UnertrÀglich, Kritik

«UnertrÀglich»: Kritik an israelischer Gaza-Offensive wÀchst

21.05.2025 - 16:00:50

Neue Offensive und mehrmonatige Blockade: Israels Vorgehen im Gazastreifen sorgt international fĂŒr Kritik. Wie reagieren auslĂ€ndische VerbĂŒndete? Und wie positioniert sich die israelische Opposition?

  • Die israelische Armee hatte jĂŒngst alle Anwohner der Stadt Chan Junis im SĂŒden des Gazastreifens aufgefordert, von dort zu fliehen. - Foto: Abed Rahim Khatib/dpa

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  • Israels MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu weist Kritik aus Paris, London und Ottawa am Vorgehen im Gaza-Krieg zurĂŒck. (Archivbild) - Foto: Denes Erdos/AP/dpa

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  • Am Montag war erstmals seit fast drei Monaten wieder humanitĂ€re Hilfe in das umkĂ€mpfte Gebiet gekommen – israelischen Angaben zufolge waren es aber zunĂ€chst nur fĂŒnf Lastwagen.  - Foto: Maya Alleruzzo/AP/dpa

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  • Das israelische MilitĂ€r hat eine neue Offensive im Gazastreifen gestartet. - Foto: Saeed Qaq/ZUMA Press Wire/dpa

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Die israelische Armee hatte jĂŒngst alle Anwohner der Stadt Chan Junis im SĂŒden des Gazastreifens aufgefordert, von dort zu fliehen. - Foto: Abed Rahim Khatib/dpaIsraels MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu weist Kritik aus Paris, London und Ottawa am Vorgehen im Gaza-Krieg zurĂŒck. (Archivbild) - Foto: Denes Erdos/AP/dpaAm Montag war erstmals seit fast drei Monaten wieder humanitĂ€re Hilfe in das umkĂ€mpfte Gebiet gekommen – israelischen Angaben zufolge waren es aber zunĂ€chst nur fĂŒnf Lastwagen.  - Foto: Maya Alleruzzo/AP/dpaDas israelische MilitĂ€r hat eine neue Offensive im Gazastreifen gestartet. - Foto: Saeed Qaq/ZUMA Press Wire/dpa

Im Zuge der neuen Großoffensive von Israels MilitĂ€r im Gazastreifen nimmt die internationale Kritik – auch von engen VerbĂŒndeten – am israelischen Vorgehen zu. TĂ€glich werden nach palĂ€stinensischen Angaben Dutzende Menschen bei Angriffen der Armee getötet. Auch die monatelange Blockade von Hilfslieferungen durch Israel in den Gazastreifen sowie die derzeitigen BeschrĂ€nkungen fĂŒr die Einfuhr versetzen Partner in Aufruhr.

Immer mehr Staaten verlieren die Geduld mit Israel – der TV-Sender N12 spricht von «einer politischen und diplomatischen Krise, wahrscheinlich der schwerwiegendsten und schwierigsten, die es (Israel) je erlebt hat». Und auch innerhalb Israels und der Opposition mehrt sich die Kritik an der Regierung von MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu und deren Vorgehen im Gazastreifen.

Wie reagieren auslĂ€ndische VerbĂŒndete?

Drastische Worte fanden zuletzt Emmanuel Macron, Keir Starmer und Mark Carney. Die drei Staats- und Regierungschefs von Frankreich, Großbritannien und Kanada sprachen in einer ErklĂ€rung von einer «völlig unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸigen Eskalation». «Das menschliche Leid in Gaza ist unertrĂ€glich», hieß es. Sollte die neue Großoffensive nicht eingestellt werden, wĂŒrden die drei LĂ€nder mit «konkreten Maßnahmen» reagieren. Weitere Details nannten sie nicht. London machte indes ernst und setzte GesprĂ€che ĂŒber ein Freihandelsabkommen mit Israel aus. 

Die EU stellte derweil ihr Partnerschaftsabkommen mit Israel infrage: Bei einem Außenministertreffen habe sich eine Mehrheit dafĂŒr ausgesprochen, zu ĂŒberprĂŒfen, ob Israel sich noch an die Grundprinzipien des sogenannten Assoziierungsabkommens hĂ€lt, sagte die EU-Chefdiplomatin Kaja Kallas in BrĂŒssel. Zu diesen gehört, dass die Beziehungen zwischen den Vertragsparteien auf der Achtung der Menschenrechte beruhen.

Was ist mit dem wichtigsten Partner USA?

Von der US-Regierung sind derart scharfe Worte nicht zu hören. Auf einem viertĂ€gigen Trip durch mehrere Golfstaaten sagte US-PrĂ€sident Donald Trump zuletzt auffallend wenig zum Gaza-Krieg. Er sprach an einer Station zwar wie schon zuvor von einer «sehr ernsten» Situation und beklagte das Leiden der Menschen in dem Gebiet. Auf einem anderen Stopp ging er wiederum nur auf seine umstrittene Idee ein, den Gazastreifen zu rĂ€umen und als Immobilienprojekt wirtschaftlich zu entwickeln. Trump will vor allem GeschĂ€fte und Handel vorantreiben – und auch aus dem Grund dort Frieden erreichen. 

Insgesamt war zuletzt etwas Distanz der US-Regierung zu Netanjahu zu beobachten. Die Amerikaner preschten teils im Alleingang und ohne Abstimmung mit Israel vor: etwa bei direkten GesprĂ€chen mit der Hamas ĂŒber eine Geiselbefreiung, direkten GesprĂ€chen mit Teheran ĂŒber das iranische Atomprogramm oder Absprachen zu einer Deeskalation mit der Huthi-Miliz. Trump legte auf seinem Nahost-Trip auch keinen Stopp in Israel ein. In US-Medien ist von zunehmender Frustration im Trump-Team mit Netanjahu die Rede. An der UnterstĂŒtzung Israels Ă€ndert das aber nichts. 

Wie verhÀlt sich Deutschland?

Die neue Bundesregierung hĂ€lt sich wie die USA zurĂŒck. Kanzler Friedrich Merz (CDU) hat vergangene Woche in seiner RegierungserklĂ€rung die aus dem Holocaust entstandene historische Verantwortung Deutschlands fĂŒr die Existenz und die Sicherheit des Staates Israel bekrĂ€ftigt. «Wir stehen unverbrĂŒchlich an der Seite Israels», sagte er.

Merz hat sich zwar besorgt zur Lage im Gazastreifen geĂ€ußert, direkte Kritik am militĂ€rischen Vorgehen Israels war von ihm bisher aber nicht zu hören. Er hat zuletzt sogar erneut erklĂ€rt, dass er sich trotz internationalen Haftbefehls einen Besuch Netanjahus in Deutschland vorstellen kann.

Wie reagiert die israelische Opposition?

Bisher war Israels Opposition eher zurĂŒckhaltend mit ihrer Kritik an der KriegsfĂŒhrung im Gazastreifen. Hohe Wellen schlug nun ein Interview des linksliberalen Politikers Jair Golan im Radio des Kan-Senders. Dort sagte er, Israel laufe Gefahr, zu einem international geĂ€chteten «Pariastaat» zu werden. Er sagte: «Ein vernĂŒnftiges Land fĂŒhrt keinen Krieg gegen Zivilisten, es tötet keine Babys als Hobby und zielt nicht auf die Vertreibung der Bevölkerung.» Sowohl Regierungs- als auch Oppositionspolitiker kritisierten den Vorsitzenden der linken Partei «Die Demokraten» dafĂŒr scharf. Golan war frĂŒher Vizegeneralstabschef der israelischen Armee.

Israels Ex-Regierungschef Ehud Olmert meldete sich in der britischen BBC zu Wort. Er sagte, dass das, was Israel «jetzt im Gazastreifen tut, einem Kriegsverbrechen sehr nahe kommt». Den Krieg bezeichnete er als «Krieg ohne Ziel, ein Krieg ohne die Chance, irgendetwas zu erreichen, dass das Leben der Geiseln retten kann». Unschuldige PalĂ€stinenser und israelische Soldaten wĂŒrden sterben. Dies sei «in jeder Hinsicht abscheulich und empörend».

Wird Israels Regierung auf die Kritik eingehen?

Es ist unklar, ob die Netanjahu-Regierung auf den Druck aus dem Ausland reagieren wird. Im Hinblick auf die Hilfslieferungen in den Gazastreifen hat sich jedoch gezeigt, dass massiver Druck aus den USA die Regierung zum Umdenken bewegen kann. Nach fast dreimonatiger Blockade teilte Netanjahu am Sonntag mit, wieder Hilfstransporte in das Gebiet zuzulassen – allerdings nur zur «Grundversorgung».

Israels «beste Freunde in der Welt» hĂ€tten ihm jede Hilfe zur Erreichung der israelischen Kriegsziele zugesagt, allerdings seien fĂŒr sie die «Bilder des Hungers, des Massenhungers» unertrĂ€glich, sagte Netanjahu in einer Videoansprache. Aus seiner rechtsreligiösen Regierung gab es Kritik an dem Schritt. Ohne Abstimmung wurde dieser dann jedoch im Kabinett durchgeboxt.

Die Kritik aus Paris, London und Ottawa wies Netanjahu zurĂŒck. Mit ihrer gemeinsamen ErklĂ€rung böten sie eine «riesige Belohnung fĂŒr den völkermörderischen Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 und laden gleichzeitig zu weiteren solchen GrĂ€ueltaten ein», schrieb er bei X. Zu Golan und Olmert schrieb er: «WĂ€hrend IDF-Soldaten die Hamas bekĂ€mpfen, gibt es diejenigen, die die lĂŒgnerische Propaganda gegen den Staat Israel unterstĂŒtzen.»

@ dpa.de