Bisschen Frieden - Biden und Xi sprechen wieder miteinander
16.11.2023 - 07:50:40Idyllischer geht es kaum. Akribisch getrimmte BuchsbĂ€ume sĂ€umen den Kiesweg neben einem Pool, Wasser plĂ€tschert im Springbrunnen, bunte Lampions baumeln ĂŒber RosenbĂŒschen, neben einem Teich quakt ein Frosch, Rehe hĂŒpfen ĂŒber die Wiese nebenan. Joe Biden hat sich einen besonderen Ort ausgesucht, um Xi Jinping zum GesprĂ€ch zu empfangen.
Der US-PrĂ€sident und der chinesische Staatschef ziehen sich in ein schickes Anwesen mit ĂŒppigen GĂ€rten in den HĂŒgeln sĂŒdlich von San Francisco zurĂŒck, um in Ruhe miteinander zu reden. Ein Jahr lang haben sie sich nicht gesehen, nicht miteinander gesprochen. Kein Telefonat, keine Videoschalte, nichts. Nun, ein Jahr und einen Tag nach ihrem jĂŒngsten Treffen am Rande des G20-Gipfels im November 2022 in Bali, kommen sie am Rande des Apec-Gipfels in Kalifornien zusammen. Aber nicht in einem Konferenzraum auf dem GipfelgelĂ€nde, sondern 45 Kilometer von San Francisco entfernt, im Gartenidyll. Weit weg vom LĂ€rm der Stadt, vom Gipfeltrubel, von Demonstranten.
Ein Spaziergang im GrĂŒnen
In dem Filoli-Anwesen in Woodside sitzen Biden und Xi ĂŒber mehrere Stunden zusammen, abgeschirmt von der AuĂenwelt durch ein GroĂaufgebot von Polizisten. Mit Beratern diskutieren sie in gröĂeren und kleineren Runden. Zum Mittag gibt es Ravioli, Artischocken und HĂŒhnchen. Nach dem Essen flanieren die beiden PrĂ€sidenten durch den Garten. Diese Bilder von den zwei MĂ€nnern, die an der Spitze der zwei gröĂten MilitĂ€r- und WirtschaftsmĂ€chte stehen, sollen auch ein Signal an die Welt aussenden: Die USA und China sind nicht kurz davor, den nĂ€chsten internationalen GroĂkonflikt zu starten.
In den vergangenen Monaten der kompletten Funkstille zwischen den beiden mĂ€chtigen MĂ€nnern machten sich Sorgen breit, dass die Beziehungen zwischen beiden Staaten in einen echten Konflikt abrutschen könnten. Potenzial dafĂŒr bietet vor allem das Thema Taiwan. China sieht die Inselrepublik als Teil seines Territoriums. BefĂŒrchtet wird, dass China sich Taiwan mit militĂ€rischer Gewalt einverleiben könnte. Biden hat Taipeh fĂŒr einen solchen Fall militĂ€rischen Beistand versprochen. Im Raum steht also das Horrorszenario einer direkten militĂ€rischen Konfrontation zwischen den USA und China. In dem Gebiet rund um Taiwan kommt es immer wieder zu militĂ€rischen Machtdemonstrationen.
Signale der Entspannung
Biden und Xi bemĂŒhen sich in Kalifornien, Ăngste vor einer Konfrontation zu zerstreuen - zumindest nach auĂen hin. Der US-PrĂ€sident tritt nach dem GesprĂ€ch ohne seinen Gast vor die Presse, spricht von einem konstruktiven Treffen, von «wichtigem Fortschritt» und «positiven Schritten». Ja, beide LĂ€nder stĂŒnden im Wettbewerb, sagt er. Es liege in der Verantwortung beider Seiten, die Beziehungen so zu managen, dass es nicht zum Konflikt komme. Es gehe um globale StabilitĂ€t.
Auf Taiwan geht Biden bei seinem Auftritt kaum ein. Stattdessen berichtet der Demokrat, Xi und er hĂ€tten vereinbart, kĂŒnftig einfach zum Telefonhörer zu greifen bei Sorgen oder GesprĂ€chsbedarf - und der andere werde rangehen. Auch die direkte Kommunikation zwischen den StreitkrĂ€ften beider LĂ€nder werde wieder aufgenommen. In den vergangenen Monaten hatte Peking einen Austausch zwischen den Verteidigungsministern und MilitĂ€rs beider LĂ€nder mehrfach verweigert - trotz diverser militĂ€rischer ZwischenfĂ€lle, ĂŒber die die Amerikaner sprechen wollten.
Auch Xi schlĂ€gt in der kalifornischen Idylle versöhnliche Töne an. FĂŒr zwei groĂe LĂ€nder wie die USA und China sei es keine Option, sich gegenseitig den RĂŒcken zuzukehren, sagt er zu Beginn des Treffens. Es sei unrealistisch, dass die eine Seite die andere umkrempeln könne, und ein Konflikt oder eine Konfrontation hĂ€tten «unertrĂ€gliche Folgen» fĂŒr beide Seiten. Die USA und China seien unterschiedlich auf vielen Ebenen, doch «solange sie sich respektieren, in Frieden koexistieren», könnten sie ihre Differenzen ĂŒberwinden. Die Erde sei groĂ genug dafĂŒr, dass beide LĂ€nder Erfolg haben könnten.
Hinter verschlossenen TĂŒren
Doch hinter den Kulissen ging es nicht nur harmonisch zu. Ein hochrangiger US-Regierungsbeamter berichtet, Xi habe dort zum Thema Taiwan anhaltende Bedenken geĂ€uĂert und angemerkt, dies sei das gröĂte und potenziell gefĂ€hrlichste Konfliktfeld der Beziehungen zu den USA. Xi habe zwar gesagt, er plane keine militĂ€rische Aktion und China wolle eine «friedliche Wiedervereinigung». Der chinesische PrĂ€sident sei allerdings schnell dazu ĂŒbergegangen, Bedingungen durchzugehen, unter denen Gewalt zum Einsatz kommen könnte.
An konkreten Ergebnissen haben die beiden PrĂ€sidenten nur wenig vorzuweisen: Eine Vereinbarung zum Kampf gegen die Einfuhr der Droge Fentanyl aus China in die USA, was Biden vor allem innenpolitisch im Wahlkampf helfen dĂŒrfte. Daneben die Wiederbelebung der direkten Kommunikation zwischen den PrĂ€sidenten und den StreitkrĂ€ften beider LĂ€nder, was beim Abbau von Spannungen helfen dĂŒrfte, in anderen Beziehungen aber eine reine SelbstverstĂ€ndlichkeit ist. Mit viel mehr hatten die Amerikaner nach eigenem Bekunden allerdings auch nicht gerechnet und vorab offensiv die Erwartungen an das Treffen gedĂ€mpft.
Konkurrenten - keine Freunde
Beide Seiten machen keinen Hehl daraus, dass sie Konkurrenten sind - und nicht Freunde. Ein Moment zum Abschluss von Bidens Pressekonferenz macht das auf besondere Weise deutlich. Auf die Frage einer Reporterin, ob er Xi nach dem Treffen an diesem Tag weiter als einen «Diktator» bezeichnen wĂŒrde, sagt Biden: «Schauen Sie, das ist er.» UmstĂ€ndlich schiebt Biden nach, Xi sei ein Diktator in dem Sinne, dass er ein kommunistisches Land fĂŒhre, «das auf einer Regierungsform basiert, die sich komplett von unserer unterscheidet». Nach diesem Kommentar dĂŒrfte Bidens Telefon bald klingeln.





