Attentat auf Regierungschef Fico erschĂŒttert Slowakei
16.05.2024 - 05:28:44Der slowakische MinisterprĂ€sident Robert Fico soll nach Angaben von einem der Vizeregierungschefs des Landes nach dem Attentat auĂer Lebensgefahr sein. Nach seinem Kenntnisstand sei die Operation gut verlaufen und Fico befinde sich «im Moment nicht in lebensbedrohlichem Zustand», sagte der rechtspopulistische Umweltminister Tomas Taraba in der Nacht der BBC.
Taraba ist einer von vier Vertretern Ficos. Eine offizielle BestĂ€tigung des Regierungsamts oder der von Fico gefĂŒhrten linkspopulistischen Regierungspartei Smer liegt am Morgen nicht vor. Deshalb beriefen sich auch slowakische Medien durchweg auf Tarabas ĂuĂerungen in der BBC. Slowakische Medien hatten am frĂŒhen Morgen berichtet, Fico habe nach der Operation wieder das Bewusstsein erlangt.
Ficos erster Stellvertreter in der Regierung, Verteidigungsminister Robert Kalinak, sagte der Nachrichtenagentur TASR, der Zustand habe sich «stabilisiert, sei aber weiterhin ernst». Eine Krankenhaussprecherin teilte mit, Fico sei fĂŒnf Stunden lang operiert worden. Wegen einer Informationssperre des Krankenhauses gab es nur zögerliche Informationen und viele Spekulationen ĂŒber den Gesundheitszustand
Was ist passiert?
Der 59-JĂ€hrige war am Mittwoch von einem AttentĂ€ter angeschossen worden und musste sich in der Regionalhauptstadt Banska Bystrica einer mehrstĂŒndigen Notoperation unterziehen. Die Polizei nahm den Angreifer fest. Das Attentat hat das EU- und Nato-Land in einen Schockzustand versetzt und löste international BestĂŒrzung aus. Die slowakische Regierung will ab 11.00 Uhr zu seiner Sondersitzung zusammenkommen. Zeitgleich soll auch der nationale Sicherheitsrat ĂŒber die Lage beraten.
Wer ist der AttentÀter?
Nach Angaben von Innenminister Matus Sutaj Estok handelt es sich bei dem TĂ€ter um einen 71-JĂ€hrigen aus der Kleinstadt Levice. Eine erste Vernehmung habe ergeben, dass er ein «klar politisches Motiv» gehabt habe, nĂ€mlich die Ablehnung der Regierungspolitik. Medienberichten zufolge soll Juraj C. in der Vergangenheit fĂŒr einen privaten Sicherheitsdienst gearbeitet und deshalb einen Waffenschein besessen haben. Die Tatwaffe habe er legal besessen. In seiner Heimatregion soll er sich nach Medienberichten auch als Schriftsteller versucht haben.
Innenminister Sutaj Estok und Verteidigungsminister Robert Kalinak, der auch stellvertretender Regierungschef ist, hatten am Mittwochabend direkt in der Klinik verkĂŒndet, Ficos Zustand sei lebensbedrohlich und «auĂerordentlich ernst».
In der Slowakei kam die ansonsten hitzig gefĂŒhrte politische Debatte zum Stillstand. Eine turbulente Parlamentssitzung wurde am Mittwochnachmittag abgebrochen und auf unbestimmte Zeit vertagt. Die liberalen Oppositionsparteien sagten vorerst alle politischen Kundgebungen ab. UrsprĂŒnglich hatten sie just fĂŒr Mittwochabend zu einer Massendemonstration gegen die vom Linkspopulisten Fico gefĂŒhrte Regierung und deren Plan einer Auflösung des öffentlich-rechtlichen Radios und Fernsehens RTVS aufgerufen.
Fico war um etwa 14.30 Uhr von einem AttentĂ€ter angeschossen worden, als er sich nach einer Kabinettssitzung im Kulturhaus der Kleinstadt Handlova ins Freie begab, um wartende AnhĂ€nger zu begrĂŒĂen. Das Lokalfernsehen RTV Prievidza veröffentlichte ein Video vom Tathergang: Zu sehen ist, wie sich ein Mann an den Zaun drĂ€ngt und aus unmittelbarer NĂ€he auf den MinisterprĂ€sidenten schieĂt. Nach Augenzeugenberichten soll der TĂ€ter den Politiker laut zu sich gerufen und dann aus unmittelbarer NĂ€he fĂŒnf SchĂŒsse auf ihn abgegeben haben. Der Regierungschef habe ein sogenanntes «Polytrauma», also mehrere schwere Verletzungen erlitten, teilte der Innenminister den Medien mit.
Der TV-Nachrichtensender TA3 und andere Medien bekamen eine Videoaufnahme aus der Polizeistation zugespielt. Darin sagt der benommen wirkende mutmaĂliche AttentĂ€ter: «Ich stimme der Regierungspolitik nicht zu.» Als Beispiel nannte er mit undeutlicher Stimme die von der Regierung geplante Medienreform, gegen die seit Wochen Tausende Menschen demonstrieren. Auch die Frau des mutmaĂlichen TĂ€ters wurde nach Medienberichten von der Polizei verhört.
Fico hatte erst vor Kurzem der liberalen Opposition vorgeworfen, ein Klima der Feindschaft gegen seine Regierung zu schĂŒren. Es sei nicht auszuschlieĂen, dass es angesichts der aufgeheizten Stimmung irgendwann zu einer Gewalttat komme.
Beliebt - und umstritten
Fico ist GrĂŒnder und Chef der zuletzt immer nationalistischer gewordenen Linkspartei Smer-SSD und seit fast 30 Jahren einer der beliebtesten Politiker der Slowakei. Er polarisiert aber zugleich wie kaum ein anderer. Gegner nennen ihn «prorussisch» und werfen ihm vor, die Slowakei auf einen Ă€hnlichen Kurs wie Ungarn unter der Ăgide des mit autoritĂ€ren Mitteln regierenden MinisterprĂ€sidenten Viktor Orban fĂŒhren zu wollen.
TatsĂ€chlich aber hat die Slowakei im Unterschied zu Ungarn seit Ficos RĂŒckkehr an die Regierung im Oktober alle EU-Sanktionen gegen Russland mitgetragen und auch allen EU-Hilfen fĂŒr die Ukraine zugestimmt - einschlieĂlich der Verwendung eingefrorener russischer Gelder fĂŒr die Ukraine und BefĂŒrwortung eines Beitritts der Ukraine zur EU, nicht aber zur Nato. Die Sanktionen gegen Russland lehnt Fico entgegen irrefĂŒhrender Medienberichte nicht grundsĂ€tzlich ab. Er kritisiert aber, dass manche von ihnen der von russischem Gas, Ăl und Uran abhĂ€ngigen Slowakei mehr schaden als Russland selbst. Stattdessen verlangt er Sanktionen, die Russland empfindlicher treffen.
Bundeskanzler Olaf Scholz nannte das Attentat auf Fico «unertrĂ€glich». «Ich wĂŒnsche ihm, dass er sich gut von diesem feigen Anschlag erholt», sagte Scholz. US-PrĂ€sident Joe Biden sprach von einer «schrecklichen Gewalttat». «Unsere Gedanken sind bei seiner Familie und dem slowakischen Volk», erklĂ€rte er.







