Strafverfahren gegen Wagner-Chef lÀuft noch
26.06.2023 - 17:34:04Der wegen einer Rebellion gegen Moskaus MilitĂ€rfĂŒhrung im Kreml in Ungnade gefallene Söldnerchef Jewgeni Prigoschin sollte auf freiem FuĂ in Belarus sein. Doch seit dem letzten Lebenszeichen auf seinem Kanal bei Telegram, wo er am Samstag den Aufstand zur Abwendung eines groĂen Blutbades in Russland fĂŒr beendet erklĂ€rte, fehlt von dem sonst so kommunikationsfreudigen 62-JĂ€hrigen jede Spur.
Zwar gehen die russischen Behörden schon seit Tagen mit Razzien gegen Prigoschins Stabsquartier in St. Petersburg vor, beschlagnahmten Geld und Gold. Die Gefahr gilt aber als nicht gebannt, weil im Grunde eine vollwertige Armee mit Panzern, Hubschraubern und ScharfschĂŒtzen auĂer Kontrolle geraten könnte.
Demonstrativ lieĂen Behörden in den russischen Regionen Plakate abreiĂen, mit denen Prigoschin KĂ€mpfer fĂŒr seine Privatarmee Wagner anwerben wollte. Er versprach bessere FĂŒhrung, mehr Geld und soziale Wohltaten als das Verteidigungsministerium fĂŒr den Einsatz im Kriegsgebiet in der Ukraine. Sein Ărger ĂŒber die «UnfĂ€higkeit» des Ministeriums fĂŒhrte Ende vergangener Woche zu einer offenen Rebellion gegen Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Generalstabschef Waleri Gerassimow.
Die konkreten Forderungen seines Blitzaufstandes samt dann spĂ€ter abgeblasenem Marsch gen Moskau blieben zwar nebulös. Aber klar dĂŒrfte sein, dass sich der extrem reiche und einflussreiche Chef der Söldnertruppe nicht von Schoigu unterbuttern lassen wollte. Die Wagner-Truppe erwies dem Kreml viele Dienste auch in Afrika, im Nahen Osten und vor allem in der Ukraine. Zum Ărger Prigoschins hatte Schoigu angewiesen, bis 1. Juli - also bis Samstag â alle etwa 40 FreiwilligenverbĂ€nde, darunter auch Wagner, unter den Befehl des Verteidigungsministeriums zu stellen. Prigoschin lehnte das kategorisch ab. Er setzte auf eine gewaltsame Lösung seines Dauerkonflikts - und scheiterte.
Verteidigungsministerium zeigt Schoigu in einem Video
WĂ€hrend Prigoschins Aufenthalt ungeklĂ€rt ist, veröffentlichte das russische Verteidigungsministerium am Montag zumindest ein Video, auf dem Schoigu in Uniform zu sehen war. Wann das Video aufgenommen wurde, ist unklar. Zu hören ist von Schoigu nichts â wie auch von Kremlchef Wladimir Putin, der die Drahtzieher des Aufstandes am Samstag als «VerrĂ€ter» bezeichnete â und so auch öffentlich brach mit Prigoschin, der lange sein Vertrauter war. Putin erklĂ€rte da auch, dass er den russischen StreitkrĂ€ften den Befehl gegeben habe, die AufstĂ€ndischen ihrer «unausweichlichen Bestrafung» zuzufĂŒhren.
Als die Wagner-Truppe nach Verhandlungen aus den besetzten MilitĂ€robjekten im sĂŒdrussischen Rostow am Don abzog, teilte der Kreml am Samstagabend ĂŒberraschend mit, die Strafverfahren gegen Prigoschin und seine KĂ€mpfer wĂŒrden eingestellt. Viele Kommentatoren zeigten sich erstaunt angesichts von Putins Milde, weil er sonst im Ruf steht, mit VerrĂ€tern kurzen Prozess zu machen. Die Rede war deshalb von einer SchwĂ€chung Putins, von Kontroll- und Machtverlust des Kremlchefs. Doch russische Medien berichteten am Montag, die Ermittlungen gegen Prigoschin seien noch nicht eingestellt.
WĂ€hrend Moskaus Staatsmedien einmal mehr die Hand westlicher Geheimdienste hinter der Revolte sahen â mit dem Ziel, die Lage in Russland zu destabilisieren -, fragten unabhĂ€ngige Medien vielmehr erneut, wie es sein konnte, dass etwa der Inlandsgeheimdienst FSB nichts von Prigoschins PlĂ€nen wusste â oder davon Kenntnis hatte und untĂ€tig blieb. Diskutiert wurde zudem, warum sich die StreitkrĂ€fte den Wagner-KĂ€mpfern nicht entschlossen entgegenstellten.
Moral in der russischen Armee gilt als schwer angeschlagen
Klar ist zwar, dass Schoigus Armee in der Ukraine in einem fĂŒr Russland chaotischen Krieg weitgehend gebunden ist. Aber MilitĂ€rblogger wiesen auch darauf hin, dass sich Teile der Armee wohl passiv verhielten, um den Ausgang des Konflikts abzuwarten. Die Moral der russischen Soldaten gilt wegen der vielen Niederlagen im Krieg als schwer angeschlagen. Prigoschin hatte mehr Einsatz Russlands gefordert, um der ukrainischen Gegenoffensive zu widerstehen. Er warnte immer wieder vor einer Niederlage im Krieg.
Dass sich Prigoschin niemand ernsthaft entgegenstellte, dĂŒrfte nicht nur Minister Schoigu, sondern auch Putin zu denken geben. Es ist unĂŒbersehbar, dass das Gewaltmonopol des Kremlchefs Risse hat. Vor allem wurde einmal mehr deutlich, dass die Zeit, in der Putin als ein Garant fĂŒr StabilitĂ€t der nach den USA zweitgröĂten Atommacht galt, vorbei ist. Nach mehr als 23 Jahren an der Macht gilt der 70-JĂ€hrige inzwischen als geschwĂ€cht, kann allem Anschein nach die verschiedenen Interessensgruppen kaum noch ausgleichen â auch wenn er diesen beispiellosen Machtkampf vorerst fĂŒr sich entschied.
Teile der Wagner-Truppen sollen nun zwar in das Verteidigungsministerium eingegliedert werden, wĂ€hrend die SchĂ€den von ihren Panzern an StraĂen und GebĂ€uden in den Regionen beseitigt und die Toten des Aufstandes begraben werden. Aber viele Fragen sind offen â etwa zur Zukunft der geheimen Feldlager Prigoschins, wo sich seine KĂ€mpfer verschanzen könnten. Das russische Parlament arbeitet an einer Regulierung der Arbeit privater MilitĂ€rfirmen.
Experten des US-Instituts fĂŒr Kriegsstudien ISW interpretieren solche Initiativen auch als Wunsch der russischen FĂŒhrung, Söldner vom Schlage Wagners weiterhin in internationalen Konflikten einzusetzen. Russlands AuĂenminister Sergej Lawrow kĂŒndigte bereits an, dass Moskau seine MilitĂ€rprĂ€senz in Afrika aufrecht erhalten werde - diese wurde jahrelang durch Wagner-Söldner ausgeĂŒbt.
Wagner-Chef zwischen Tötungsaufrufen und Leben in Belarus
Die Augen richteten sich aber vor allem auf Prigoschin selbst â nicht wenige wie der Duma-Abgeordnete Andrej Guruljow forderten seinen Tod. «Eine Kugel in die Stirn ist die einzige Rettung fĂŒr Prigoschin», sagte er. «Ich bin fest davon ĂŒberzeugt, dass man VerrĂ€ter in Kriegszeiten vernichten muss.» Viele in der Elite sehen sich nun durch einen aus ihren Reihen verraten. Prigoschin mit seinen ultrarechten und nationalistischen Ansichten gehörte zur Machtbasis Putins, die nun bröckeln könnte.
Und der Wagner-Chef selbst sah sich enttĂ€uscht, weil Putin seinen Rufen nach einem entschlossenerem Einsatz im Krieg nicht folgte. Prigoschin habe selbst nicht vorgehabt, mit der Revolte die Macht an sich zu reiĂen, meinte die Politologin Tatjana Stanowaja. Er habe vielmehr aus Verzweiflung gehandelt, weil er durch den Zugriff des Verteidigungsministeriums auf die Strukturen der Privatarmeen um die Existenz von Wagner gefĂŒrchtet habe.
Prigoschin habe Putins Aufmerksamkeit gewollt â und Geld, Sicherheit und komfortable Bedingungen fĂŒr seine Arbeit. «Mit solchen Forderungen gehst du nicht los, um die Regierung zu stĂŒrzen», sagte sie. Mit seinem Plan sei Prigoschin gescheitert, habe das eingesehen und deshalb aufgegeben. «Putin konnte ihm so zusichern, sein Leben zu verschonen, wenn Prigoschin ruhig in Belarus sitzt.»









