UN: HumanitÀre Lage im Gazastreifen immer katastrophaler
24.07.2024 - 11:58:01Erneut mĂŒssen Zehntausende Menschen im Gazastreifen nach einem jĂŒngsten Evakuierungsbefehl von Israels MilitĂ€r flĂŒchten. Laut Vereinten Nationen werden sie in einer prekĂ€ren humanitĂ€ren Lage mit verheerenden hygienischen ZustĂ€nden ihrem Schicksal ĂŒberlassen. HumanitĂ€re Einrichtungen mĂŒssen schlieĂen. Menschen werden selbst aus NotunterkĂŒnften wieder vertrieben, in die sie vor dem Krieg geflĂŒchtet waren. UN-Organisationen warnen vor einer weiteren VerschĂ€rfung der Krise fĂŒr Zivilisten.
«Jeder Mann, jede Frau und jedes Kind hat im Gazastreifen unvorstellbare Gewalt, Vertreibung, Krankheit, Hunger und Erniedrigung erlitten», sagt der Sprecher des UN-NothilfebĂŒros Ocha, Jens Laerke, der dpa. «Wir fĂŒrchten, dass jeder Tag noch höllischer ist als der davor, bis die Waffen schweigen, die Vertreibungen im Kriegsgebiet stoppen und wir alle lebensrettende Hilfe hineinbringen können, die gebraucht wird und wir uns sicher im Gazastreifen bewegen können.» Die Menschen brauchten alles: Nahrungsmittel, Trinkwasser, Hygieneartikel, Medikamente und psychosoziale UnterstĂŒtzung, um die Horrorerlebnisse zu verarbeiten.
150.000 Menschen erneut aus Chan Junis geflohen
Anfang der Woche hatte Israel wegen eines neuen MilitĂ€reinsatzes die Bewohner eines Gebiets in Chan Junis im sĂŒdlichen Gazastreifen aufgerufen, ihre UnterkĂŒnfte zu verlassen. Nach SchĂ€tzungen des UN-NothilfebĂŒros OCHA flĂŒchteten 150.000 Menschen eilig aus ihren Notbehausungen. Sie sollen in der humanitĂ€ren Zone Al-Mawasi westlich von Chan Junis und Rafah unterkommen, in die bereits zuvor zahlreiche Menschen geflohen sind. «Es wurden viele gesehen, die ohne jegliche persönliche GegenstĂ€nde unterwegs waren», so OCHA.
Auf Bildern aus Chan Junis ist zu sehen, wie Menschen in Massen eilig die Stadt in Richtung Westen verlassen. «Alte Menschen auf Eselskarren, Menschen mit Behinderung, die im Rollstuhl durch den Sand geschoben werden und deren Habseligkeiten sich auf ihrem SchoĂ stapeln», berichtete eine Sprecherin des UN-Hilfswerks fĂŒr PalĂ€stinensische FlĂŒchtlinge im Nahen Osten (UNRWA). «Die Menschen hören SchĂŒsse und rennen um ihr Leben.»
Viele Menschen flĂŒchten in bereits ĂŒberfĂŒllte Gebiete. «Die Menschen sind gezwungen, in Gebiete mit wenig oder gar keiner Infrastruktur zu gehen, in denen es nur begrenzten Zugang zu Obdach, Gesundheitsversorgung, sanitĂ€ren Einrichtungen und sonstiger humanitĂ€rer Hilfe gibt», sagte UN-Sprecher Stephane Dujarric am Dienstag. Im Gebiet sind laut OCHA vier medizinische Einrichtungen sowie acht SuppenkĂŒchen und Verteilzentren fĂŒr Lebensmittel gewesen. Bis auf eine GemeinschaftskĂŒche hĂ€tten alle schlieĂen mĂŒssen.
Hygienische ZustÀnde im Gazastreifen verheerend
Dort und in weiten Teilen des abgeriegelten KĂŒstenstreifens sind die hygienischen ZustĂ€nde verheerend. Menschen leben in ĂŒberfĂŒllten Zeltlagern. Ăberall tĂŒrmen sich MĂŒllberge, weil Diesel fĂŒr Lkws zum Abtransport fehlt, hieĂ es von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die unhygienischen ZustĂ€nde erhöhen demnach Krankheitsrisiken massiv.
FĂ€kalien und Abwasser treiben demnach teils ungefiltert durch die StraĂen, weil auch fĂŒr die Generatoren der Abwasseranlagen Diesel fehlt. In den unhygienischen ZustĂ€nden mit wenigen Toiletten und wenig Trinkwasser erkranken Zehntausende Menschen an Durchfall und HautausschlĂ€gen. Staub von den zerstörten GebĂ€uden löst Atemwegsinfekte aus.
Polio-Virus in Abwasserproben entdeckt
Unter diesen Bedingungen ist das Ausbreitungsrisiko von Krankheiten nach WHO-Angaben sehr hoch. So wurde etwa das fĂŒr KinderlĂ€hmung verantwortliche Polio-Virus in AbwĂ€sser entdeckt. Bislang sei das Polio-Virus zwar noch in keinem Patienten nachgewiesen worden, doch die Polio-Gefahr sei sehr groĂ, sagte WHO-Vertreter Ayadil Saparbekov am Dienstag. Er warnte vor einer sich verschlimmernden Situation dort: «Es könnte sein, dass mehr Menschen an ansteckenden Krankheiten sterben als an verletzungsbedingten Leiden.»
HumanitĂ€re und medizinische Einrichtungen mussten bereits schlieĂen. Nur 16 von einst 36 KrankenhĂ€usern im Gazastreifen können nach WHO-Angaben eingeschrĂ€nkt arbeiten. Von zehn Feldlazaretten sind noch vier voll in Betrieb, weitere vier eingeschrĂ€nkt. Sollten Krankheiten sich weiter ausbreiten, wĂŒrde sich die Lage in den KrankenhĂ€usern noch verschlimmern.
Auslöser des Gaza-Kriegs war das beispiellose Massaker, das Terroristen der Hamas sowie anderer extremistischer PalĂ€stinenserorganisationen am 7. Oktober im SĂŒden Israels verĂŒbt haben. Dabei töteten sie mehr als 1200 Menschen und verschleppten weitere 250 als Geiseln in den Gazastreifen.Â


