GestĂ€rkt fĂŒr seinen Krieg und neue Repressionen
18.03.2024 - 17:46:43Sichtlich entspannt tritt Kremlchef Wladimir Putin noch in der Wahlnacht vor seine UnterstĂŒtzer und dankt den russischen WĂ€hlern fĂŒr ihr Vertrauen. Der 71-JĂ€hrige sieht wie oft nach Wahlen so aus, als ob eine schwere Last von ihm abgefallen ist. Zum Erstaunen vieler spricht er sogar erstmals den Namen seines schĂ€rfsten Gegners aus: Alexej Nawalny. Dass der 47 Jahre alte Oppositionelle in Haft starb, sei zwar traurig, aber so etwas passiere eben. Putin, der auch sonst keine echten Gegner zur PrĂ€sidentenwahl zugelassen hat, fĂŒhlt sich augenscheinlich so stark wie nie in seinen fast 25 Jahren an der Macht.
Dass ihm seine enge Vertraute, Ella Pamfilowa, als Wahlleiterin ein Rekordergebnis beschert bei einer Rekordwahlbeteiligung, nimmt der frĂŒhere Geheimdienstoffizier erleichtert auf. Immerhin herrscht vor allem seit Nawalnys Tod vor einem Monat eine gespannte Stimmung in Russlands Machtzentrum. Die bei Nawalnys Beerdigung in Moskau weithin hörbaren Rufe «Putin ist ein Mörder» und «Russland ohne Putin» haben auch den Kreml erreicht.Â
Und auch die Proteste gegen Putins Wiederwahl am Sonntag in vielen Wahllokalen blieben nicht unbemerkt. Es sei «schlecht», dass einige Andersdenkende sich entschieden hĂ€tten, die Stimmzettel ungĂŒltig zu machen, sagt Putin nach der Aktion. Aber fĂŒr das Ergebnis habe das keine Folgen. TatsĂ€chlich haben sich Tausende an Wahllokalen versammelt, um gegen den LangzeitprĂ€sidenten zu stimmen. Und diese WĂ€hler bestehen darauf, dass die Russen sich durchaus nicht so eng um Putin scharen und zu seinem Krieg gegen die Ukraine stehen, wie vom Kreml immer wieder behauptet.
Moskaus FĂŒhrung feiert das Ergebnis
Um die Welt gingen Bilder, wie Russen in langen Schlangen warteten, um gegen Putin zu stimmen. Das störte das von den Staatsmedien gezeichnete Bild lachender und glĂŒcklicher WĂ€hler, die dem Amtsinhaber ihre Treue aussprachen. In der heilen Welt des russischen Staatsfernsehens kommen Unzufriedene traditionell nicht zu Wort. DafĂŒr gibt es Putin am laufenden Band. Und der nutzt seine Ansprache in der Wahlnacht auch, um die Menschen weiter auf Krieg und Konflikte mit dem Westen einzustimmen. «Der Konflikt fĂŒhrt dazu, dass es bis zum Dritten Weltkrieg nur ein Schritt ist», sagt er Journalisten im Saal. Nachfragen gibt es nicht.
Russland mĂŒsse seine Ziele in der Ukraine erreichen, seine VerteidigungsfĂ€higkeit und StreitkrĂ€fte stĂ€rken, betont Putin. Deutlich macht er einmal mehr auch, dass Russland zu Verhandlungen bereit sei fĂŒr eine Beendigung des Krieges â allerdings zu seinen Bedingungen. Die Einrichtung einer Pufferzone in der Ukraine bringt Putin noch einmal ins Spiel. Sie soll so groĂ sein, dass die von Moskau besetzten Gebiete nicht mehr mit Nato-Waffen zu erreichen sind. FĂŒr eine Waffenruhe wĂ€hrend der Olympischen Sommerspiele in Paris zeigt sich Putin offen.
Nicht zuletzt wegen seines bisher besten Wahlergebnisses  - ĂŒber 87 Prozent werden ihm zugeschrieben - sieht er sich selbst in der Position nie dagewesener StĂ€rke. Moskaus FĂŒhrung feiert das Ergebnis auch als Scheitern des Westens, Einfluss zu nehmen auf die Wahl. Zufrieden nimmt Putin am Montag auch GlĂŒckwĂŒnsche aus befreundeten Staaten entgegen, unter ihnen Autokraten Nordkoreas, Syriens und Tadschikistans. Der Kreml listet die Gratulanten penibel auf â und registriert, wer â wie etwa Deutschland  - nicht gratuliert oder sogar Putins Anerkennung ablehnt.
Die Kritik des Westens an der Wahl ist in Moskau am Tag nach der Abstimmung das bei Weitem am stĂ€rksten diskutierte Thema. Putin meint, er habe keinen Applaus des Westens erwartet. Die Sprecherin des russischen AuĂenministeriums, Maria Sacharowa, Ă€tzt, die Chefs der Nato-Staaten verhielten sich wie «Kakerlaken», die durcheinanderlaufen, wenn das Licht angeht: Die einen wollten das Ergebnis nicht anerkennen, die anderen nĂ€hmen es zur Kenntnis. Schon kurz vor der Wahl wies Kremlsprecher Dmitri Peskow jede Kritik zurĂŒck. «Unsere Demokratie ist die allerbeste, und wir werden sie weiter aufbauen.»
Keine freie Medienberichterstattung
Beobachter erwarten hingegen, dass die Repressionen nach Putins Wiederwahl nun noch zunehmen werden, um seinen Machterhalt zu zementieren. Schon jetzt gibt es in Russland keine freie Medienberichterstattung mehr, Tausende Internetseiten sind blockiert. Wer den Kreml oder den Krieg kritisiert, riskiert Strafen bis hin zu Haft im Straflager. Es gibt keine Versammlungsfreiheit. Oppositionelle sind entweder in Haft, im Exil im Ausland oder tot.
Der prominente russische Politologe Andrej Kolesnikow in Moskau zeichnet ein dĂŒsteres Bild. Ein Machtapparat, der sich nur mit Polizeigewalt behaupte, werde nie bequem regieren können. Auch eine Konsolidierung der Gesellschaft auf Grundlage von Hass gegen die zivilisierte Welt werde keine StabilitĂ€t bringen. Putin stĂŒtze seine Macht auf die PassivitĂ€t der Massen und auf Angst. «Wladimir Putin kann vielleicht kurzzeitig gewinnen, aber er legt Minen unter Russlands Zukunft», analysiert der Experte fĂŒr die Denkfabrik Carnegie.
Eine Perspektive sehen viele nicht â auch keine Hoffnung auf einen Machtwechsel. Das Land entwickle sich vielmehr von einem autoritĂ€ren Regime zu einem totalitĂ€ren Staat, sagt Kolesnikow. Nach fast einem Vierteljahrhundert an der Macht habe Putin eine «parasitĂ€re Elite» herangezogen, ein GroĂteil der Bevölkerung sei abhĂ€ngig von staatlichen Jobs. Statt eines Mittelstandes mit Unternehmern und kreativen Menschen gebe es einen Apparat mit SicherheitskrĂ€ften und BĂŒrokraten, deren Einkommen und sozialer Status völlig von Putins Wohlwollen abhĂ€ngig seien.
Wie lange das hĂ€lt, kann niemand sagen.«Es ist möglich, dass das Regime fĂŒr die nĂ€chsten paar Jahre genĂŒgend Ressourcen hat, um sich nach dem Prinzip "Nach uns die Sintflut" an der Macht zu halten», sagt Kolesnikow.
Putin hatte mit einer VerfassungsÀnderung schon vor fast vier Jahren die Weichen stellen lassen, um auch 2030 wieder zur Wahl antreten zu können. Auf dem Roten Platz in Moskau feierten am Montag Tausende Menschen Putin als Wahlsieger mit «Rossija-Rossija»-Rufen. Es war auch eine Party zum 10. Jahrestag der Annexion der Schwarzmeer-Halbinsel Krim.


