Nowaja Gaseta schließt am 9. November nach 30 Jahren
Veröffentlicht am: 30.10.2026 um 16:09 Uhr | dpa, AD HOC NEWSSchließung nach Behördenmaßnahmen
- Die Redaktion kündigt an, am 9. November die Server herunterzufahren und die Arbeit zu beenden.
- Im April wurden die Moskauer Redaktionsräume stundenlang durchsucht.
- Im September stufte Russland das Medium als sogenannten ausländischen Agenten ein.
Nowaja Gaseta beendet Arbeit nach mehr als 30 Jahren
Die von Friedensnobelpreisträger Dmitri Muratow gegründete russische Zeitung Nowaja Gaseta stellt nach mehr als 30 Jahren ihre Arbeit ein. Am 9. November will die Redaktion das Licht ausmachen, die Server herunterfahren und die Zeitung beenden.
Redaktion nennt staatlichen Druck
In einer Erklärung auf ihrer Website überschreibt die Redaktion den Schritt mit den Worten „Man hat uns getötet“. Sie schreibt, russische Behörden und Geheimdienste hätten sie zur Einstellung der Arbeit gezwungen.
Die Nowaja Gaseta gehörte zu den kritischsten Stimmen in Russland und stand seit Jahren unter Druck. Anfang Oktober jährte sich der Mord an der Reporterin Anna Politkowskaja zum 20. Mal.
Durchsuchung und Einstufung als Auslandsagent
Am Vorabend der Schließungsankündigung wurde bekannt, dass die Redaktion ihre Räume in Moskau verlassen muss. Im April waren die Räume stundenlang durchsucht worden.
Im September stuften russische Behörden das Medium als sogenannten ausländischen Agenten ein. Auch Muratow war zuvor mit dieser Kennzeichnung versehen worden.
Finanzielle Folgen der Kennzeichnung
Die Einstufung bringt zahlreiche Einschränkungen mit sich. Betroffene dürfen unter anderem bestimmte Mieteinnahmen, Depotzinsen, Tantiemen und andere Einkünfte aus geistiger Tätigkeit nicht behalten.
Die Organisation Reporter ohne Grenzen bezeichnete die erzwungene Schließung als Verlust eines der letzten unabhängigen Medien, die in Russland noch arbeiten konnten. Die Organisation erklärte zudem, unabhängige kritische Berichterstattung sei seit der Vollinvasion in die Ukraine nur noch unter massiven Einschränkungen möglich.
Die angekündigte Schließung markiert das Ende eines der bekanntesten unabhängigen Medienprojekte Russlands. Die Nowaja Gaseta war über Jahrzehnte für Recherchen zu Menschenrechtsverletzungen, Korruption und politischen Machtmissbrauch bekannt. Ihre Arbeit stand dabei wiederholt im Zusammenhang mit erheblichen persönlichen Risiken für Journalistinnen und Journalisten.
Der Druck auf die Redaktion hat sich seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine deutlich verschärft. Behörden entzogen dem Medium zunächst die Möglichkeit, regulär weiterzuarbeiten; hinzu kamen Durchsuchungen, die Einstufung als sogenannter ausländischer Agent und der nun angekündigte Verlust der Moskauer Räume. Für Medien mit dieser Kennzeichnung entstehen weitreichende rechtliche und finanzielle Einschränkungen.
Folgen für die Pressefreiheit
Mit dem Ende der Zeitung verliert die russische Öffentlichkeit ein etabliertes Forum für kritische Berichterstattung. Zwar arbeiten einzelne unabhängige Journalistinnen und Journalisten weiterhin aus dem Ausland oder in digitalen Projekten, doch der Zugang zu Informationen im Land wird durch Zensur, Strafandrohungen und technische Sperren erschwert.
Die Schließung hat deshalb Bedeutung über das einzelne Medium hinaus. Sie zeigt, wie administrative Maßnahmen, wirtschaftlicher Druck und Sicherheitsbehörden zusammenwirken können, um kritische Redaktionen aus dem öffentlichen Raum zu drängen. Für die verbleibenden unabhängigen Angebote dürfte die Entscheidung den Anpassungs- und Ausweichdruck weiter erhöhen.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Deutschlandfunk: „Russland Unabhängige russische Zeitung "Nowaja Gaseta" gibt Schließung bekannt“ (30.10.2026)
Der Deutschlandfunk berichte, die Zeitung stelle ihre Arbeit nach eigenen Angaben ein. Im Mittelpunkt stünden der Vorwurf des Drucks durch Behörden und der für den 9. November angekündigte Abbau der Server.
taz: „Aus für kremlkritische „Nowaja Gaseta“: „Man hat uns getötet““ (30.10.2026)
Die taz ordne die Schließung in die mehr als 30-jährige Geschichte des Mediums und die jüngsten Maßnahmen gegen Redaktion und Gründer Dmitri Muratow ein. Der Schwerpunkt liege damit stärker auf der Bedeutung für die Pressefreiheit und den Folgen der Einstufung als sogenannter ausländischer Agent.
Beide Beiträge bestätigten den angekündigten Schließungstermin und den Druck staatlicher Stellen. Der Deutschlandfunk konzentriere sich auf die aktuelle Nachricht, während die taz die Vorgeschichte und die Folgen für unabhängigen Journalismus ausführlicher hervorhebe.
