Putin, Brics

Putin möchte Brics zu einem neuen Machtzentrum aufbauen

22.10.2024 - 15:46:37

Putin bekommt beim Brics-Gipfel die Bilder internationaler SolidaritĂ€t, die er möchte. Er will das BĂŒndnis ausbauen als Gegenpol zum Westen. Der Krieg in der Ukraine ist beim Gipfel aber auch Thema.

Kremlchef Wladimir Putin will das Brics-BĂŒndnis auf eine stĂ€rkere Kooperation insbesondere im Finanzsektor einschwören. Kremlsprecher Dmitri Peskow dementierte zwar, dass es Moskau darum gehe, mit Hilfe von Brics die Vorherrschaft des US-Dollars auf den WeltmĂ€rkten zu bekĂ€mpfen. Allerdings hatte Putin zuvor mehrfach die Dominanz der US-WĂ€hrung kritisiert und erst vor wenigen Wochen angekĂŒndigt, innerhalb der Brics ein unabhĂ€ngiges Zahlungs- und Verrechnungssystem aufbauen zu wollen.

«Die Zusammenarbeit im Rahmen der Brics richtet sich gegen nichts und niemanden - nicht gegen den Dollar, nicht gegen andere WÀhrungen. Sie verfolgt das alleinige Ziel, die Interessen der LÀnder zu gewÀhrleisten, die an dem Format teilnehmen», sagte Peskow. 

Die AbkĂŒrzung Brics steht fĂŒr die Anfangsbuchstaben der ersten fĂŒnf Mitglieder Brasilien, Russland, Indien, China und SĂŒdafrika. FĂŒr das Gipfeltreffen bis zum Donnerstag in der russischen Millionenstadt Kasan herrschen strenge Sicherheitsvorkehrungen, weil auch Chinas PrĂ€sident Xi Jinping, Indiens MinisterprĂ€sident Narendra Modi und andere Staats- und Regierungschef zu Gast sind. 

Russland will mit Brics westliche Sanktionen umgehen

FĂŒr Moskau ist dies angesichts des Angriffskriegs gegen die Ukraine besonders aktuell: Infolge des Kriegs haben westliche Industriestaaten Sanktionen gegen Russland verhĂ€ngt, die speziell den Finanzsektor des Landes empfindlich treffen. So wurde Russland vom internationalen Zahlungsinformationsdienst Swift abgeschaltet und der Zugang zu Dollar und Euro beschrĂ€nkt. Den Vorschlag, den bilateralen Handel in nationalen WĂ€hrungen abzurechnen, wiederholte Putin daher in Kasan bei mehreren GesprĂ€chen mit seinen auslĂ€ndischen GĂ€sten wie SĂŒdafrikas PrĂ€sident Cyril Ramaphosa. 

Putin sieht die Brics aber auch als politisches BĂŒndnis. Er strebt nach dem Aufbau einer neuen Weltordnung ohne eine Dominanz des Westens. Zugleich betonte er aber auch, dass die Brics-Allianz, zu der inzwischen auch der Iran, Ägypten, Äthiopien und die Vereinigten Arabischen Emirate gehören, nicht gegen irgendjemanden gerichtet sei. 

Putin hofft auf Gegengewicht zum Westen

Mit China und Indien sind die zwei mit Abstand bevölkerungsreichsten Staaten Teil der Brics. Nach Darstellung des Kremls verleiht dies dem BĂŒndnis auch eine moralische AutoritĂ€t, da es fĂŒr einen Großteil der Weltbevölkerung spreche. 

Die Erweiterung um neue Mitglieder soll der Organisation weiteres Gewicht geben. Insgesamt sind mehr als 20 Staats- und Regierungschefs angereist. Russland sieht sie als potenzielle Beitrittskandidaten. Interessant ist in der Hinsicht die AnnĂ€herung des Nato-Mitglieds TĂŒrkei. Deren PrĂ€sident Recep Tayyip Erdogan flog ebenfalls nach Kasan. 

Als wichtigster Gast gilt allerdings Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping. Chinas RĂŒckendeckung ist fĂŒr Putins weitere KriegsfĂŒhrung in der Ukraine wichtig. Peking ist zudem wie Moskau daran interessiert, die Dominanz des Westens zu brechen, und sieht die Brics dazu als mögliches Instrument.

Umarmung mit Modi und Vermittlungsangebote 

In jedem Fall lieferte der Gipfel Putin schon am ersten Tag reichlich Bilder, um das Narrativ zu entkrÀften, er sei wegen des Kriegs international isoliert. So umarmte er innig Indiens Regierungschef Narendra Modi bei dessen Empfang im Kasaner Kreml.

Modi bot dem Gastgeber dabei erneut Indiens Vermittlung im Ukrainekonflikt an. «Wir unterstĂŒtzen vollstĂ€ndig die schnellstmögliche Wiederherstellung von Frieden und StabilitĂ€t», sagte der indische Regierungschef. Probleme sollten auf friedliche Weise gelöst werden. Da Indien das HumanitĂ€re im Blick habe, sei das Land mit allen Seiten in Kontakt und auch kĂŒnftig bereit, «jede Art von UnterstĂŒtzung zu leisten», um den Krieg zu beenden. Er wolle bei den weiteren GesprĂ€chen mit Putin das Thema vertiefen, sagte Modi.

Modi hatte im Juli schon einmal Russland besucht. Seine Geste der Umarmung mit Putin rief in der Ukraine Ärger hervor, da ein russischer Raketenangriff zuvor ein Kinderkrankenhaus in Kiew zerstört hatte. SpĂ€ter umarmte Modi bei seinem Besuch in Kiew auch den ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj.

UN-GeneralsekretÀr kommt ebenfalls zu GesprÀchen

In Kasan sind zudem GesprĂ€che Putins mit UN-GeneralsekretĂ€r Antonio Guterres geplant. Dabei werde es auch um die Krisen im Nahen Osten und in der Ukraine gehen, teilte der Kreml mit. WĂ€hrend russische Medien die Visite mit der gestiegenen Bedeutung der Brics auch fĂŒr den Westen begrĂŒndeten, kam Kritik aus der Ukraine. 

Dass Guterres den Friedensgipfel in der Schweiz ignoriert habe, nun aber nach Kasan reise, sei eine falsche Wahl, teilte das ukrainische Außenministerium auf der Plattform X mit. 

Guterres hat nach Kriegsbeginn sowohl Russland als auch die Ukraine besucht, um eine friedliche Lösung zu erreichen. Unter Vermittlung der UN schlossen Moskau und Kiew im Sommer 2022 den Getreidedeal ab, der es der Ukraine erlaubte, trotz des Kriegs einen Teil seiner AgrarertrĂ€ge ĂŒber See zu exportieren. Ein Jahr spĂ€ter kĂŒndigte Russland dieses Abkommen allerdings mit der BegrĂŒndung, dass die Ukraine den fĂŒr Getreidefrachter eingerichteten Seekorridor angeblich fĂŒr Waffenlieferungen nutze. Konkrete Ergebnisse von der jetzigen Visite von Guterres in Kasan werden nicht erwartet.

Schulze: Putin will «antiwestliches» BĂŒndnis

Entwicklungsministerin Svenja Schulze warf dem russischen PrĂ€sidenten vor, die Staatengruppe als «antiwestliches» BĂŒndnis positionieren zu wollen. Die Antwort darauf mĂŒsse sein, neutralen Mitgliedstaaten der Gruppe wie Brasilien, Indien und SĂŒdafrika «bessere Angebote fĂŒr eine faire Zusammenarbeit» zu machen, sagte die SPD-Politikerin. Als Beispiel nannte sie ein verstĂ€rktes Engagement bei Infrastrukturprojekten in Asien, Afrika und Lateinamerika. 

«Das Lagerdenken Putins, der sich in Kasan als AnfĂŒhrer einer antiwestlichen Gruppe inszenieren will, ist in der multipolaren Welt von heute ĂŒberholt», sagte Schulze. «Das zeigt sich auch daran, dass viele der Brics-GĂ€ste zugleich auch bei G7-Treffen vertreten sind und gut mit uns zusammenarbeiten.»

@ dpa.de