Orban, EU-Gipfel

Orban blockiert bei EU-Gipfel Ukraine-Beschluss

14.12.2023 - 18:39:41

Muss die EU die Ukraine wegen eines einzelnen Regierungschefs bitter enttĂ€uschen? Zu Beginn eines zweitĂ€gigen Gipfels in BrĂŒssel steht dieses Szenario im Raum.

Der ungarische MinisterprĂ€sident Viktor Orban hat beim EU-Gipfel in BrĂŒssel eine klare Entscheidung fĂŒr die Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine blockiert. Offen blieb allerdings zunĂ€chst, ob zum Abschluss des Spitzentreffens nicht doch ein positives Signal in Richtung Kiew gesendet werden kann.

Der letzte regulÀre Gipfel dieses Jahres soll erst an diesem Freitag enden. Teilnehmer schlossen auch nicht aus, dass er sogar bis ins Wochenende hinein dauern kann.

Der finnische MinisterprÀsident Petteri Orpo sagte mit Blick auf die schwierigen GesprÀche, er habe vorsichtshalber viele Hemden eingepackt. Der Gipfel werde so lange dauern, wie es notwendig sei.

Bundeskanzler Olaf Scholz sagte bei seiner Ankunft zum Gipfel, es sei wichtig, den Beitrittsprozess voranzubringen und ein klares Zeichen der UnterstĂŒtzung an Kiew zu senden. Zudem mĂŒsse der russische PrĂ€sident Wladimir Putin wissen, «dass er nicht darauf setzen kann, dass die EuropĂ€ische Union und ihre Mitgliedstaaten in der UnterstĂŒtzung der Ukraine nachlassen».

Putin verwies fast zur selben Zeit in Moskau darauf, dass die UnterstĂŒtzung des Westens bereits anfange zu bröckeln. Die Ukraine produziere nichts mehr selbst und lebe von dem, was der Westen derzeit noch kostenlos liefere, sagte er. «Aber die Geschenke gehen zur Neige», sagte Putin auf seiner Jahrespressekonferenz.

Kompromiss fĂŒr Orban?

Als ein möglicher Kompromiss im Streit um die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine galt am Donnerstag, den Start dieses Schritts zwar grundsĂ€tzlich zu beschließen, gleichzeitig aber zu vereinbaren, eine weitere notwendige Entscheidung fĂŒr das Ansetzen der ersten Verhandlungsrunde frĂŒhestens beim nĂ€chsten regulĂ€ren EU-Gipfel im kommenden MĂ€rz zu treffen. In diesem Szenario wĂ€re es dann an den Staats- und Regierungschefs zu bestĂ€tigen, dass die Ukraine wirklich alle notwendigen Reformauflagen erfĂŒllt hat.

Der ursprĂŒngliche Plan von EU-RatsprĂ€sident Charles Michel hatte eigentlich vorgesehen, weitere Entscheidungen auf Ministerebene zu treffen.

Orban sagte dazu beim Gipfel, man habe sieben Vorbedingungen fĂŒr weitere Schritte im Beitrittsprozess gesetzt, und selbst nach der Analyse der EU-Kommission seien drei davon zuletzt nicht erfĂŒllt gewesen. Deswegen gebe es derzeit nichts zu diskutieren.

Eingefrorene Gelder sollen kein Thema sein

VorwĂŒrfe, dass er mit der Blockade die wegen Rechtsstaatsdefiziten eingefrorenen EU-Mittel fĂŒr sein Land freipressen wolle, wies Orban kategorisch zurĂŒck. «Es geht hier nicht um einen Handel. Es geht hier nicht um einen Deal», sagte er. Ungarn stehe fĂŒr Prinzipien.

Derzeit sind noch rund 21 Milliarden Euro an EU-Geldern fĂŒr Ungarn eingefroren. Bis kurz vor dem Gipfel waren es sogar mehr als 30 Milliarden Euro gewesen. Am Mittwoch hatte die EU-Kommission allerdings mitgeteilt, wegen vollzogener Justizreformen rund zehn Milliarden Euro freizugeben.

Problematisch ist die Position von Orban beim Gipfel vor allem deswegen, weil er sich mit Blick auf die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine auf einen Gipfelbeschluss aus dem Juni 2022 stĂŒtzen konnte. In diesem heißt es, ĂŒber weitere Schritte im Beitrittsprozess solle erst entschieden werden, wenn «alle diese Bedingungen vollstĂ€ndig erfĂŒllt sind».

Selenskyj erinnert an Menschen in SchĂŒtzengrĂ€ben

BefĂŒrworter einer positiven Entscheidung verwiesen beim Gipfel hingegen darauf, dass der Start von EU-Beitrittsverhandlungen vor allem ein symbolischer Schritt sein soll. «Es wird ohnehin viele Jahre dauern, bis der Beitritt stattfinden wird», sagte beispielsweise der scheidende niederlĂ€ndische Regierungschef Mark Rutte. Es gehe darum, den nĂ€chsten Schritt fĂŒr ein Land zu ermöglichen, das wĂ€hrend eines Krieges, den es auch fĂŒr die EU fĂŒhre, extrem hart an Reformen arbeite.

Ähnlich Ă€ußerte sich auch der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj, der zu Beginn des Gipfels per Videokonferenz zu den Beratungen beim EU-Gipfel zugeschaltet wurde. «Es geht nicht darum, was Politiker brauchen. Es geht darum, was die Menschen brauchen», sagte Selenskyj laut dem von einer EU-Sprecherin veröffentlichten Redetext.

Das betreffe die Menschen in den SchĂŒtzengrĂ€ben, aber auch diejenigen, die in der Ukraine Leben retteten oder dazu beitrĂŒgen, dass Kinder trotz des russischen Angriffskriegs lernen könnten. Eine positive Entscheidung sei aber auch fĂŒr die EU-BĂŒrgerinnen und -bĂŒrger wichtig, die daran glaubten, dass Europa nicht in die «alten Zeiten endloser fruchtloser Streitigkeiten zwischen den HauptstĂ€dten» zurĂŒckfallen solle.

Deutschland will Haushaltsaufstockung begrenzen

Ein weiteres schwieriges Thema bei dem EU-Gipfel waren VorschlĂ€ge der EU-Kommission fĂŒr eine Aufstockung des langfristigen EU-Haushalts. Dabei machten Deutschland und andere Nettozahler deutlich, dass sie eigentlich nur fĂŒr notwendige neue Finanzhilfen fĂŒr die Ukraine große Summen an zusĂ€tzlichen Mittel bereitstellen wollen und nicht zum Beispiel fĂŒr die Förderung der WettbewerbsfĂ€higkeit der Industrie und die EU-Migrationspolitik.

FĂŒr wahrscheinlich wurde am Donnerstagabend gehalten, dass es bis zum Gipfelende einen Kompromiss gibt, der fĂŒr die kommenden vier Jahre etwa 17 Milliarden Euro an ZuschĂŒssen und 33 Milliarden Euro an Krediten fĂŒr die Ukraine vorsieht. Auf Wunsch von LĂ€ndern wie Italien könnte es einen mittleren einstelligen Milliardenbetrag fĂŒr die Wettbewerbsförderung und Migrationspolitik geben.

Zumindest Orban zeigte sich zunĂ€chst allerdings nicht offen fĂŒr ZugestĂ€ndnisse. Auf die Frage nach Spielraum fĂŒr Kompromisse sagte er: «Die Ungarn sind genetisch nicht empfindlich fĂŒr Druck, das wird unseren Standpunkt nicht beeinflussen.»

@ dpa.de