtskrĂ€ftiges Urteil höherer Instanz vorliegen wird. Und ohnehin gibt es fĂŒr die PrĂ€sidentschaftswahl einen langen Vorlauf, der spĂ€testens in einem Jahr beginnt. 

Wie werden Le Pens AnhÀnger auf das Urteil reagieren? 

Das ist noch unklar. Das Urteil könnte selbst im Kreis ihrer Sympathisanten ihren Ruf beschĂ€digen - zumal ihre Partei Rassemblement National (RN) fĂŒr Wahlsiege auch auf die Stimmen der gemĂ€ĂŸigten konservativen Mitte setzt. Aber auch das Gegenteil könnte eintreten: Ihre AnhĂ€nger könnten sie als vermeintliches Justizopfer noch mehr verehren und ihrer Partei neuen Aufwind bescheren. 

Was bedeutet das Urteil fĂŒr die politische Stimmung in Frankreich?

Manch ein politischer Gegner dĂŒrfte sich angesichts des weitreichenden Strafmaßes die HĂ€nde reiben - doch so einfach ist es nicht. Selbst moderate Politiker hatten davor gewarnt, Le Pen mit einem Ämterverbot zu belegen. Die Staatsanwaltschaft hatte argumentiert, dass gleiches Recht fĂŒr alle gelten solle. Doch nun wird die beliebteste Politikerin aus dem Verkehr gezogen - und damit eine, deren AnhĂ€nger immer wieder den Rechtsstaat und die UnabhĂ€ngigkeit der Justiz infrage stellen. 

Im November hatte GĂ©rald Darmanin, heutiger Justizminister, das Szenario, dass Le Pen mit einem Ämterverbot belegt werden könnte, als «zutiefst schockierend» bezeichnet. «Der Kampf gegen Madame Le Pen findet an den Wahlurnen statt, nicht anderswo.» Er fĂŒgte hinzu: «Lasst uns keine Angst vor der Demokratie haben und es vermeiden, den Unterschied zwischen den "Eliten" und der großen Mehrheit unserer MitbĂŒrger noch weiter zu vertiefen.» 

Wird Le Pen jetzt versuchen, die Regierung zu stĂŒrzen?

Zuletzt hatte Le Pen auf einen gemĂ€ĂŸigten Kurs gesetzt: Verantwortungsbewusstsein statt Krawall, lautete die Devise meist bei den Debatten im Parlament, in dem es die Minderheitsregierung des Zentrumspolitiker François Bayrou ohnehin schon schwer hat. Le Pen verzichtete bislang darauf, die Misstrauensvoten des linken Lagers zum Sturz Bayrous zu unterstĂŒtzen. Ob sich das nun Ă€ndert und die Partei auf ein Anheizen der politischen Krise setzt, muss sich zeigen. Davon wird auch abhĂ€ngen, ob PrĂ€sident Emmanuel Macron nun in schwieriges Fahrwasser gerĂ€t. 

Was Le Pens Partei von dem Urteil hĂ€lt, machte der Vorsitzende Jordan Bardella umgehend klar: Er bezeichnete es als Todesstoß fĂŒr Frankreichs Demokratie.

Könnte das Urteil auch politische GrÀben in Europa vertiefen? 

Das Risiko, das Darmanin aufgezeigt hat, gilt nicht nur fĂŒr Frankreich - sondern auch fĂŒr Europa insgesamt. Das rechtspopulistische Lager dĂŒrfte den Urteilsspruch ausschlachten, indem es versucht, Zweifel an der UnabhĂ€ngigkeit der Justiz in demokratischen Staaten wie Frankreich zu befeuern. 

Und Reaktionen folgten prompt: Italiens Vize-Regierungschef und Chef der Rechtspartei Lega, Matteo Salvini, sprach von einer «KriegserklĂ€rung», mit der man die frĂŒhere PrĂ€sidentschaftskandidatin aus dem politischen Leben ausschließen wolle. Der ungarische MinisterprĂ€sident Viktor Orban, der sich zuletzt deutlich an Le Pen angenĂ€hert hatte, bekundete mit einem «Je suis Marine» («Ich bin Marine») auf X SolidaritĂ€t mit der Rechtspolitikerin - als wĂ€re diese Opfer einer von politischen Gegnern kontrollierten Justiz geworden. 

Und auch ĂŒber Europa hinaus sorgte das Urteil fĂŒr Reaktionen. Der Kreml in Moskau kritisierte es als Verstoß gegen demokratische Regeln. «Unsere Beobachtungen in den europĂ€ischen HauptstĂ€dten zeigen, dass man keineswegs zurĂŒckhaltend ist, im politischen Prozess die Grenzen der Demokratie zu ĂŒberschreiten», sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow in Moskau. 

Nicht ausgeschlossen, dass auch die höchste Ebene in den USA darauf reagiert. US-VizeprĂ€sident J.D. Vance hat den eigentlich mit den USA verbĂŒndeten Staaten in Europa vorgeworfen, Meinungsfreiheit und gemeinsame demokratische Grundwerte einzuschrĂ€nken. US-PrĂ€sident Donald Trump hat das Vorgehen der Justiz gegen ihn immer wieder als «Hexenjagd» bezeichnet und die politischen Gegner der Demokraten bezichtigt, ihn so als PrĂ€sidenten verhindern zu wollen - wenn es nicht an den Wahlurnen geht. 

Welche Chancen werden dem jungen Parteichef Bardella eingerÀumt?

Seit November 2022 ist Bardella Chef des Rassemblement National. Damit endete eine Ära: Denn der Name Le Pen steckt in der IdentitĂ€t der Partei - und dem VorgĂ€nger Front National. Der kĂŒrzlich verstorbene Vater von Marine Le Pen, Jean-Marie Le Pen, hatte die rechtsextremistische Front National gegrĂŒndet. Seine Tochter benannte die Partei 2018 um - im BemĂŒhen, ihr ein moderateres Gesicht zu geben. Der Wechsel an der Parteispitze galt als Fortsetzung dieser Strategie. 

Erwartet wird, dass Bardella sich nun in Stellung fĂŒr die Kandidatur 2027 bringt. Erstmals hatte Le Pen am Wochenende in einem Interview bekrĂ€ftigt, dass Bardella das Zeug dazu habe, PrĂ€sident zu werden. Doch es ist fraglich, ob Le Pen so einfach zu ersetzen ist. In der heutigen Stimmungslage wĂŒrde sie als Favoritin in eine PrĂ€sidentenwahl ziehen. Noch dazu hat der 29-JĂ€hrige deutlich weniger politische Erfahrung als sie, auch wenn der eloquente Jungpolitiker in den Medien omniprĂ€sent ist. 

Eine klare Prognose darĂŒber zu treffen, was in zwei Jahren bei einer PrĂ€sidentenwahl in Frankreich passiert, ist jedoch unmöglich - das Land ist fĂŒr spontane Entwicklungen bekannt. Das hatte nicht zuletzt der jetzige PrĂ€sident Emmanuel Macron gezeigt, der innerhalb kĂŒrzester Zeit erstaunliche PopularitĂ€tswerte erreichte und 2017 PrĂ€sident wurde, obwohl ihn drei Jahre vor der Wahl außerhalb der Pariser Polit-Blase kaum jemand kannte.

@ dpa.de