Netanjahu, Israel

Netanjahu: Israel fĂŒhrt «gerechten Krieg»

14.01.2024 - 05:44:03

Seit 100 Tagen hĂ€lt der Gaza-Krieg die Welt in Atem. Ein Ende des Grauens ist nicht in Sicht. Und die Sorgen vor einer Eskalation und einem FlĂ€chenbrand wachsen. Der Überblick

Nach 100 Tagen Gaza-Krieg hat Israels MinisterprÀsident Benjamin Netanjahu seine Landsleute auf einen lang anhaltenden Kampf gegen die Hamas und andere Terrororganisationen im Gazastreifen eingeschworen.

«Etwas, was jenseits jeden Zweifels klar wurde, ist, dass wir diesen Krieg fĂŒhren mĂŒssen und dass er noch viele Monate dauern wird», sagte Netanjahu auf einer Regierungssitzung. «Wir werden den Krieg bis zum Ende fortsetzen - bis zum vollstĂ€ndigen Sieg, bis wir alle unsere Ziele erreicht haben: Die Beseitigung der Hamas, die RĂŒckgabe aller unserer Geiseln und die GewĂ€hrleistung, dass der Gazastreifen nie wieder eine Bedrohung fĂŒr Israel darstellen wird», sagte Netanjahu.

Hilfsorganisationen sprachen von einer humanitĂ€ren Katastrophe fĂŒr die 2,2 Millionen PalĂ€stinenser als Folge des Krieges. Aus ihrer Sicht ist der Gazastreifen wegen der großen Zerstörung unbewohnbar geworden.

Am heutigen Sonntag dauerte der Krieg in dem KĂŒstengebiet am Mittelmeer 100 Tage an. Auslöser war der Terrorangriff der islamistischen Hamas und anderer extremistischer Gruppen auf Israel am 7. Oktober. Mehr als 1200 Menschen wurden dabei getötet und etwa 250 weitere als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Israel reagierte darauf mit massiven Luftangriffen und einer Bodenoffensive. Angesichts der Spannungen an der Grenze zwischen Israel und dem Libanon sowie im Roten Meer wachsen die Sorgen vor einem regionalen Krieg.

Immer noch zahlreiche Geiseln im Gazastreifen

Außenministerin Annalena Baerbock bekrĂ€ftigte ihre Hoffnung auf eine Freilassung aller Geiseln in der Gewalt der Hamas. «Wir geben nicht auf, wir lassen in unserer Arbeit nicht nach, bis alle Geiseln der Hamas wieder zu Hause sind», schrieb Baerbock auf der Plattform X (einst Twitter). «Seit 100 Tagen fehlen Kinder, Eltern, BrĂŒder, Schwestern, Freunde in #Israel. 100 Tage voll Ungewissheit, Verzweiflung, Trauer - und Hoffnung.»

Israel geht davon aus, dass dort noch 136 Menschen festgehalten beziehungsweise deren Leichen nicht herausgegeben werden. Regierungsangaben zufolge sind vermutlich 25 Menschen nicht mehr am Leben. Im Rahmen eines Deals zwischen der Regierung in Jerusalem und der Hamas wurden wĂ€hrend einer einwöchigen Feuerpause Ende November insgesamt 105 Geiseln freigelassen. Im Austausch entließ Israel 240 palĂ€stinensische HĂ€ftlinge aus israelischen GefĂ€ngnissen.

Bei einer Massenkundgebung in Tel Aviv machten nach Angaben von Organisatoren etwa 120.000 Menschen auf das Schicksal der Geiseln aufmerksam. Familienangehörige Ă€ußerten sich frustriert, wie die Zeitung «Times of Israel» berichtete. Sie warfen der Regierung von MinisterprĂ€sident Netanjahu vor, nicht genug zu tun, um die im Gazastreifen weiter festgehaltenen Geiseln nach Hause zu holen. Hunderte israelische Unternehmen traten am Sonntag als Zeichen der SolidaritĂ€t mit den Geiseln in einen 100 Minuten langen Streik.

Großes Ausmaß der Zerstörung in Gaza, Hungersnot droht

Nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde wurden im Gazastreifen inzwischen fast 24.000 Menschen getötet und weitere rund 60.600 verletzt. Die humanitĂ€re Lage bleibt dramatisch. Nur rund ein Drittel der KrankenhĂ€user ist teilweise noch im Betrieb. Laut Vereinten Nationen droht zudem eine Hungersnot. Rund 360.000 Wohneinheiten wurden zudem beschĂ€digt oder zerstört. Dies bedeute, dass mehr als eine halbe Million der 2,2 Millionen Einwohner kein Zuhause mehr hĂ€tten, in das sie nach dem Krieg zurĂŒckkehren könnten. Nach UN-Angaben wurden bislang 85 Prozent der Bevölkerung vertrieben.

In Israel mussten laut Regierungsangaben mehr als 200.000 Menschen ihr Zuhause verlassen, um sich im SĂŒden des Landes vor Angriffen der Hamas und im Norden vor Attacken der libanesischen Hisbollah in Sicherheit zu bringen. In Israel leben rund zehn Millionen Menschen. Im Libanon mussten nach Angaben der Organisation fĂŒr Migration (IOM) wegen der Spannungen mehr als 76.000 Menschen ihr Zuhause verlassen.

Hilfsorganisation: Gazastreifen unbewohnbar geworden

Eine norwegische Hilfsorganisation erklĂ€rte, dass der Gazastreifen wegen des Kriegs unbewohnbar geworden sei. Ahmed Bayram vom Norwegischen FlĂŒchtlingsrat (NRC) sagte dem arabischen Sender Al-Dschasira am Sonntag: «Dieser sehr dunkle Moment erinnert uns daran, dass Gaza aus militĂ€rischen GrĂŒnden, fĂŒr die Zivilisten den Preis bezahlen, unbewohnbar gemacht worden ist.» Er rief zu einem Ende des Blutvergießens auf.

Der Direktor des UN-NothilfebĂŒros OCHA, Martin Griffith, erklĂ€rte am Freitag, die PalĂ€stinenser seien tĂ€glich in ihrer Existenz bedroht, wĂ€hrend die Welt einfach nur zuschaue.

Auch das UN-PalĂ€stinenserhilfswerk UNRWA erneuerte seinen Appell fĂŒr eine humanitĂ€re Feuerpause. «Massenhafter Tod, Zerstörung, Vertreibung, Hunger, Verlust und Trauer haben in den letzten 100 Tagen die von uns allen geteilte Menschlichkeit befleckt», schrieb Generalkommissar, Philippe Lazzarini, in einer ErklĂ€rung.

Netanjahu: Niemand wird Israel aufhalten

«Niemand wird uns aufhalten, nicht Den Haag, nicht die Achse des Bösen und auch sonst niemand», sagte Netanjahu in seiner Rede. Er spielte dabei auch auf die von SĂŒdafrika beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag eingereichte Klage wegen Völkermords an. Die Richter beraten zunĂ€chst ĂŒber einen Eilantrag SĂŒdafrikas, ein Ende der militĂ€rischen Handlungen anzuordnen. Ein Beschluss wird vor dem 6. Februar erwartet. Mit «Achse des Bösen» meint Netanjahu den Iran und dessen VerbĂŒndete wie beispielsweise die Hisbollah im Libanon, die Huthi im Jemen sowie Milizen im Irak und in Syrien.

Warnungen vor FlÀchenbrand: Eskalation im Roten Meer

Mehr als drei Monate nach Kriegsbeginn wĂ€chst die Sorge, dass der Konflikt in einen regionalen FlĂ€chenbrand mĂŒndet. Mit besonders großer Sorge blicken Beobachter auf die Lage am Roten Meer. Die schiitischen und vom Iran unterstĂŒtzten Huthi griffen in den vergangenen Wochen immer wieder Schiffe auf dem Weg nach Israel an. Die USA und VerbĂŒndete bombardierten daraufhin Stellungen der militant-islamistischen Gruppe im Jemen.

Der Chef der libanesischen Hisbollah-Miliz, Hassan Nasrallah, warf den USA wegen dieser Luftangriffe vor, den Gaza-Krieg selbst ausweiten, obwohl sie das Gegenteil forderten. Israelische Schiffe und solche auf dem Weg nach Israel wĂŒrden weiterhin Ziel von Attacken, sagte er. Die Hisbollah gehört zu den UnterstĂŒtzern der Huthi-Rebellen.

Auch die Lage im Grenzgebiet zwischen den NachbarlĂ€ndern Israel und Libanon bleibt angespannt. Seit Beginn des Gaza-Kriegs kommt es dort immer wieder zu Konfrontationen zwischen Israels Armee und der vom Iran unterstĂŒtzten Hisbollah. Die libanesische Schiitenmiliz ist mit der Hamas verbĂŒndet, gilt aber als deutlich schlagkrĂ€ftiger. Auch am Sonntag gab es wieder Feuergefechte.

@ dpa.de