«Frage von Leben und Tod» - Getreideabkommen vor dem Aus?
14.07.2023 - 11:57:01Die Ukraine konnte seit August 2022 trotz des russischen Angriffskriegs 33 Millionen Tonnen Getreide exportieren. Möglich machte das ein Abkommen zwischen Russland und der Ukraine unter Vermittlung der Vereinten Nationen und der TĂŒrkei. Die Ukraine gehörte vor dem Krieg zu den wichtigsten Getreideexporteuren und ihre Lieferungen sind wichtig, um weltweit Hungersnöte und Preissteigerungen zu verhindern. Nun droht Russland erneut, die Schwarzmeer-Getreide-Initiative am 17. Juli auslaufen zu lassen.
Was regelt das Abkommen bislang?
Die Vereinbarung vom 22. Juli 2022 soll trotz des Kriegs die sichere Passage von mit Getreide beladenen Schiffen aus drei Schwarzmeer-HĂ€fen der Ukraine durch den Bosporus gewĂ€hrleisten. Die Schiffe fahren entlang eines 310 Seemeilen langen und drei Seemeilen breiten Korridors. Zuvor waren die Agrarexporte wegen des Kriegs monatelang blockiert gewesen. Ein Koordinierungszentrum in Istanbul ist mit Vertretern der Kriegsgegner sowie der TĂŒrkei und der UN besetzt. Inspektionen sollen sicherstellen, dass Schiffe keine Waffen geladen haben. Das erste Schiff fuhr Anfang August 2022.
Warum ist das Abkommen fĂŒr die Ukraine so wichtig?
Russland und die Ukraine sind beide groĂe Getreideexporteure, die mit den Ausfuhren Milliarden verdienen. FĂŒr die durch den Krieg weiter verarmte Ukraine geht ohne den Export, der teils auch ĂŒber die Bahn lĂ€uft, wichtige Einnahmen fĂŒr den Staatshaushalt verloren. Aber auch fĂŒr die Bauern in dem Land, das als Kornkammer Europas gilt, geht es um ihre Existenz. Die Ukraine will auch ihre Rolle als Garant fĂŒr die globale ErnĂ€hrungssicherheit weiter wahrnehmen.
Welche Auswirkung hat die Zerstörung des Kachowka-Staudamms auf die Getreideproduktion?
Die Lage in der Landwirtschaft ist ohnehin schwierig. Die Ukraine hat nicht nur durch die russische Besatzung riesige AgrarflĂ€chen fĂŒr die Bewirtschaftung verloren. Vielerorts sind auch Minenfelder. Im Juli lief zudem der Kachowka-Stausee durch die Zerstörung des gleichnamigen Damms aus. Weite FlĂ€chen der Böden, die zu den fruchtbarsten Europas gehören, wurden ĂŒberflutet und auch mit durch IndustrieabfĂ€lle belasteten Schlamm aus dem Staubecken ĂŒberschwemmt. FĂŒr die Landwirtschaft sind die Böden vorerst nicht nutzbar.
Was bedeutet die Getreideinitiative fĂŒr Ă€rmere LĂ€nder?
Die deutsche Botschafterin im UN-Menschenrechtsrat, Katharina Stasch, nennt den Export des Getreides «eine Frage von Leben und Tod». Denn viele LĂ€nder in Afrika sind von Lieferungen aus der Ukraine abhĂ€ngig. In sieben LĂ€ndern am Horn von Afrika wĂŒssten nach mancherorts jahrelanger DĂŒrre 60 Millionen Menschen nicht immer, wo die nĂ€chste Mahlzeit herkommen soll, berichten die Vereinten Nationen. «Wenn die Getreideinitiative nicht verlĂ€ngert wird, wĂŒrde das Ostafrika absolut hart treffen», sagte Dominique Ferretti vom Nothilfe-BĂŒro des WelternĂ€hrungsprogramms (WFP) Ende Juni.
Profitieren denn die Àrmsten LÀnder wirklich?
Zwar war China das HauptempfĂ€ngerland der durch die Initiative ermöglichten Exporte, aber auch die Ă€rmsten LĂ€nder haben profitiert, berechnete die UN-Konferenz fĂŒr Handel und Entwicklung (Unctad). Der Anteil der Ă€rmsten LĂ€nder an den ukrainischen Weizen-Lieferungen sei höher gewesen als vor dem Krieg, sagte Unctad-Ăkonom Carlos Razo der Deutschen Presse-Agentur. In diesem Jahr seien es 24 Prozent des gesamten ukrainischen Weizenexports gewesen, wĂ€hrend es im gleichen Zeitraum 2021 rund 22 und im Jahr davor 17 Prozent gewesen seien.
Insgesamt sind nach seinen Angaben seit Beginn der Getreideinitiative 1,9 Millionen Tonnen Weizen und 26 000 Tonnen Sonnenblumenöl an die Àrmsten LÀnder geliefert worden. Beliefert wurden aber statt 15 LÀnder wie vor dem Krieg nur neun LÀnder. Zum Beispiel seien keine Exporte mehr an Mauretanien, Mosambik und Myanmar gegangen. «Kein Weizen, der nötig ist, um Hunger in den Àrmsten LÀndern zu bekÀmpfen, ist nach China gegangen», sagte Razo.
Was sind die Auswirkungen fĂŒr den Rest der Welt?
Wenn die Initiative nicht verlĂ€ngert wird, steigen die Getreidepreise wieder, fĂŒrchtet der Chefökonom der UN-Agrarorganisation FAO, MĂĄximo Torero Cullen. Der Export von Millionen Tonnen Getreide fĂŒhrte zu einem RĂŒckgang der weltweiten Lebensmittelpreise - die nach UN-Angaben von Anfang Juli nun um 23 Prozent unter den Rekordwerten von MĂ€rz 2022 liegen.
Warum sperrt sich Russland gegen eine VerlÀngerung des Abkommens?
Russland bestand von Anfang an darauf, dass fĂŒr seine Mitarbeit im Gegenzug westliche Sanktionen gelockert werden, durch die Moskau seine eigenen Getreide- und DĂŒngemittelexporte behindert sieht. Dabei geht es vor allem um die mit Sanktionen belegte staatliche russische Landwirtschaftsbank, die keine GeschĂ€fte mehr abwickeln kann. Moskau sieht hier die UN in der Pflicht, Druck auf den Westen auszuĂŒben - und drohte immer wieder mit einem Ausstieg aus dem Abkommen.
Woran scheitert eine Lösung?
Zwar schlug zuletzt die EU die GrĂŒndung einer Tochter der Agrarbank zur Abwicklung von FinanzgeschĂ€ften vor. Es handele es sich aber um einen «bewusst nicht umsetzbaren Plan», kritisierte die Sprecherin des russischen AuĂenministeriums, Maria Sacharowa. Die GrĂŒndung einer solchen Bank und ihr Anschluss an das internationale Bankenkommunikationsnetzwerk Swift dauere Monate. FĂŒr die von Russland geforderte Aufhebung der Sanktionen gegen die Landwirtschaftsbank wĂ€re allerdings die Zustimmung der EU-Staaten nötig, was ebenfalls als undurchsetzbar gilt.
Russische Banken können wegen der Trennung vom Swift-Kommunikationsnetzwerk der Banken nur noch schwer FinanzgeschĂ€fte abwickeln. Auch die Versicherung von Schiffen und Frachten gilt als schwierig. «Unter diesen Bedingungen ist es offensichtlich, dass es keine Grundlage gibt fĂŒr eine Fortsetzung der Schwarzmeer-Initiative, die am 17. Juli auslĂ€uft», sagte Sacharowa.
PrĂ€sident Wladimir Putin sagte am Donnerstag im Staatsfernsehen, man denke noch ĂŒber das weitere Vorgehen nach. Es gebe etwa die Möglichkeit, die Beteiligung Russlands an dem Abkommen so lange auszusetzen, bis die Versprechungen, die Moskau im Rahmen der Vereinbarung gegeben worden seien, auch tatsĂ€chlich erfĂŒllt wĂŒrden.
Der russische PrĂ€sident Wladimir Putin beantwortet Fragen ĂŒber das Getreideabkommen.
Wie geht es nach dem 17. Juli weiter?
Schon bisher klagte die Ukraine immer wieder ĂŒber Probleme bei der Umsetzung des Abkommens, wenn etwa Schiffe in den HĂ€fen wegen fehlender Freigabe von russischer Seite lange liegenblieben. Diese Situation dĂŒrfte sich wieder verschĂ€rfen - bis hin zu einer kompletten neuen Blockade. Der Getreidetransport ĂŒber den Seeweg kĂ€me erneut zum Erliegen - vor allem auch, weil die Sicherheit der Frachtschiffe wegen der Kriegshandlungen im Schwarzen Meer wie vor dem Abkommen nicht mehr gewĂ€hrleistet wĂ€re. Auch die Verlegung neuer Seeminen dĂŒrfte die Sicherheitslage verschĂ€rfen.





