Hoffnung, Versöhnung

Kaum Hoffnung auf Versöhnung nach Attentat auf Fico

16.05.2024 - 17:05:08

Nach dem Attentat auf MinisterprÀsident Fico rufen Politiker zur Entspannung des politischen Klimas auf. Gegenseitige Schuldzuweisungen sind trotzdem zu hören.

  • Nach dem Attentat auf den slowakischen Regierungschef Robert Fico schwebt der Politiker weiter in Lebensgefahr. - Foto: Radovan Stoklasa/TASR/dpa

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  • Die noch bis 15. Juni amtierende PrĂ€sidentin Zuzana Caputova ruft zur MĂ€ĂŸigung auf. - Foto: Petr David Josek/AP/dpa

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  • Innenminister Matus Sutaj Estok spricht von einem klaren politischen Motiv. - Foto: Petr David Josek/AP/dpa

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  • Fico war am Mittwoch in der Kleinstadt Handlova von einem Rentner niedergeschossen worden. - Foto: Radovan Stoklasa/TASR/dpa

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Nach dem Attentat auf den slowakischen Regierungschef Robert Fico schwebt der Politiker weiter in Lebensgefahr. - Foto: Radovan Stoklasa/TASR/dpaDie noch bis 15. Juni amtierende PrĂ€sidentin Zuzana Caputova ruft zur MĂ€ĂŸigung auf. - Foto: Petr David Josek/AP/dpaInnenminister Matus Sutaj Estok spricht von einem klaren politischen Motiv. - Foto: Petr David Josek/AP/dpaFico war am Mittwoch in der Kleinstadt Handlova von einem Rentner niedergeschossen worden. - Foto: Radovan Stoklasa/TASR/dpa

Die Menschen in der Slowakei durchleben bange Stunden. Am Tag nach dem Attentat auf Regierungschef Robert Fico kĂ€mpfen die Ärzte weiter um dessen Leben. Die Tat ist fĂŒr das Land ein noch grĂ¶ĂŸerer Schock als der Doppelmord am Investigativ-Journalisten JĂĄn Kuciak und dessen Verlobter Martina Kusnirova im Februar 2018 und der Mordanschlag auf die als LGBTI-Treffpunkt bekannte Bar Teplaren in Bratislava im Oktober 2022. Der politische Hintergrund scheint diesmal schneller klar zu sein, als bei den beiden anderen Attentaten. Innenminister Matus Sutaj Estok sprach von einem klaren politischen Motiv, das sich aus den ersten Vernehmungen des TĂ€ters ergeben habe.

In einer aus der Polizeistation geleakten Videoaufnahme, die alle relevanten Internetportale noch am Mittwochabend ĂŒbernahmen, begrĂŒndete der gleich nach seinen SchĂŒssen auf den Regierungschef festgenommene Angreifer unmissverstĂ€ndlich die SchĂŒsse auf Fico: «Ich stimme der Regierungspolitik nicht zu», sagte er deutlich hörbar. Mit undeutlicherer Stimme nannte er dann Beispiele - allen voran die Medienpolitik der Regierung, vor allem die geplante Auflösung des öffentlich-rechtlichen Radios und Fernsehens RTVS. Dagegen hatten die liberalen und konservativen Oppositionsparteien seit Wochen Tausende Menschen zu Massendemonstrationen mobilisiert.

Der Fernsehsender TV Markiza berichtete, der TĂ€ter Juraj C. sei angeblich schon bei Oppositionsprotesten gegen die Medien- und Ukraine-Politik der Regierung aufgefallen. Fico selbst hatte erst vor Kurzem der liberalen Opposition vorgeworfen, ein Klima der Feindschaft gegen seine Regierung zu schĂŒren. Es sei nicht auszuschließen, dass es angesichts der aufgeheizten Stimmung irgendwann zu einer Gewalttat komme.

Seit Dezember Massenproteste gegen Regierung

Bei den von der liberalen Opposition, die bei der Parlamentswahl im Herbst knapp unterlegen war, schon seit Dezember organisierten Massenprotesten gegen die Regierung riefen die Teilnehmenden regelmĂ€ĂŸig in Sprechchören: «Fico ins GefĂ€ngnis!» und «Wir wollen Fico nicht!». Bei allen Demonstrationen gegen die Regierung waren Transparente mit der Aufschrift «Mafia!» zu sehen. Dieses Schlagwort ruft hartnĂ€ckig den juristisch lĂ€ngst widerlegten Vorwurf in Erinnerung, der Journalistenmord von 2018 sei von einer Verschwörung italienischer Mafia-Clans mit Regierungspolitikern eingefĂ€delt worden.

Teile des Regierungslagers warfen der Opposition und den mit ihr verbĂŒndeten liberalen Medien auch deshalb immer wieder vor, eine Art Putschversuch gegen die legitime Regierung zu planen, wie es Fico, aber auch andere Regierungspolitiker immer wieder formulierten. Auch am Mittwochabend wĂ€re in Bratislava eine weitere Massenkundgebung gegen die Regierung geplant gewesen. HauptsĂ€chlich wĂ€re es dabei um den umstrittenen Plan von Kulturministerin Martina Simkovicova gegangen, die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt RTVS aufzulösen und durch ein neues Unternehmen zu ersetzen.

Aus der Sicht der Opposition, aber auch der RTVS-Mitarbeiter und Oppositionsmedien sollte damit ein willfĂ€hriges Propagandaorgan der Regierung geschaffen werden. Oder wie RTVS-Redakteur Miro Frindt der dpa sagte: «Es geht der Koalition um die Kontrolle der Nachrichtensendungen». Eine Art Hofberichterstattung sollte die in Umfragen als unabhĂ€ngig und vertrauenswĂŒrdig bewertete bisherige RTVS-Berichterstattung ersetzen.

PrĂ€sidentin ruft zur MĂ€ĂŸigung auf

Obwohl der liberale OppositionsfĂŒhrer und Chef der grĂ¶ĂŸten liberalen Oppositionspartei «Progressive Slowakei» (PS) diesen Kampf weiterhin fĂŒr wichtig und legitim hĂ€lt, sagte er nach dem Attentat spontan die fĂŒr den Abend geplante Protestkundgebung in Bratislava ab. Auch andere Oppositionsparteien stimmten zu, vorerst keine großen politischen Aktionen zu organisieren.

Die der Opposition nĂ€her als der Regierung stehende und noch bis 15. Juni amtierende PrĂ€sidentin Zuzana Caputova rief gemeinsam mit ihrem bereits gewĂ€hlten Nachfolger, dem zum Regierungslager gehörenden Sozialdemokraten Peter Pellegrini zur MĂ€ĂŸigung auf. Auch der Innen- und der Verteidigungsminister appelierten aus dem Krankenhaus in Banska Bystrica, in dem der verletzte Fico behandelt wurde, zur «Beruhigung» des polarisierten gesellschaftlichen Klimas auf. Insbesondere sollten alle Parteien auf Attacken in sozialen Medien verzichten, da diese eine Stimmung der Gewalt beförderten, sagte Innenminister Matus Sutaj Estok.

Was aber rasch auffiel, waren sofortige Schuldzuweisungen in NebensĂ€tzen. Parlaments-VizeprĂ€sident Lubos Blaha, einer von Ficos Stellvertretern in der grĂ¶ĂŸten Regierungspartei «Richtung - Slowakische Sozialdemokratie» (Smer-SSD) fĂŒgte seiner Mahnung zur MĂ€ĂŸigung sogleich den an Oppositionsmedien und Oppositionsparteien gerichteten Nachsatz hinzu «Das ist euer Werk!» Andrej Danko, der Chef der kleinsten, rechtspopulistischen Regierungspartei SNS warf der Opposition vor, «Blut an ihren HĂ€nden» zu haben. 

Jahrzehntelang keine vergleichbaren Attentate

Umgekehrt kritisierten mehrere Oppositionspolitiker wie etwa der konservative EU-Abgeordnete Ivan Stefanec, die Regierung sei selbst fĂŒr das Klima des Hasses verantwortlich, das so ein Attentat möglich gemacht habe.

Vergleichbare Attentate auf Regierungschefs in Europa hat es seit Jahrzehnten nicht gegeben. Im MĂ€rz 2003 wurde der reformorientierte serbische MinisterprĂ€sident Zoran Djindjic in Belgrad bei einem Attentat erschossen, im September des gleichen Jahres stirbt die schwedische Außenministerin Anna Lindh nach einem Messerangriff in einem Stockholmer Kaufhaus. Im Oktober 2021 ersticht in England ein 25-JĂ€hriger wĂ€hrend einer BĂŒrgersprechstunde den 69 Jahre alten konservativen Unterhausabgeordneten David Amess.

In Deutschland sorgt im Juni 2019 vor allem der Mord an CDU-Politiker Walter LĂŒbcke fĂŒr Entsetzen: Ein Rechtsextremist erschoss den Kasseler RegierungsprĂ€sidenten auf dessen Terrasse in Wolfhagen. Dagegen ĂŒberlebt im Oktober 2015 die parteilose Henriette Reker kurz vor der Wahl zur Kölner OberbĂŒrgermeisterin einen Messerangriff durch einen Rechtsextremisten nur knapp.

@ dpa.de