Korruptionsskandal: Durchsuchung bei Selenskyjs BĂŒrochef
28.11.2025 - 08:54:27In der Ukraine ist im Zuge eines riesigen Schmiergeldskandals auch der BĂŒrochef von PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj ins Visier der Ermittler geraten. Das Nationale AntikorruptionsbĂŒro (NABU) und die Spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAP) informierten am frĂŒhen Morgen ĂŒber eine Razzia in der Wohnung von Andrij Jermak. Der 54-JĂ€hrige gilt als rechte Hand Selenskyjs und einflussreicher Strippenzieher. Er selbst bestĂ€tigte die Ermittlungen gegen ihn in seinem Telegramkanal.Â
Die Ukraine, die sich seit bald vier Jahren gegen den russischen Angriffskrieg wehrt, steckt seit Wochen in einem millionenschweren Schmiergeldskandal, der bis in die StaatsfĂŒhrung reicht. Von Selenskyj, der auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) AufklĂ€rung versprochen hatte, gab es zunĂ€chst keine Reaktion.
Jermak erklĂ€rte, er habe «völligen Zugang» zu seiner Wohnung gewĂ€hrt. Seine AnwĂ€lte seien an Ort und Stelle und kooperierten wie er selbst mit den Ermittlern. NABU und SAP machten zunĂ€chst keine Angaben zum Anlass der Ermittlungen. «Details folgen spĂ€ter», hieĂ es in einer Mitteilung. Fotos auf dem Internetportal «Ukraijinska Prawda» zeigten, wie zehn Mitarbeiter von NABU und SAP ins kriegsbedingt schwer zugĂ€ngliche Regierungsviertel gelangten.Â
PrÀsident Selenskyjs wichtigster Mann in Kiew
Jermak ist die zentrale Figur bei den laufenden Verhandlungen mit den US-Amerikanern um ein Ende des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Er fĂŒhrt das ukrainische Verhandlungsteam bei den FriedensgesprĂ€chen an. Seine Ernennung als Delegationsleiter hatte in der vergangenen Woche Erstaunen bei politischen Beobachtern in Kiew ausgelöst, weil er in dem Korruptionsskandal wie Selenskyj in ErklĂ€rungsnot geraten war.
Zuletzt war auch Ex-Verteidigungsminister Rustem Umjerow von Korruptionsfahndern vorgeladen worden. Der SekretĂ€r des Nationalen Sicherheitsrates bestreitet alle VorwĂŒrfe. Auch der 43-JĂ€hrige gehört zu Kiews HauptunterhĂ€ndlern bei den GesprĂ€chen ĂŒber Trumps Friedensinitiative.
SpĂ€rliche Informationen ĂŒber den Grund der Razzia
NABU und SAP hatten vor etwas mehr als zwei Wochen mitgeschnittene GesprĂ€che zu Schmiergeldzahlungen im Energiesektor veröffentlicht. Es gab mehrere Festnahmen. Energieministerin Switlana Hryntschuk und Justizminister Herman Haluschtschenko wurden entlassen. Der HauptverdĂ€chtige und Vertraute von PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj, Tymur Minditsch, konnte aus dem Land fliehen. Er ist zur Fahndung ausgeschrieben. Bereits damals wiesen die Korruptionsfahnder auf Bestechung auch im RĂŒstungsbereich hin.Â
Mehrere Parlamentsabgeordnete schrieben in sozialen Netzwerken, dass NABU nun eine Verdachtsmitteilung gegen Jermak vorbereite. Die Nachrichtenagentur Interfax-Ukraine meldete unter Verweis auf eine Quelle, dass bisher niemand offiziell verdĂ€chtigt worden sei.Â
Möglicher Konflikt mit den Anti-Korruptionsbehörden
Im Juli hatte PrĂ€sident Selenskyj noch versucht, NABU und SAP unter seine Kontrolle zu bringen. Damals wurden bereits VorwĂŒrfe gegen Jermak laut, dass die eilig verabschiedete GesetzesĂ€nderung auf seine Initiative hin im Parlament eingebracht worden sei. Ziel sei gewesen, die sich anbahnenden Verfahren gegen Minditsch und den Selenskyj nahestehenden Ex-Vizeregierungschef Olexij Tschernyschow zu verhindern. Nach StraĂenprotesten und einer Intervention der EuropĂ€ischen Union musste Selenskyj das Gesetz wieder Ă€ndern und den vorherigen Zustand wiederherstellen.
Der oppositionelle Abgeordnete Olexij Hontscharenko meinte, dass die Ermittlungen auch eine Antwort darauf sein könnten, dass Jermak angeordnet haben soll, die Ermittler von NABU und SAP zu ĂŒberwachen. Er vermute auch Amtsmissbrauch, Einflussnahme und politische Verfolgung. «Da helfen auch alle AnwĂ€lte des Landes nichts», schrieb Hontscharenko bei Telegram.
Beeinflussen die Ermittlungen die FriedensgesprÀche?
Die Ermittlungen rund um den Korruptionsskandal könnten auch Auswirkungen auf die GesprĂ€che der Ukraine mit den USA haben. Medienberichten zufolge hatte PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj Jermak extra zum VerhandlungsfĂŒhrer bei einem Treffen in Genf am Sonntag ernannt. Einige Kommentatoren hatten dagegen mit einer Absetzung Jermaks gerechnet.
Jermak lehnte in einem Interview die von Russland geforderten Gebietsabtretungen im Donbass fĂŒr einen Waffenstillstand ab. «Solange Selenskyj PrĂ€sident ist, sollte niemand damit rechnen, dass wir Gebiete aufgeben. Er wird keine Gebiete abtreten», sagte er «The Atlantic».
USA wollen Ukraine zum Kriegsende bewegen
Tags zuvor hatte Jermak neue GesprĂ€che mit der US-amerikanischen Seite fĂŒr das Ende der Woche angekĂŒndigt. Erwartet wird die Ankunft einer US-Delegation unter Leitung des StaatssekretĂ€rs Daniel Driscoll. Sollte Jermak offiziell eine Verdachtsmitteilung ausgehĂ€ndigt oder er gar festgenommen werden, könnte er kaum weiter seine Funktion als VerhandlungsfĂŒhrer wahrnehmen.
Russland besteht darauf, dass die ukrainischen Truppen sich fĂŒr einen Waffenstillstand aus den Gebieten Luhansk und Donezk komplett zurĂŒckziehen. Kremlsprecher Peskow sagte mit Blick auf die Razzia bei Jermak, dass sich der Korruptionsskandal in der Ukraine ausweite mit negativen Folgen fĂŒr das politische System in Kiew.
Die USA versuchen seit dem Amtsantritt von PrĂ€sident Donald Trump, ein Ende des seit Februar 2022 wĂ€hrenden russischen Krieges gegen die Ukraine zu erreichen. Vergangene Woche hatte Washington einen aus 28 Punkten bestehenden Friedensplan vorgelegt und Kiew zur Annahme gedrĂ€ngt. Die von Jermak geleitete ukrainische Verhandlungsdelegation hatte am Sonntag mit UnterstĂŒtzung europĂ€ischer VerbĂŒndeter Ănderungen am Plan vorgenommen und diese den USA vorgelegt.
Trotz einer Reihe seit dem westlichen Umsturz von 2014 neu geschaffener Behörden zur SchmiergeldbekÀmpfung gilt die Ukraine weiter als einer der korruptesten Staaten Europas. Als EU-Beitrittskandidat hat sich das Land zu Reformen verpflichtet.





