Netanjahu, Abgesagter

Netanjahu: Abgesagter USA-Besuch war Signal an Hamas

27.03.2024 - 18:56:49

Premier Netanjahu will sich dem Druck aus den USA nicht beugen - und sieht sein Handeln als Zeichen der StĂ€rke gegenĂŒber der Hamas. UN-Berichterstatterin Albanese bleibt bei ihrer Kritik an Israel. Die News im Überblick.

  • Ein zerstörtes Auto nach einem Einsatz der israelischen Armee in Dschenin im Westjordanland. - Foto: Ayman Nobani/dpa

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  • Menschen versammeln sich nach einem israelischen Luftangriff in Rafah um das zerstörte Haus einer Familie. - Foto: Abed Rahim Khatib/dpa

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Ein zerstörtes Auto nach einem Einsatz der israelischen Armee in Dschenin im Westjordanland. - Foto: Ayman Nobani/dpaMenschen versammeln sich nach einem israelischen Luftangriff in Rafah um das zerstörte Haus einer Familie. - Foto: Abed Rahim Khatib/dpa

Israels MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu hat die Absage des Besuchs einer hochrangigen israelischen Delegation in den USA damit begrĂŒndet, eine Botschaft an die Hamas senden zu wollen.

Die Islamistenorganisation sei nach der jĂŒngsten Resolution des Weltsicherheitsrats ĂŒberzeugt davon, dass internationaler Druck Israel daran hindern werde, die Geiseln zu befreien und die Hamas im Gazastreifen zu zerstören, sagte Netanjahu nach Angaben seines BĂŒros. Er habe den Islamisten mit dem Schritt mitteilen wollen, sich nicht auf diesen Druck zu verlassen. Dies werde nicht funktionieren. «Ich hoffe, sie haben die Botschaft verstanden», sagte er.

Inwieweit die Absage des von der US-Regierung eingeforderten Delegations-Besuchs dabei helfen kann, die nach Angaben Netanjahus harte Linie der Hamas aufzuweichen, ließ der israelische Regierungschef offen.

Mit einer völkerrechtlich bindenden Resolution hatte der Weltsicherheitsrat am Montag erstmals seit Kriegsbeginn eine «sofortige Waffenruhe» im Gazastreifen gefordert. Zudem verlangte das UN-Gremium die umgehende und bedingungslose Freilassung aller von der Hamas festgehaltenen Geiseln. Die USA verzichteten bei der Abstimmung auf ihr Vetorecht und verhalfen der Resolution, die den internationalen Druck auf Israel erhöht, dadurch zum Erfolg.

Netanjahu hatte im Anschluss umgehend den Besuch der israelischen Delegation in Washington abgesagt. Beobachter deuteten den Schritt als erboste Reaktion des israelischen Regierungschefs auf das Abstimmungsverhalten der Amerikaner. «Ich hielt die Entscheidung der USA im Sicherheitsrat fĂŒr einen sehr, sehr schlechten Zug», sagte Netanjahu nun. Bei dem Besuch wollten hochrangige US-Regierungsvertreter den Israelis Alternativen zu einer Bodenoffensive in der Stadt Rafah im Gazastreifen vorlegen, die Washington ablehnt. Das militĂ€rische Vorgehen Israels im Gaza-Krieg belastet die Beziehung der beiden zunehmend.

Am Dienstag hatte Netanjahu gesagt, die Resolution des UN-Sicherheitsrates habe den Verhandlungen mit der islamistischen Hamas ĂŒber eine Freilassung der im Gazastreifen festgehaltenen Geiseln geschadet. Die Islamisten hĂ€tten einen US-Kompromissvorschlag zurĂŒckgewiesen. Ein Sprecher des US-Außenministeriums wies dies zurĂŒck. Die Hamas habe bereits vor dem UN-Votum ihre Antwort auf den jĂŒngsten Verhandlungsvorschlag vorbereitet.

UN-Berichterstatterin Albanese bleibt bei scharfer Kritik

Die UN-Sonderberichterstatterin ĂŒber die Lage der Menschenrechte in den besetzten palĂ€stinensischen Gebieten, Francesca Albanese, wird wegen ihrer scharfen Kritik am israelischen MilitĂ€reinsatz im Gazastreifen nach eigenen Angaben bedroht. Nichts davon schĂŒchtere sie aber ein, sagte die italienische Juristin und Menschenrechtsexpertin in Genf.

Sie hat dem UN-Menschenrechtsrat gerade einen Bericht vorgelegt, in dem sie Israel Völkermord vorwirft. Sie bezeichnete Israel wegen der Behandlung von PalÀstinensern als Apartheid-Staat. Die israelische Regierung wirft ihr vor, sie wolle das Existenzrecht Israels infrage stellen. Diplomatische Vertreter anderer Staaten kritisieren ihre starke PrÀsenz in sozialen und anderen Medien, neben ihrer Rolle als Sonderberichterstatterin, in denen sie Israels Vorgehen stets scharf kritisiert.

Auf die Frage, ob die Kritik sie zum Aufgeben bringen könnte, sagte Albanese in einer Pressekonferenz: «Absolut nicht, das wird nie passieren.» Die Kritik mache sie zwar wĂŒtend, bestĂ€tige sie aber nur darin, ihre Arbeit fortzusetzen. «Menschenrechtsarbeit bedeutet, die Stimme der Menschen zu Gehör zu bringen, die nicht gehört werden», sagte sie. Ihre Botschaft bleibe klar: «Nichts rechtfertigt, was Israel (im Gazastreifen) tut.» Sie hatte in ihrem Bericht ein Waffenembargo gegen Israel und Sanktionen verlangt. Sie begrĂŒndete dies damit, dass Israel nach ihrer Überzeugung mit dem Gaza-Krieg mit inzwischen mehr als 30.000 Toten das humanitĂ€re Völkerrecht verletzt, etwa durch die kollektive Bestrafung der PalĂ€stinenser, die nicht mehr genug zu essen haben und wegen der Angriffe auf KrankenhĂ€user kaum noch Ă€rztlich versorgt werden können.

UN-Sonderberichterstatter sind unabhÀngige Expertinnen und Experten. Der UN-Menschenrechtsrat ernennt sie, um Berichte zu bestimmten Themen oder LÀndern vorzulegen. Sie arbeiten unentgeltlich und sind nicht Teil der Vereinten Nationen.

Drei Tote nach ArmeeinsÀtzen und Konfrontationen im Westjordanland

Bei EinsĂ€tzen der israelischen Armee in Dschenin im Westjordanland wurden unterdessen drei Menschen getötet. Laut dem israelischen MilitĂ€r fĂŒhrten SicherheitskrĂ€fte in der Nacht zu Mittwoch einen Anti-Terror-Einsatz in der Stadt durch. Dabei hĂ€tten PalĂ€stinenser SprengsĂ€tze auf die EinsatzkrĂ€fte geschleudert. Diese hĂ€tten mit SchĂŒssen reagiert und dabei eine Person getötet. Dem getöteten 19-JĂ€hrigen sei in die Brust und in den Oberschenkel geschossen worden, meldete das Gesundheitsministerium in Ramallah.

Israels Armee teilte weiter mit, mit einem FluggerĂ€t zwei weitere bewaffnete PalĂ€stinenser in Dschenin angegriffen und getötet zu haben. Das Gesundheitsministerium in Ramallah meldete zwei Tote bei einem israelischen Drohnenangriff im FlĂŒchtlingslager in der Stadt. Israelische EinsatzkrĂ€fte zerstörten nach Armeeangaben zudem ein Fahrzeug, in dem sich gebrauchsfertige SprengsĂ€tze befunden hĂ€tten. Sie nahmen demnach auch zwei VerdĂ€chtige fest, die sich zuvor in dem Fahrzeug aufgehalten hĂ€tten.

Das Gesundheitsministerium in Ramallah meldete insgesamt vier verletzte PalĂ€stinenser im Zuge der EinsĂ€tze und Konfrontationen mit israelischen SicherheitskrĂ€ften in Dschenin. Der Ort gilt als Hochburg militanter PalĂ€stinenser. Die israelische Armee fĂŒhrt dort immer wieder Razzien durch.

Tote nach Beschuss in israelisch-libanesischer Grenzregion

Bei gegenseitigem Beschuss an der Grenze zwischen Israel und dem Libanon gab es mehrere Tote. Bei einem israelischen Angriff wurden in der Nacht zu Mittwoch sieben Menschen im SĂŒden des Libanon getötet, wie die libanesische Staatsagentur NNA berichtete. Bei Angriffen aus dem Libanon auf Nordisrael wurde SanitĂ€tern zufolge am Mittwochmorgen ein Mann getötet.

Israels Armee teilte mit, in der Nacht hĂ€tten Kampfflugzeuge im SĂŒden des Nachbarlandes ein MilitĂ€rgelĂ€nde angegriffen. «Auf dem GelĂ€nde ist ein bedeutender Terrorist der Organisation «Al-Dschamaa al-Islamija», der Angriffe auf israelisches Gebiet durchgefĂŒhrt hat, eliminiert worden», hieß es weiter. Auch mehrere seiner Begleiter seien getötet worden. Die Armee sprach von Terroristen. Die Angaben konnten zunĂ€chst nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒft werden.

Die sunnitische Organisation aus dem Libanon hatte zuvor verkĂŒndet, den Kampf der schiitischen Hisbollah-Miliz gegen Israel zu unterstĂŒtzen. Die kleine Gruppierung ist mit der Muslimbruderschaft verbunden.

Die libanesische Staatsagentur NNA meldete, feindliche Kampfflugzeuge hĂ€tten in der Nacht ein medizinisches Zentrum einer der Gruppe getroffen. Bei den sieben Toten soll es sich den Angaben nach um medizinisches Personal handeln. Zudem seien vier Zivilisten verletzt worden. Die Angaben ließen sich zunĂ€chst ebenfalls nicht unabhĂ€ngig verifizieren.

MilitÀrischer Hamas-Arm ruft zu Marsch auf Jerusalem auf

Der militĂ€rische Arm der Hamas veröffentlichte eine Audio-Aufnahme, auf der Muslime auf der ganzen Welt zur Befreiung der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem aufgerufen werden. Zu hören sein soll darauf der AnfĂŒhrer Mohammed Deif, zu sehen ist nur ein Schatten. Weder die AuthentizitĂ€t noch das genaue Datum der Aufnahme, die im Telegram-Kanal der Al-Aksa-Brigaden veröffentlicht wurde, lassen sich bisher klĂ€ren. Muslime in verschiedenen arabischen LĂ€ndern wurden darin aufgerufen, «in Richtung PalĂ€stinas zu marschieren, jetzt, nicht morgen». Sie sollten sich nicht von Grenzen, Staatsgebilden und Restriktionen daran hindern lassen, «an der Befreiung von Al-Aksa teilzunehmen», hieß es in der 35 Sekunden langen Aufnahme.

Deif gilt gemeinsam mit dem Hamas-Chef im Gazastreifen, Jihia al-Sinwar, als Planer des beispiellosen Massakers in Israel am 7. Oktober. In einer seltenen Botschaft hatte Deif an jenem Tag eine «MilitĂ€roperation» gegen Israel angekĂŒndigt.

Die Al-Aksa-Moschee steht auf dem Tempelberg (Al-Haram al-Scharif) in Jerusalem, der drittheiligsten StĂ€tte im Islam. Die Anlage ist aber auch Juden heilig, weil dort frĂŒher zwei jĂŒdische Tempel standen. Zehntausende von Muslimen beten dort wĂ€hrend des Fastenmonats Ramadan. Es war befĂŒrchtet worden, es könnte dabei wegen des Gaza-Kriegs zu neuer Gewalt kommen. Die Hamas hatte zu Protesten aufgerufen. Bisher verliefen die Gebete jedoch weitgehend friedlich.

@ dpa.de