Norwegen, Irland

Norwegen, Irland und Spanien erkennen PalÀstina als Staat an

22.05.2024 - 09:17:32

PalĂ€stina als Staat anzuerkennen, galt im Westen lange als Faustpfand fĂŒr ZugestĂ€ndnisse im Friedensprozess. Der Gaza-Krieg bewegt nun mehrere LĂ€nder zum Umdenken. Israel reagiert verĂ€rgert.

  • Der norwegische MinisterprĂ€sident Jonas Gahr StĂžre kĂŒndigt an, dass die Regierung PalĂ€stina als unabhĂ€ngigen Staat anerkennen wird. - Foto: Erik Flaaris Johansen/NTB/dpa

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  • Mehrere Staaten wollen PalĂ€stina als Staat anerkennen. - Foto: Ashraf Amra/APA Images via ZUMA Press Wire/dpa

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Der norwegische MinisterprĂ€sident Jonas Gahr StĂžre kĂŒndigt an, dass die Regierung PalĂ€stina als unabhĂ€ngigen Staat anerkennen wird. - Foto: Erik Flaaris Johansen/NTB/dpaMehrere Staaten wollen PalĂ€stina als Staat anerkennen. - Foto: Ashraf Amra/APA Images via ZUMA Press Wire/dpa

Norwegen sowie die beiden EU-LĂ€nder Irland und Spanien haben angekĂŒndigt, PalĂ€stina als eigenen Staat anzuerkennen. Der Schritt soll am 28. Mai formell vollzogen werden, teilten der norwegische MinisterprĂ€sident Jonas Gahr StĂžre, Irlands Premierminister Simon Harris und der spanische MinisterprĂ€sident Pedro SĂĄnchez in Oslo, Dublin und Madrid mit.

Die drei LĂ€nder erhoffen sich dadurch einen Impuls fĂŒr die sogenannte Zweistaatenlösung, wonach Israelis und PalĂ€stinenser in Zukunft friedlich nebeneinander leben sollen.

Israel kritisierte den Vorstoß scharf und rief umgehend seine Botschafter aus den drei LĂ€ndern zurĂŒck.

Netanjahu mit deutlichen Worten

Der israelische MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu kritisiert die angekĂŒndigte Anerkennung PalĂ€stinas. Dies sei «eine Belohnung fĂŒr Terrorismus», sagte Netanjahu nach Angaben seines BĂŒros. «80 Prozent der PalĂ€stinenser in JudĂ€a und Samaria (Westjordanland) unterstĂŒtzen das furchtbare Massaker vom 7. Oktober», sagte er. «Diesem Bösen kann man keinen Staat geben.»

Ein palÀstinensischer Staat wÀre ein «Terrorstaat», warnte er. «Er wird versuchen, die Massaker vom 7. Oktober immer und immer wieder zu wiederholen.» Israel könne dem nicht zustimmen. «Den Terrorismus zu belohnen, wird keinen Frieden bringen und es wird uns nicht davon abhalten, die Hamas zu besiegen.»

Die PalĂ€stinensische Befreiungsorganisation (PLO) begrĂŒĂŸte den Schritt hingegen. PLO-GeneralsekretĂ€r Hussein al-Scheich sprach von einem «historischen Moment».

Die Bundesregierung will daran festhalten, dass die Akzeptanz eines palĂ€stinensischen Staats erst am Ende von Verhandlungen zwischen Israel und PalĂ€stinensern ĂŒber eine Zweistaatenlösung stehen kann. Einer solchen Zweistaatenlösung sei man im Augenblick allerdings fern, sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit in Berlin. Der Botschafter der PalĂ€stinensischen Autonomiebehörde in Deutschland, Laith Arafeh, forderte die Bundesregierung auf, dem Beispiel Norwegens, Irlands und Spaniens zu folgen.

Auch USA mit Kritik

Die US-Regierung sieht die angekĂŒndigte Anerkennung PalĂ€stinas durch mehrere europĂ€ische LĂ€nder skeptisch. «Wir glauben, dass eine Zweistaatenlösung, die sowohl den Israelis als auch den PalĂ€stinensern gerecht wird, nur ĂŒber direkte Verhandlungen zwischen den Parteien erzielt werden kann», sagte der Sicherheitsberater von US-PrĂ€sident Joe Biden, Jake Sullivan, in Washington.

Daran arbeite die Biden-Regierung seit Langem. Es erschließe sich ihm nicht, wie die einseitige Anerkennung PalĂ€stinas zu einem tatsĂ€chlichen Fortschritt fĂŒr einen Friedensprozess oder Waffenstillstand beitrage, antwortete Sullivan auf eine entsprechende Frage.

Hamas und Netanjahu lehnen Zweistaatenlösung ab

Die Anerkennung sei «Ausdruck einer uneingeschrĂ€nkten UnterstĂŒtzung fĂŒr eine Zweistaatenlösung, des einzig glaubwĂŒrdigen Wegs zu Frieden und Sicherheit fĂŒr Israel, PalĂ€stina und deren Völker», sagte der irische Regierungschef Harris. Der Schritt könne dazu beitragen, dass der Prozess hin zu einer Zweistaatenlösung endlich wieder in Gang komme, sagte Norwegens MinisterprĂ€sident StĂžre. 

Die islamistische Hamas, die noch immer Teile des Gazastreifens kontrolliert, lehnt eine Zweistaatenlösung kategorisch ab. Auch Israels MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu erklĂ€rte sie zuletzt fĂŒr obsolet. Die PLO, die im Westjordanland die Autonomiebehörde dominiert, befĂŒrwortet den Plan. Die PLO hatte bereits 1988 einseitig die staatliche UnabhĂ€ngigkeit PalĂ€stinas erklĂ€rt.

Premier Harris betonte, Dublin erkenne uneingeschrĂ€nkt auch das Recht Israels an, in Sicherheit und Frieden mit seinen Nachbarn zu existieren. Irland verurteile das von der Hamas am 7. Oktober angerichtete «barbarische Massaker» und fordere die sofortige Freilassung aller Geiseln. Der Regierungschef fĂŒgte jedoch hinzu: «Die Hamas ist nicht das palĂ€stinensische Volk.» Er erinnerte an die Bedeutung der internationalen Anerkennung Irlands als unabhĂ€ngigen Staat bei dessen Ablösung vom Britischen Empire.

Israel ruft Botschafter aus Oslo, Dublin und Madrid zurĂŒck

Israel lehnt eine Anerkennung PalĂ€stinas strikt ab und rief umgehend seine Botschafter aus Irland, Norwegen und Spanien zu Beratungen zurĂŒck. Er sende eine klare und unmissverstĂ€ndliche Botschaft, schrieb Außenminister Israel Katz auf X: «Israel wird angesichts derjenigen, die seine SouverĂ€nitĂ€t untergraben und seine Sicherheit gefĂ€hrden, nicht schweigen.» Nach Angaben des Außenministeriums wurden zudem die Botschafter der drei LĂ€nder zu einer «ernsten Ermahnung» einbestellt.

«Die heutige Entscheidung sendet eine Botschaft an die PalĂ€stinenser und die Welt: Terrorismus zahlt sich aus», so Katz. Dieser Schritt sei eine Ungerechtigkeit gegenĂŒber dem Andenken der Opfer des 7. Oktober, als die islamistische Hamas mit ihrem Terrorangriff in Israel ein Massaker mit mehr als 1200 Getöteten verĂŒbte. «Israel wird nicht schweigen – es wird weitere schwerwiegende Folgen haben», schrieb Katz. 

Mehrheit der PalÀstinenser glaubt nicht an eigenen Staat

Die Mehrheit der Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen erkennt PalĂ€stina inzwischen als Staat an. Das gilt jedoch nicht fĂŒr die wichtigsten westlichen Nationen wie die USA und Großbritannien sowie die Mehrzahl der EU-Staaten, darunter Deutschland und Frankreich.

Eine Anerkennung gilt als wichtiger Anreiz fĂŒr die palĂ€stinensische Seite, bei Friedensverhandlungen ZugestĂ€ndnisse zu machen. Kritiker einer Anerkennung bemĂ€ngeln, den PalĂ€stinensergebieten fehle es an wichtigen Kriterien fĂŒr einen solchen Schritt. Beispielsweise ist die Grenze zwischen Israel und den PalĂ€stinensern weiter strittig. Das gilt auch fĂŒr den politischen Status von Ost-Jerusalem. 

Schweden hatte PalĂ€stina bereits vor zehn Jahren als Staat anerkannt. Großbritanniens Außenminister David Cameron deutete kĂŒrzlich an, dass auch London eine vorgezogene Anerkennung PalĂ€stinas erwĂ€gen könne, um einen Anreiz fĂŒr diejenigen PalĂ€stinenser zu setzen, die eine friedliche Lösung befĂŒrworten. Wie eine Umfrage des palĂ€stinensischen Umfrageinstituts PSR in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung kĂŒrzlich ergab, glauben jedoch 61 Prozent der PalĂ€stinenser aufgrund des israelischen Siedlungsbaus nicht mehr daran, dass die Einrichtung eines palĂ€stinensischen Staats noch möglich ist.

Warum kommt Anerkennung PalÀstinas jetzt?

Seit den FriedensbemĂŒhungen mit den Osloer VertrĂ€gen vor etwas mehr als 30 Jahren hĂ€tten Norwegen und viele andere LĂ€nder versucht, eine Strategie zu verfolgen, bei der die Anerkennung einer Friedenslösung folgen wĂŒrde, sagte Norwegens Regierungschef StĂžre. «Das hat nicht funktioniert.» Mehrere GrĂŒnde fĂŒhrten dazu, dass es richtig sei, PalĂ€stina jetzt anzuerkennen. Besonders der anhaltende Krieg in Gaza. Der Krieg sei der Tiefpunkt einer langfristigen negativen Entwicklung zwischen beiden Gebieten.

«Die Zeit zum Handeln ist gekommen», sagte Spaniens MinisterprÀsident Sånchez in Madrid. Der israelische MinisterprÀsident Benjamin Netanjahu habe trotz aller Aufrufe die «Zerstörung des Gazastreifens fortgesetzt» und bestrafe die PalÀstinenser weiter «mit Hunger und Terror», so der sozialistische Politiker.

Die Arabische Liga und mehrere arabische Staaten begrĂŒĂŸten die AnkĂŒndigung zur Anerkennung PalĂ€stinas. Der GeneralsekretĂ€r der Arabischen Liga, Ahmed Abul Gheit, postete auf X: «Ich gratuliere PalĂ€stina zu dieser positiven Entwicklung.» Andere LĂ€ndern sollten dem Beispiel folgen. 

Wann ist ein Staat ein Staat?

«Staat» wird im Völkerrecht meist nach der Drei-Elemente-Regel definiert. Dieser international anerkannte Staatsbegriff beschreibt einen politisch und rechtlich organisierten Personenverband (Staatsvolk), der auf abgegrenzter FlÀche (Staatsgebiet) einer Bevölkerung eine eigene Ordnung (Staatsgewalt) gibt.

Beim Staatsgebiet ist keine genaue Grenze erforderlich, es genĂŒgt ein unstrittiges Kernterritorium. FĂŒr ein Staatsvolk reicht ein Mindestmaß an ZugehörigkeitsgefĂŒhl. Staatsgewalt bezeichnet die FĂ€higkeit einer stabilen Regierung, eine Ordnung in dem Gebiet effektiv zu organisieren und nach außen von anderen Staaten unabhĂ€ngig zu handeln.

Je strittiger die Beurteilung als Staat ist, desto bedeutender ist die Anerkennung durch andere Staaten. Die herrschende Meinung im Völkerrecht geht aber davon aus, dass die Anerkennung nicht Voraussetzung, sondern nur BestĂ€tigung fĂŒr die Existenz eines Staates ist.

@ dpa.de