Putsch im Niger: General ernennt sich zum neuen Machthaber
28.07.2023 - 13:30:32Der mutmaĂliche Verantwortliche fĂŒr den Putsch gegen den demokratisch gewĂ€hlten PrĂ€sidenten des Niger hat sich selbst zum neuen Machthaber des westafrikanischen Landes ernannt. Der Chef der PrĂ€sidentengarde, General Omar Tchiani, erklĂ€rte sich bei einer Ansprache im nationalen Fernsehen zum PrĂ€sidenten des Nationalen Rats - zwei Tage nachdem Offiziere seiner Eliteeinheit den demokratisch gewĂ€hlten PrĂ€sidenten Mohamed Bazoum in seinem Palast festgesetzt und fĂŒr entmachtet erklĂ€rt hatten.
Ăber den Verbleib von Bazoum ist nichts bekannt. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass er sich zu Hause befinde. «Er scheint in seinem Haus zu sein, und es scheint ihm gut zu gehen», sagte die per Video aus Niamey zugeschaltete Chefin des UN-Entwicklungsprogramms UNDP im Niger, Nicole Kouassi, vor Journalisten in New York.
Der MilitĂ€rputsch in dem Land, in dessen Hauptstadt rund 100 deutsche Soldaten stationiert sind, ist fĂŒr die EU wie fĂŒr die USA ein RĂŒckschlag in den BemĂŒhungen, die Region zu stabilisieren. Nach Putschen in Mali und Burkina Faso war der Niger das letzte der drei NachbarlĂ€nder in der Sahelzone, das von einer demokratisch gewĂ€hlten Regierung gefĂŒhrt wurde, und hatte sich als wichtiger Partner im Kampf gegen den Terrorismus in der Region etabliert. FĂŒr die EU ist die Lage im Niger auch bedeutend, weil es eines der wichtigsten TransitlĂ€nder fĂŒr afrikanische Migranten auf dem Weg nach Europa ist.
Hat Tchiani die gesamte Armee hinter sich?
Die nigrischen StreitkrĂ€fte hatten am Donnerstag erklĂ€rt, sich der Forderung der rebellierenden MilitĂ€rs nach einem Ende der Amtszeit von Bazoum anzuschlieĂen. Nach Tchianis ĂuĂerung ist jedoch noch unklar, ob der General als De-facto-PrĂ€sident die gesamte Armee hinter sich hat. Experten befĂŒrchten, dass sich ein Machtkampf entspinnen könnte. Tchiani bezeichnete das MilitĂ€r als «Garanten der nationalen Einheit, der territorialen IntegritĂ€t und der Interessen unserer Nation». Er rief «Partner und Freunde des Niger» auf, den SicherheitskrĂ€ften zu vertrauen.
Der sogenannte Nationale Rat fĂŒr den Schutz des Vaterlandes, dem der General nun vorsteht, wurde von den Putschisten bereits am Mittwoch gegrĂŒndet und ĂŒbernimmt die Aufgaben einer Ăbergangsregierung. Der RegionalbĂŒroleiter der Konrad-Adenauer-Stiftung fĂŒr die Sahelzone, Ulf Laessing, sagte: «Tchiani ist kein Aufbruch - im Gegenteil.» Seine Ernennung dĂŒrfte Spekulationen anfachen, dass Bazoums VorgĂ€nger Mahamadou Issoufou hinter dem Coup stehen könnte, so Laessing. Issoufou hatte Tchiani noch in seiner Amtszeit in das Amt des Chefs der PrĂ€sidentengarde befördert.
EU setzt jegliche Budgethilfe aus
Das französische AuĂenministerium erklĂ€rte, die neuen Machthaber nicht anzuerkennen. Die EU verurteilte den Putsch aufs SchĂ€rfste. Jeder VerstoĂ gegen die verfassungsmĂ€Ăige Ordnung werde Auswirkungen auf die Zusammenarbeit zwischen der EU und dem Niger haben, teilte der EU-AuĂenbeauftragte Josep Borrell im Namen der Mitgliedstaaten mit. Die Auswirkungen schlössen auch das sofortige Aussetzen jeglicher Budgethilfe ein. Die EU hatte dem Niger - eines der Ă€rmsten LĂ€nder der Welt - erst vor wenigen Wochen neue Investitionen in Höhe von 66 Millionen Euro in Bildungs- und Jugendprojekte in Aussicht gestellt. Sie ergĂ€nzen Finanzzusagen in Höhe von Hunderten Millionen Euro, die bereits in den vergangenen Jahren gemacht wurden.
Erst Ende 2022 hatte die EU eine MilitÀrmission im Niger beschlossen, um den Terrorismus in der Region zu bekÀmpfen. Wie es mit der Kooperation weitergeht, ist unklar. Die Sahelzone gilt als Zentrum insbesondere des islamistischen Terrors. Sowohl in Mali als auch in Burkina Faso und dem Niger sind Gruppen des Islamischen Staates und Al-Kaida tÀtig.
Bundeswehr betreibt LufttransportstĂŒtzpunkt in der Hauptstadt
FĂŒr die Bundeswehr-Soldaten im Land sieht Verteidigungsminister Boris Pistorius derzeit keine akute Gefahr. Der Leiter des LufttransportstĂŒtzpunktes der Bundeswehr in Niamey habe ihm bestĂ€tigt, «dass es aktuell keine erhöhte Bedrohung durch die Putschisten gibt, weder fĂŒr Zivilisten noch fĂŒr Soldatinnen und Soldaten», sagte der SPD-Politiker dem «Spiegel». In GesprĂ€chen mit der nigrischen Seite werde man verdeutlichen, «dass sich unsere KrĂ€fte aus den innernigrischen Angelegenheiten heraushalten». Die Putschisten hatten auslĂ€ndische Staaten davor gewarnt, militĂ€risch einzugreifen.
Die Bundeswehr betreibt den LufttransportstĂŒtzpunkt fĂŒr das militĂ€rische Engagement in Westafrika - Niamey spielt auch fĂŒr den Abzug aus Mali eine wichtige Rolle. Die USA betreiben einen LuftwaffenstĂŒtzpunkt in der Stadt Agadez und haben ĂŒber 1000 Soldaten im Niger stationiert. Auch fĂŒr die ehemalige Kolonialmacht Frankreich war der Niger zuletzt ein wichtiger Partner im Kampf gegen den islamistischen Terror, nachdem die MilitĂ€rmachthaber in Mali und Burkina Faso den Abzug französischer Truppen forderten. Die UmstĂŒrze bedeuteten fĂŒr Frankreich das Ende der jahrelangen MilitĂ€roperation Barkhane, die die Region stabilisieren sollte. Berichten zufolge soll Frankreich 1500 Soldaten im Niger haben.
Wagner-Chef Prigoschin meldet sich zu Wort
Es gibt die Sorge, dass der Niger unter einer MilitĂ€rregierung nĂ€her an Russland rĂŒcken könnte. Auch die NachbarlĂ€nder Mali und Burkina Faso hatten sich in Richtung Russland orientiert und unter anderem Partnerschaften mit der russischen Wagner-Gruppe gesucht. Der Chef der Privatarmee, Jewgeni Prigoschin, bezeichnete den Putsch im Niger am Donnerstag auf Telegram als gewöhnlichen Kampf der Menschen gegen die frĂŒheren Kolonialherren, die ihnen ihren Lebensstil aufzwingen wollten. Ehemalige Kolonialisten destabilisierten gezielt die Lage in afrikanischen LĂ€ndern und unterstĂŒtzten dort «Terroristen und verschiedenen Bandengruppierungen», behauptete Prigoschin, der einmal mehr fĂŒr den Einsatz seiner Wagner-KĂ€mpfer warb.
Unter dem politischen Chaos dĂŒrfte vor allem die Zivilbevölkerung leiden: Seit der Luftraum im Niger geschlossen wurde, gibt es Auswirkungen fĂŒr Hilfsorganisationen und Vereinte Nationen. Laut UN wird die humanitĂ€re Hilfe, die mehr als drei Millionen Menschen in dem Land dringend benötigten, eingeschrĂ€nkt fortgesetzt. «Die humanitĂ€re Hilfe auf dem Boden geht weiter und hat nie aufgehört», sagte der zustĂ€ndige Landeschef des UN-WelternĂ€hrungsprogramms, Jean-Noel Gentile. Das Land mit seinen rund 26 Millionen Einwohnern belegte auf dem Index der menschlichen Entwicklung der Vereinten Nationen zuletzt Platz 189 von 191. Mehr als 40 Prozent der Menschen leben in extremer Armut.





