Kiew: Drohnenalarm verĂ€ndert den Alltag â Hauptstadt bangt vor hartem Winter
Veröffentlicht am: 28.09.2026 um 15:14 Uhr | dpa, AD HOC NEWSRussische Drohnenangriffe verÀndern den Alltag in Kiew: Luftalarme unterbrechen Schule, Verkehr und Arbeit, wÀhrend die Hauptstadt zugleich vor den Belastungen eines möglichen harten Kriegswinters steht.
Eine Drohne trifft die Akademie der Wissenschaften
Am Montagmittag schlug eine Drohne im Zentrum Kiews in das GebÀude der Nationalen Akademie der Wissenschaften ein. Der historische Bau, rund 150 Meter von der deutschen Botschaft entfernt, geriet in Brand; mindestens eine Frau starb. Menschen flohen vor den Flammen auf Fenstersimse und warteten auf die Feuerwehr.
Seit Anfang September unterscheidet Kiew zwischen gelbem und rotem Luftalarm. Bei Gelb gelten einzelne Drohnen als Gefahr, bei Rot werden ballistische Raketen oder gröĂere DrohnenschwĂ€rme erwartet. Die Regelung soll verhindern, dass die Millionenstadt bei jedem Alarm vollstĂ€ndig stillsteht.
Schulen und U-Bahn werden zu SchutzrÀumen
Bei Luftalarm brechen Schulen den Unterricht ab, Kinder gehen in Bunker oder in die Metro. U-Bahnstationen dienen als SchutzrĂ€ume. Betriebe mĂŒssen bei gelbem Alarm nicht schlieĂen, doch viele Menschen verfolgen die Warnungen auf dem Handy und passen ihre Wege kurzfristig an.
Die Gefahr ist zuletzt deutlich gestiegen. Am vergangenen Freitag gab es zehn Alarme mit einer Gesamtdauer von fast neun Stunden; mehrere EinschlÀge und BrÀnde forderten sieben Tote und 59 Verletzte. Am Sonntag dauerte der Alarm mehr als 18 Stunden, drei Menschen starben und etwa ein Dutzend wurde verletzt.
Neue Drohnen erschweren die Abwehr
Die russischen StreitkrĂ€fte setzen zunehmend schnelle Kampfdrohnen mit DĂŒsenantrieb ein. Gegen den Typ Geran-5 gibt es nach Angaben aus Kiew bislang kein wirksames Gegenmittel; zugleich fehlen Abwehrmöglichkeiten gegen ballistische Raketen. Die Drohnen fliegen nicht mehr nur nachts, sondern beinahe den ganzen Tag.
Getroffen werden neben militĂ€risch relevanten Zielen zunehmend Einrichtungen des tĂ€glichen Lebens. In Kiew wurden unter anderem BaumĂ€rkte, Lebensmittel- und KĂŒhllager, Arzneimittelfabriken sowie Datenzentren fĂŒr Telefon und Internet beschĂ€digt. Auch Tankstellen geraten unter Beschuss: BeschĂ€ftigte und Kunden tanken möglichst schnell und verlassen den Ort bei Drohnenalarm.
BrĂŒcken, BĂŒcher und Medikamente unter Druck
Die Angriffe beeintrĂ€chtigen auch die Versorgung. Auf dem BĂŒcherbasar Petriwka verbrannten Mitte August viele Tausend BĂŒcher. Ein wiederholt getroffenes Pharmawerk im Stadtteil Darnyzja erschwert zudem die lokale Herstellung von Medikamenten; in Apotheken sind einzelne PrĂ€parate nicht immer erhĂ€ltlich.
HĂ€ufige Alarme können Kiew auĂerdem verkehrstechnisch teilen. Rund die HĂ€lfte der etwa drei Millionen Einwohner lebt auf dem Ostufer des Dnipro, wĂ€hrend viele ArbeitsplĂ€tze im Westen liegen. Wenn Metro, Busse und BrĂŒcken gesperrt werden, kommen Pendler nur schwer ans Ziel; inzwischen darf eine von zwei U-Bahnlinien auch bei gelbem Alarm den Fluss queren.
Zwischen Schutzraum und Alltag
Trotz der Bedrohung bleiben Restaurants, GeschÀfte und kulturelle Orte geöffnet, wenn es die Sicherheitslage erlaubt. Viele Bewohner versuchen, sonnige Tage am Fluss oder einen Stadtbummel zu nutzen. Die Stadt funktioniert weiter, aber immer unter dem Vorbehalt des nÀchsten Alarms.
Besonders groĂ ist die Sorge vor dem Winter. Im vergangenen Januar fĂŒhrten Angriffe auf die Energieversorgung zu wochenlangen Belastungen bei Frost. Die Stadtverwaltung verweist auf vorbereitete Heizsysteme und neu gebaute dezentrale Kraftwerke; zugleich warnen Hilfsorganisationen vor den Folgen weiterer Treffer auf Kraft- und Umspannwerke sowie möglicher EngpĂ€sse bei Benzin, Wasser, Lebensmitteln und Medikamenten.
Angriffe treffen den zivilen Alltag
Die Entwicklung in Kiew steht fĂŒr eine breitere VerĂ€nderung des russischen Luftkriegs gegen die Ukraine. Angriffe richten sich nicht nur gegen militĂ€rische Ziele, sondern beschĂ€digen auch Datenzentren, Lager, Verkehrswege und Einrichtungen der Grundversorgung. Dadurch entstehen Folgen, die ĂŒber den unmittelbaren Zerstörungsort hinausreichen: Internet- und Kommunikationsdienste können ausfallen, Lieferketten werden unterbrochen und medizinische Versorgung wird schwieriger.
Die hohe Zahl eingesetzter Drohnen erhöht den Druck auf die ukrainische Luftabwehr. Besonders schnell fliegende Modelle mit DĂŒsenantrieb verkĂŒrzen die Reaktionszeit und erschweren den Schutz groĂer StĂ€dte. Kiew verfĂŒgt zwar ĂŒber ein dichtes Netz aus Warnsystemen und Schutzmöglichkeiten, doch hĂ€ufige und lang anhaltende Alarme legen Schulen, Verkehr und Unternehmen immer wieder lahm.
Der Winter als zusÀtzlicher Belastungstest
FĂŒr die Bevölkerung ist die Energieversorgung der entscheidende Unsicherheitsfaktor. BeschĂ€digte Kraftwerke, Umspannwerke und Leitungen könnten im Winter nicht nur StromausfĂ€lle, sondern auch Probleme bei Heizung, Wasser und Telekommunikation auslösen. Dezentrale Energieanlagen können die WiderstandsfĂ€higkeit erhöhen, ersetzen aber kein stabiles Gesamtsystem.
Die Bedeutung der Angriffe reicht damit ĂŒber einzelne Opferzahlen hinaus. Sie beeinflussen, ob Menschen arbeiten, Medikamente erhalten, Kinder unterrichten und die Stadt ĂŒber den Dnipro durchqueren können. Zugleich zeigt der Alltag in Kiew, dass die Bevölkerung versucht, trotz der Gefahren wirtschaftliche und soziale Strukturen aufrechtzuerhalten.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Tagesspiegel: â29 Verletzte in der Ostukraine: Russische Gleitbomben treffen Wohnhaus in Charkiwâ (28.09.2026)
Der Liveblog berichte ĂŒber die jĂŒngsten russischen Angriffe auf Kiew und andere ukrainische StĂ€dte und nenne Tote, Verletzte sowie SchĂ€den an WohnhĂ€usern, Datenzentren und Kommunikationsinfrastruktur. Einen zusĂ€tzlichen Schwerpunkt setze der Bericht auf die Folgen fĂŒr InternetzugĂ€nge und auf die zunehmende Bedeutung schneller Drohnen mit DĂŒsenantrieb; die dpa-Meldung beschreibe dagegen ausfĂŒhrlicher die Auswirkungen auf Schulen, Verkehr, Versorgung und das tĂ€gliche Leben in Kiew.
Der Artikel stelle auĂerdem einen gröĂeren Zusammenhang zur landesweiten Angriffswelle her und verweise auf die von ukrainischer Seite genannte Zahl von mehr als 2200 Drohnen in einer Woche. Offen bleibe, wie dauerhaft die SchĂ€den an der digitalen Infrastruktur seien und in welchem Umfang die ukrainische Luftabwehr die neuen Drohnentypen abfangen könne.
