«Wieder atmen lernen»: Zehn Jahre BrĂŒsseler TerroranschlĂ€ge
22.03.2026 - 10:44:45 | dpa.de«Ein normales Leben ist fast nicht mehr möglich», sagt Pascal Corneillie - und das auch zehn Jahre nach einem der wohl schlimmsten Erlebnisse, die man als Mensch erfahren kann. «Die Bilder, die GerĂŒche, das Schreien und Weinen von Kindern, deine Dutzenden Freunde und Bekannten, die dort schwer verletzt oder tot liegen, schrecklich verstĂŒmmelt â das lĂ€sst einen nicht los.» Stattdessen bleibe man stĂ€ndig angespannt, vertraue niemandem mehr, lebe dauerhaft im Kampfmodus, erzĂ€hlt er.
Der ehemalige Bundespolizist Corneillie geht am 22. MĂ€rz 2016 seiner Arbeit als GrenzschĂŒtzer am BrĂŒsseler Flughafen nach, als in der Abflughalle plötzlich eine Bombe hochgeht. Augenzeugen berichten von einem Knall und einem orangefarbenen Feuerball in der Mitte des Terminals. Kurz danach explodiert eine zweite. Eine dritte zĂŒndet fehl.
Fast drei Dutzend Tote und mehr als 300 Verletzte
Eine gute Stunde spÀter wird in der Metrostation Maelbeek im EU-Viertel der belgischen Hauptstadt noch eine Bombe explodieren. Insgesamt sterben 32 Menschen, darunter drei SelbstmordattentÀter der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Mehr als 300 Menschen werden verletzt. Drei Menschen sterben nach den AnschlÀgen durch Krankheit oder Suizid, die offizielle Zahl der Todesopfer liegt daher bei 35.
Er sei nicht einmal ausgebildeter Ersthelfer gewesen, sagt der heute 60 Jahre alte Corneillie. Mit den AnschlĂ€gen von Paris im Kopf habe man auf eine unbekannte Gefahr zugehen mĂŒssen. «Mein Körper hat sehr stark auf das reagiert, was ich gesehen habe und was ich tun musste», erzĂ€hlt er. «Danach frage man sich, was man tun soll â man schlĂ€ft nicht mehr, eine posttraumatische Belastungsstörung.» Und man habe sie nicht allein. «Die ganze Familie wird Zeuge davon, dass man sich verĂ€ndert», berichtet der Belgier.
BrĂŒsseler AnschlĂ€ge Teil islamistischer Terrorserie
Die AnschlÀge in der belgischen Hauptstadt vor zehn Jahren reihten sich ein in eine islamistische Terrorserie. Im November 2015 hatten islamistische Terroristen bei einer Serie koordinierter AnschlÀge in Paris 130 Menschen getötet und 350 verletzt. Die meisten Todesopfer gab es im Konzertsaal Bataclan. Im Dezember 2016 tötete ein Terrorist zwölf Menschen in Berlin.
Auch Jahre danach waren die Folgen des Terrors in BrĂŒssel sichtbar. Schwer bewaffnete Polizisten und Soldaten gehörten zum StraĂenbild. Zehn Jahre nach den Attacken wird die Bedrohungslage von den staatlichen Behörden als «ernst» eingestuft - Stufe drei von vier.Â
Neben mehr PolizeiprĂ€senz und SicherheitsmaĂnahmen wurden in Belgien nach den AnschlĂ€gen auch verstĂ€rkt MaĂnahmen zur Deradikalisierung und PrĂ€vention ergriffen. Auch in der BrĂŒsseler Gemeinde Molenbeek starteten Initiativen zur sozialen Integration und Bildung, um etwa strukturelle Probleme wie Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und soziale Ausgrenzung anzugehen, die als Risikofaktoren fĂŒr Radikalisierung gelten.Â
Das westlich der BrĂŒsseler Innenstadt liegende Molenbeek wurde als RĂŒckzugsort radikaler Islamisten bekannt. Drahtzieher verschiedener AnschlĂ€ge haben hierher Verbindungen - so etwa Salah Abdeslam, der als Hauptverantwortlicher bei den Pariser AnschlĂ€gen gilt und auch bei den BrĂŒsseler AnschlĂ€gen mitwirkte.
Prozess geht sieben Jahre nach den AnschlÀgen zu Ende
Abdeslam und neun weitere Angeklagte mussten sich in einem Mammutprozess fĂŒr die AnschlĂ€ge in Belgien vor Gericht verantworten. Der Prozess ging 2023 zu Ende, verhĂ€ngt wurden jahrzehntelange bis lebenslange Haftstrafen. Das öffentliche Interesse an dem Prozess mit mehr als 900 NebenklĂ€gerinnen und -klĂ€gern war enorm.Â
Opferorganisationen hatten sich wiederholt ĂŒber mangelnde UnterstĂŒtzung des schwerfĂ€lligen Staatsapparats beschwert und die chronisch ĂŒberlastete belgische Justiz kritisiert. FĂŒr Fassungslosigkeit bei den Hinterbliebenen sorgten auch Medienberichte, wonach mehrere der Angeklagten vor den AnschlĂ€gen in Paris und BrĂŒssel von den belgischen Sicherheitsbehörden ĂŒberwacht worden waren - und spĂ€ter dennoch ihre Bluttaten verĂŒben konnten.
Opfer fĂŒhlen sich allein gelassen
Ăberlebende und Angehörige trugen an Prozesstagen teils T-Shirts mit Aufschriften wie «Ignorierte Kinder» und «Nie entschĂ€digte Opfer». Die Organisation Life4Brussels lieĂ zum Prozessende wissen, dass sich die Wut der Opfer nicht mehr nur gegen die AttentĂ€ter richte, «sondern auch gegen den belgischen Staat, der dazu beigetragen hat, ihre Not zu vergröĂern».
Auch der ehemalige Polizisten Corneillie aus dem flĂ€mischen Landesteil Belgiens fĂŒhlt sich im Stich gelassen. «Allein dafĂŒr, dass wir am Flughafen Leben gerettet und Initiativen ergriffen haben, lĂ€sst man uns ohne Hilfe», sagt er. Beamten werde zwar vieles erstattet, aber gleichzeitig gebe es Versicherungen, die alles lĂ€cherlich machten oder herunterspielten. Alles mĂŒsse man selbst herausfinden.
FĂŒr Corneillie bedeute der zehnte Jahrestag der AnschlĂ€ge alles hinter sich zu lassen. «Wieder leben, ja â aber mit einer anderen Perspektive, die Dinge relativieren. Wieder leben, wie eine andere Person. Wieder lernen zu atmen.»
