Waffenruhe, Israel

Was bedeutet die Waffenruhe zwischen Israel und Hisbollah?

27.11.2024 - 09:11:49 | dpa.de

Mehr als ein Jahr lang haben sich Israel und die Hisbollah gegenseitig beschossen und zuletzt auch direkte Gefechte im Libanon geliefert. Nun soll die Gewalt enden - vorerst.

Mit einer Vereinbarung wollen Israel und die Hisbollah ihre gegenseitigen Angriffe fĂŒr zunĂ€chst 60 Tage einstellen. - Foto: Leo Correa/AP
Mit einer Vereinbarung wollen Israel und die Hisbollah ihre gegenseitigen Angriffe fĂŒr zunĂ€chst 60 Tage einstellen. - Foto: Leo Correa/AP

Nach fast 14 Monaten gegenseitigem Dauerbeschuss, massiver Zerstörung, Tausenden Opfern und Vertriebenen schweigen zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon seit den frĂŒhen Morgenstunden die Waffen. Zehntausende hoffen in beiden LĂ€ndern auf die RĂŒckkehr in ihre Heimat und ein Ende der Gewalt. 

Fragen und Antworten zur Einigung: 

Was sieht das Abkommen genau vor?

Die Vereinbarung basiert laut Medienberichten der vergangenen Tage auf der wichtigen UN-Resolution 1701, die bereits den Krieg 2006 zwischen Israel und der Hisbollah beenden sollte, aber nie vollstÀndig umgesetzt wurde. Zu den wichtigsten Punkten zÀhlen demnach:

  • ein Ende der Feindseligkeiten fĂŒr zunĂ€chst 60 Tage
  • ein RĂŒckzug der Hisbollah-KĂ€mpfer bis zum Litani-Fluss etwa 30 Kilometer nördlich der israelisch-libanesischen Grenze 
  • die Stationierung von insgesamt 10.000 Soldaten der libanesischen Armee im Grenzgebiet - 5.000 sind schon jetzt dort
  • ein schrittweiser Abzug der israelischen Bodentruppen aus dem Libanon 
  • Schritte, um zu verhindern, dass die Hisbollah sich wieder bewaffnet

Wer soll die Einhaltung des Abkommens ĂŒberwachen?

Eine Staatengruppe unter FĂŒhrung der USA zusammen mit Frankreich, dem Libanon, Israel und der UN-Friedenstruppe Unifil, so berichten es israelische Medien - ĂŒber offizielle KanĂ€le wurden Einzelheiten zum Abkommen bislang nicht bekannt gegeben. Unifil ist bereits mit rund 10.000 Blauhelmen im Land stationiert, scheiterte aber wiederholt daran, das Grenzgebiet zu ĂŒberwachen. Mit der neuen Aufsicht verbindet sich die Hoffnung, dass die genannten Punkte kĂŒnftig strenger durchgesetzt werden, womöglich durch Sanktionen bei VerstĂ¶ĂŸen. Bei der Umsetzung gebe es aber noch viele offene Fragen, sagt der libanesische Nahost-Experten Riad Chawahdschi der Deutschen Presse-Agentur. «Wir haben die großen Themen der Einigung, aber keine Details.» 

Welche Bedeutung hat die Einigung fĂŒr den Libanon und Israel?

In beiden LĂ€ndern warten Zehntausende darauf, nach einem Ende der KĂ€mpfe in ihre Wohnorte zurĂŒckzukehren. Im Libanon wurden rund 800.000 durch KĂ€mpfe vertrieben, Hunderttausende flĂŒchteten ĂŒber die Grenze nach Syrien. Im Libanon hoffen die Menschen auf bessere Tage angesichts einer schweren humanitĂ€ren Krise als Folge des Kriegs. Die Hisbollah habe nach schweren RĂŒckschlĂ€gen der vergangenen Wochen unterdessen keine andere Wahl, als der Waffenruhe zuzustimmen, sagt Experte Chawahdschi.

In Israel dĂŒrfte Erleichterung herrschen, wenn der schwere Beschuss mit Raketen aus dem Libanon endet. SchĂ€tzungsweise 60.000 Israelis mussten deshalb aus dem Norden evakuiert werden, die nun - sofern die Waffenruhe hĂ€lt - in ihre Wohngebiete zurĂŒckkehren können. Deren RĂŒckkehr hatte Israel zu einem der Kriegsziele im Konflikt mit der Hisbollah erklĂ€rt. 

Es gibt aber auch kritische Stimmen: Koalitionspartner der israelischen Regierung waren gegen den Deal. Der rechtsextreme Polizeiminister Itamar Ben-Gvir sprach von einem «schweren Fehler» und sagte, Israel verpasse eine historische Gelegenheit, die geschwÀchte Miliz zu zerschlagen. Zum Schluss wich er aber von seiner Drohung ab, im Falle einer Waffenruhe aus der Regierung auszutreten und damit die Regierung von MinisterprÀsident Benjamin Netanjahu zu gefÀhrden. 

Welche Risiken gibt es?

In dem seit Jahrzehnten andauernden Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah dĂŒrfte es auch dieses Mal eine große Herausforderung werden, ein lĂ€ngerfristiges Ende der KĂ€mpfe zu bewirken. Nach schwerem gegenseitigem Beschuss ĂŒber mehr als ein Jahr und verheerenden israelischen Angriffen im Libanon ist die Skepsis auf beiden Seiten groß. 60 Tage fĂŒr den Abzug von Israels Bodentruppen - also rund zwei Monate - sind eine lange Zeit mit viel Raum fĂŒr Fehler, VerstĂ¶ĂŸe oder Streitigkeiten ĂŒber Details zur Umsetzung. 

Israels PrĂ€sident Izchak Herzog betonte nach VerkĂŒndigung der Feuerpause, es mĂŒsse klar sein, dass der Staat Israel seine BĂŒrger jederzeit, an jedem Ort und auf jede Art und Weise verteidigen werden. 

Um sich gegen erneuten Beschuss der Hisbollah zu schĂŒtzen und um militĂ€risch die Oberhand zu behalten, sicherte Israel sich laut Medienberichten durch die USA ab. Die scheidende Regierung von PrĂ€sident Joe Biden hat Israel zugesagt, weitere militĂ€rische EinsĂ€tze gegen die Miliz zu unterstĂŒtzen, wenn diese sich nicht an die Einigung halten sollte. FĂŒr den Fall, dass die libanesische Armee und die UN-Mission Unifil hier untĂ€tig blieben, hĂ€tte Israel dann die RĂŒckendeckung der USA fĂŒr erneute und weitere Angriffe. Dieser Brief ist aber nicht Teil der Einigung zwischen Israel und der Hisbollah.

Was passierte in den ersten Stunden nach Inkrafttreten der Waffenruhe?

Bisher halten sich beide Seiten an die Vereinbarung. Die israelische Armee meldete die letzten Raketenangriffe auf den Norden des Landes, mehrere Stunden bevor die Waffenruhe um 4.00 Uhr Ortszeit (3.00 Uhr MEZ) in Kraft trat. Am Morgen blieb es auf beiden Seiten zunÀchst ruhig. 

Im Libanon waren kurz nach Inkrafttreten der Feuerpause im Raum der libanesischen Hauptstadt Beirut FreudenschĂŒsse zu hören. Tausende Menschen machten sich seit den frĂŒhen Morgenstunden in vollgepackten Autos auf den Weg zurĂŒck in den SĂŒdlibanon, der in den letzten Wochen und Monaten unter massivem Beschuss der israelischen Armee stand. Auf sozialen Medien und im arabischen Fernsehen waren lange Staus auf den Straßen in Richtung SĂŒden zu sehen. 

Die libanesische Armee rief die Bewohner sĂŒdlicher Ort jedoch zu Geduld auf. Sie sollten mit ihrer RĂŒckkehr bis zum Abzug der israelischen StreitkrĂ€fte gemĂ€ĂŸ der Feuerpausen-Vereinbarung warten. Ein israelischer MilitĂ€rsprecher hatte zuvor bereits auf X geschrieben, Bewohner von Gegenden, fĂŒr die es Aufforderungen zur Evakuierung gegeben habe, dĂŒrften vorerst nicht in ihre Dörfer zurĂŒckkehren. 

Gibt es nun Frieden in der gesamten Region?

Nein. Der Krieg zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen, der an den SĂŒden Israels grenzt, geht weiter. Auslöser war der beispiellose Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel. Die Hisbollah griff zur UnterstĂŒtzung der Hamas ihrerseits Israel an. Mit der Vereinbarung hat sie ihren Konflikt mit Israel nun vom Krieg in Gaza entkoppelt. Zuvor hatte die Miliz noch erklĂ€rt, eine Waffenruhe gebe es erst bei einem Ende des Gaza-Kriegs. Die Hamas erklĂ€rte sich nach der Einigung zwischen Israel und der Hisbollah erneut grundsĂ€tzlich bereit fĂŒr ein Ende der KĂ€mpfe im Gazastreifen - beharrt aber zugleich auf Bedingungen, die Israel nicht akzeptiert. 

Die von der Hamas unabhĂ€ngige Einigung bedeutet vor allem eine vorlĂ€ufige und indirekte Einigung zwischen Israel und dem Iran, dem wichtigsten UnterstĂŒtzer der Hisbollah. Ihren Konflikt haben die beiden Erzfeinde damit aber keineswegs gelöst. Unklar ist auch, wie Israel sich zur Hisbollah und der Region insgesamt nach dem Amtsantritt des neuen US-PrĂ€sidenten Donald Trump im Januar verhalten wird. In dessen Amtszeit wird das Ende der 60-Tage-Frist des ausgehandelten Abkommens fallen. Wie sich die Lage dann entwickelt, lĂ€sst sich nur vermuten.

So schÀtzen die Börsenprofis Aktien ein!

<b>So schÀtzen die Börsenprofis Aktien ein!</b>
Seit 2005 liefert der Börsenbrief trading-notes verlĂ€ssliche Anlage-Empfehlungen – dreimal pro Woche, direkt ins Postfach. 100% kostenlos. 100% Expertenwissen. Trage einfach deine E-Mail Adresse ein und verpasse ab heute keine Top-Chance mehr. Jetzt abonnieren.
FĂŒr. Immer. Kostenlos.
ausland | 66184053 |