Nationalfeiertag: Macron steht vor Frankreich in der Krise
13.07.2023 - 10:19:04Die MilitĂ€rparade auf den Pariser Champs-ĂlysĂ©es verspricht an diesem Freitag wieder beeindruckend zu werden wie jedes Jahr. Ansonsten aber dĂŒrfte der Nationalfeiertag in Frankreich recht anders verlaufen, als PrĂ€sident Emmanuel Macron das geplant hatte. Um den zĂ€hen Rentenstreit mit Massenprotesten hinter sich zu lassen, hatte er auf ein 100-Tage-Programm mit Verbesserungen in diversen Politikbereichen gesetzt. Wochenlang reisten Minister mit AnkĂŒndigungen durchs Land und zum Nationalfeiertag hatte Macron eine erste Bilanz angekĂŒndigt. Doch nach den durch einen Polizeischuss ausgelösten Vorstadtkrawallen steckt das Land in einer Krise.
Das traditionelle Feuerwerk am 14. Juli sagten einige StĂ€dte aus SicherheitsgrĂŒnden ab. Zehntausende von Polizisten sollen an dem Tag befĂŒrchtete neue Unruhen im Keim ersticken. Hubschrauber und gepanzerte Fahrzeuge werden mobilisiert. Die politische Debatte dreht sich wĂ€hrenddessen anders als von Macron geplant wenig um wegweisende Reformen fĂŒr Frankreich, sondern um mehr Handhabe gegen Randalierer, um Fragen von Migration sowie zum Sinn von Milliardeninvestitionen in die Banlieues. Am 17. Juli befasst sich das Parlament mit einem Notstandsgesetz, das von Krawallen betroffenen StĂ€dten schnelle Wiederaufbau- und Renovierungsarbeiten ermöglichen soll.
Tagelang schwere Unruhen
Nach dem tödlichen Schuss eines Polizisten auf einen 17-JÀhrigen bei einer Verkehrskontrolle bei Paris vor gut zwei Wochen hatte es in Frankreich tagelang schwere Unruhen gegeben. Beamte wurden mit Feuerwerkskörpern angegriffen und öffentliche GebÀude wie Polizeiwachen und Schulen in Brand gesetzt. Tausende Autos brannten aus. Die SchÀden werden auf mindestens 650 Millionen Euro beziffert. Die Unruhen flauten zwar ab. Die Sorge ist aber, dass sie nun zum Nationalfeiertag wieder aufflammen.
Doch geht Frankreich der Ursache des gröĂten Gewaltausbruchs in den VorstĂ€dten seit 2005 auf den Grund? Wird darĂŒber diskutiert, dass Beamte ihre Pistolen auf einen unbewaffneten Jugendlichen richteten? PrioritĂ€t angesichts der Krawalle hatte zunĂ€chst das Wiederherstellen von Ruhe und Ordnung. Schnell sprachen Macron und die Regierung von einem Fehlverhalten des eingesetzten Beamten. Die Polizei als Ganzes nahmen sie in Schutz. Ebenso betonten sie, die allermeisten Bewohner der VorstĂ€dte hĂ€tten mit den Unruhen nichts zu tun und seien davon selbst Leidtragende. Von der Verantwortung der Eltern der randalierenden Jugendlichen war die Rede und von der Rolle sozialer Netzwerke, ĂŒber die die Unruhen teils angefacht wurden.
Forderungen nach Polizeireform ignoriert
Unterdessen prangerte der UN-Ausschuss fĂŒr die Beseitigung der Rassendiskriminierung (CERD) ĂŒbermĂ€Ăige Gewalt durch die Polizei und diskriminierende Kontrollen nach rassistischen Gesichtspunkten in Frankreich an. «Jeglicher Vorwurf des Rassismus oder der systemischen Diskriminierung durch die OrdnungskrĂ€fte in Frankreich ist unbegrĂŒndet», konterte darauf das AuĂenministerium. Die Unruhen, die im Ausland auch «French Riots» genannt werden, seien kein typisch französisches Problem, sagte ein Regierungssprecher. Auf Forderungen nach einer Polizeireform, wie sie vom linken politischen FlĂŒgel und auch einer Gewerkschaft kamen, ging die Regierung bisher nicht ein.
Macron hatte nach dem DurchdrĂŒcken der Rentenreform eigentlich aus dem Beliebtheitstief herauskommen und seit April neuen politischen Schwung gewinnen wollen. Ohne absolute Mehrheit im Parlament gestaltet sich das Regieren fĂŒr sein Lager seit einem Jahr schwierig. Sein Plan war, mit MaĂnahmen in wichtigen Politikfeldern - Gesundheit, Bildung oder Migration - wieder die Agenda zu bestimmen. Auch von einer Regierungsumbildung war die Rede. Doch dann wurde Macron zum Getriebenen. Den Staatsbesuch in Deutschland musste er absagen und statt schöner Bilder vor der Kulisse von Schloss Bellevue gingen die der brennenden französischen VorstĂ€dte um die Welt.
Probleme seit Jahrzehnten bekannt
Die tiefen Risse in der französischen Gesellschaft traten wĂ€hrend der Unruhen erneut zu Tage. Die seit Jahrzehnten bekannten Probleme der in den VorstĂ€dten isolierten Bewohner, hĂ€ufig Migranten und deren Nachfahren, die sich nach einer jĂŒngsten Studie weiter diskriminiert fĂŒhlen, mĂŒssten endlich angegangen werden, riefen die einen. Randalierern mit einer weiteren NationalitĂ€t mĂŒsse der französische Pass abgenommen werden, forderten andere. Verzweifelt rauften sich wĂ€hrenddessen BĂŒrgermeister, Anwohner und GeschĂ€ftsleute angesichts der Zerstörungen die Haare.
Dabei ist den Franzosen der soziale und nationale Zusammenhalt weiter sehr wichtig, wie eine am Dienstag vorgelegte Ipsos-Umfrage ergab. Als wichtig nennen die Befragten dort die Werte der Republik, Freiheit, Gleichheit und SolidaritÀt und auch Toleranz und Demokratie. Oft geteilte Hoffnungen sind das Ende von Kriegen und das Ende von Armut und sozialen Ungleichheiten - zumindest die letzten beiden Punkte haben einen direkten Bezug zur Lage im Land.


