Polen, Russland

Drohnen-Abschuss in Polen: Konfliktpotenzial an Ostflanke

10.09.2025 - 08:36:26

Nach mehrfachen Drohnen-VorfĂ€llen greift Polen durch: Kampfjets zerstören unbemannte Flugobjekte, FlughĂ€fen werden geschlossen. Was bedeutet das fĂŒr die Sicherheit an der Nato-Grenze?

  • Flugzeuge der polnischen Luftwaffe haben in der Nacht Drohnen zerstört, die in den Luftraum des Landes eingedrungen waren. (Archivbild) - Foto: Leszek Szymanski/PAP/dpa

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  • Flugzeuge der polnischen Luftwaffe haben in der Nacht Drohnen zerstört, die in den Luftraum des Landes eingedrungen waren. (Archivbild) - Foto: Czarek Sokolowski/AP/dpa

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Flugzeuge der polnischen Luftwaffe haben in der Nacht Drohnen zerstört, die in den Luftraum des Landes eingedrungen waren. (Archivbild) - Foto: Leszek Szymanski/PAP/dpaFlugzeuge der polnischen Luftwaffe haben in der Nacht Drohnen zerstört, die in den Luftraum des Landes eingedrungen waren. (Archivbild) - Foto: Czarek Sokolowski/AP/dpa

Mit wachsender Unruhe hat Polen in den vergangenen Wochen beobachtet, dass immer wieder Drohnen aus dem Osten in seinen Luftraum eindringen. Nun hat die polnische Luftwaffe durchgegriffen: WÀhrend eines russischen Angriffs auf die Ukraine wurden mehrere unbemannte Flugobjekte abgeschossen. 

Was genau ist passiert?

In der Nacht auf Mittwoch hat - inmitten einer russischen Angriffswelle auf die Ukraine - eine grĂ¶ĂŸere Zahl von Drohnen den polnischen Luftraum verletzt. Das Oberkommando der Armee sprach von «mehr als einem Dutzend». Aus der Nato heißt es, in Polen seien mehr als zehn Objekte vom Radar erfasst worden. Nach Angaben von Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz haben daraufhin aufgestiegene Kampfjets ihre Waffen gegen die feindlichen Objekte eingesetzt. Von der Armee hieß es, mehrere Drohnen seien zerstört worden. Eine Nato-Sprecherin bestĂ€tigte, dass bei der Abwehr der Drohnen neben polnischen auch Nato-LuftverteidigungskrĂ€fte zum Einsatz kamen. 

Mehrere FlughÀfen wurden zeitweise geschlossen, darunter auch der internationale Flughafen Warschau-Chopin sowie die Airports in Lublin und Rzeszow im Osten des Landes. 

Warum hat dieser Vorgang eine neue Dimension?

Bisher hat Polen regelmĂ€ĂŸig bei russischen LuftschlĂ€gen gegen die Ukraine die Kampfjets seiner eigenen Luftwaffe und die in Polen stationierten Maschinen der Nato-Partner aufsteigen lassen. Dies diente aber nur der Überwachung. Seit ein paar Tagen wurde zusĂ€tzlich die Luftabwehr in Bereitschaft versetzt. Neu an dem Vorfall jetzt ist, dass tatsĂ€chlich Flugobjekte im Luftraum ĂŒber Polen abgeschossen wurden.

Wie oft sind schon Drohnen und andere Flugobjekte ĂŒber Polen abgestĂŒrzt?

In den vergangenen Wochen hat es mehrere VorfĂ€lle gegeben, bei denen feindliche Flugobjekte in den polnischen Luftraum eingedrungen sind. Erst am Montag wurden TrĂŒmmer einer Drohne in einem Maisfeld bei dem Dorf Polatycze in der NĂ€he der Grenze zu Belarus gefunden. Die Drohne habe keine Sprengladung an Bord gehabt und sei kyrillisch beschriftet gewesen, hieß es von der Staatsanwaltschaft. Es sei noch zu frĂŒh, um zu sagen, ob es sich um eine MilitĂ€rdrohne oder ein von Schmugglern eingesetztes FluggerĂ€t gehandelt habe. Verletzt wurde niemand.

Schon im August war eine Drohne in ein Feld nahe der polnischen Ortschaft Osiny gefallen und dort explodiert. Das Verteidigungsministerium sprach damals von einer russischen MilitÀrdrohne und warf Moskau Provokation vor. 

Der schwerwiegendste Vorfall ereignete sich im November 2022: Damals schlug im ostpolnischen Dorf Przewodow eine Rakete ein, zwei MÀnner wurden getötet. Soweit bisher bekannt, war es eine verirrte ukrainische Flugabwehrrakete.

Wissen wir, woher die Drohnen kamen?

Nach Angaben der polnischen Regierung stammen die Drohnen aus Russland. Es sei das erste Mal, dass russische Drohnen ĂŒber dem Gebiet eines Nato-Staates abgeschossen worden seien, sagte MinisterprĂ€sident Donald Tusk nach einer Krisensitzung der Regierung. 

Schon vor dieser BestĂ€tigung stand fest: Die Drohnen waren zu einem Zeitpunkt in den polnischen Luftraum eingedrungen, als Russland massive LuftschlĂ€ge gegen die Ukraine ausgefĂŒhrt hat. Das EU- und Nato-Land Polen hat eine mehr als 500 Kilometer lange Grenze mit der Ukraine.

Gab es dieses Mal eine konkrete Bedrohung - oder wollte Polen ein Zeichen setzen?

Das Oberkommando der polnischen Armee spricht davon, dass es sich diesmal wegen der großen Zahl der Drohnen um einen nie dagewesenen Vorfall handelt. «Dies ist ein Akt der Aggression, der eine reale Bedrohung fĂŒr die Sicherheit der Bevölkerung dargestellt hat», hieß es in einer Mitteilung. 

Nach den VorfĂ€llen der vergangenen Wochen dĂŒrfte es Polen aber auch darum gegangen sein, ein klares Zeichen zu setzen. So hatte Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz bereits am Dienstag gesagt, der Abschuss von Drohnen sei «gerechtfertigt», die konkrete Entscheidung darĂŒber mĂŒsse aber die Armee treffen.

Polen ist zusĂ€tzlich alarmiert, weil am Freitag im benachbarten Belarus das russisch-belarussische MilitĂ€rmanover «Sapad-2025» (Westen-2025) starten soll. Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, geht von rund 13.000 ĂŒbenden Soldaten in Belarus und weiteren 30.000 auf russischem Gebiet aus. Nach Angaben aus Minsk soll das Manöver allerdings gegenĂŒber den ursprĂŒnglichen Planungen verkleinert und von der Westgrenze ins Landesinnere verlegt werden – um die Spannungen mit dem Westen zu verringern. Polen will trotzdem seine Grenze zu Belarus schließen - aus Angst vor Provokationen. 

Welches Konfliktpotenzial droht?

Seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine im Februar 2022 haben Polen und die baltischen Nato-Mitglieder Angst, in diesen Konflikt hineingezogen zu werden. Bei den jetzigen ersten Luftraumverletzungen mit Drohnen an der Ostflanke blieb unklar, ob es sich um technische Störungen handelte. Auch Luftverteidigungssysteme können die unbemannten Systeme vom Kurs abbringen. 

Die große Zahl an Drohnen der vergangenen Nacht lĂ€sst aber ein Aufschaukeln der Lage an der Nato-Außengrenze erkennen. EuropĂ€ische Nato-MilitĂ€rs sagen seit geraumer Zeit, Russland wolle die Reaktion der Nato testen und Zweifel am Handlungswillen sĂ€en. Das BĂŒndnis hat zum Schutz des Luftraums in Polen derzeit niederlĂ€ndische F-35-Tarnkappenjets sowie aus Deutschland Eurofighter und Patriot-Luftverteidigungssysteme im Einsatz. 

Kann Polen um UnterstĂŒtzung der Nato bitten?

Ja. Wie erwartet hat die Regierung ein Verfahren nach Artikel 4 des Nato-Vertrags beantragt. Es sieht Beratungen vor, wenn sich ein Nato-Staat von außen gefĂ€hrdet sieht. Konkret heißt es in dem Artikel: «Die Parteien werden einander konsultieren, wenn nach Auffassung einer von ihnen die Unversehrtheit des Gebiets, die politische UnabhĂ€ngigkeit oder die Sicherheit einer der Parteien bedroht ist.» 

Der Artikel wurde seit GrĂŒndung des BĂŒndnisses 1949 sieben Mal in Anspruch genommen - zuletzt am 24. Februar 2022, dem Tag des russischen Überfalls auf die Ukraine. Beantragt wurde das damals von Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Polen, RumĂ€nien, Tschechien und der Slowakei. 

Dass Polen nach Artikel 5 um militĂ€rische UnterstĂŒtzung der Allianz bittet, gilt - ebenso wie ein direktes militĂ€risches Vorgehen der Allianz gegen Russland generell - vorerst als sehr unwahrscheinlich - auch weil dies ein erhebliches Eskalationsrisiko bergen wĂŒrden. Artikel 5 des Nato-Vertrags regelt die Beistandsverpflichtung in der Allianz und besagt, dass ein bewaffneter Angriff gegen einen oder mehrere Alliierte als ein Angriff gegen alle angesehen wird.

@ dpa.de