Wagner-Chef Prigoschin nach Flugzeugabsturz fĂŒr tot erklĂ€rt
24.08.2023 - 05:05:28 | dpa.deZwei Monate nach seiner rĂ€tselhaften Meuterei gegen die russische Staatsmacht ist der SöldnerfĂŒhrer Jewgeni Prigoschin nach einem Flugzeugabsturz in Russland fĂŒr tot erklĂ€rt worden.
Der Telegram-Kanal Grey Zone, den Prigoschin zur Verbreitung seiner Videos nutzte, meldete gestern Abend den Tod des Chefs der Privatarmee Wagner.
Die Luftfahrtbehörde Rosawiazija veröffentlichte eine Passagierliste, auf der unter anderen Prigoschin und der offizielle Wagner-Kommandeur Dmitri Utkin standen. Alle zehn Insassen seien ums Leben gekommen, teilte der russische Zivilschutz mit. Eine amtliche BestĂ€tigung oder eindeutige Belege fĂŒr den Tod des langjĂ€hrigen Vertrauten von Kremlchef Wladimir Putin gab es bis zum Morgen nicht.
Im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine hatten Prigoschin und die KĂ€mpfer seiner Privatarmee Wagner eine groĂe Rolle gespielt, insbesondere bei der verlustreichen Eroberung der Stadt Bachmut. Am Donnerstag ist es genau anderthalb Jahre her, dass Putin den Angriff auf das Nachbarland befahl. Die Invasion begann am 24. Februar 2022. Am Donnerstag ist auch der Nationalfeiertag, an dem die Ukraine ihre 1991 erklĂ€rte UnabhĂ€ngigkeit feiert. PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj versprach bei einer Konferenz, dass das Land die 2014 von Russland annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim zurĂŒckholen werde.
Russischer MilitÀrblogger spricht von Mord
Der Embraer-Privatjet, auf dessen Passagierliste Prigoschin stand, war gestern nordwestlich von Moskau im Gebiet Twer abgestĂŒrzt. Zur Ursache gab es keine offiziellen Angaben, die Ermittlungen der Behörden begannen erst. Allerdings verbreiteten Grey Zone und einige MilitĂ€rblogger die These, dass der Absturz kein Unfall gewesen sei. Grey Zone sprach von einem Abschuss durch die russische Flugabwehr. ĂberprĂŒfen lieĂ sich diese Behauptung nicht. «Prigoschin starb als Ergebnis der Handlungen von VerrĂ€tern Russlands», hieĂ es in einem Post.
«Der Mord an Prigoschin wird katastrophale Folgen haben», schrieb der MilitĂ€rjournalist Roman Saponkow auf Telegram. «Die Leute, die den Befehl gegeben haben, verstehen nichts von der Stimmung in der Armee und ihrer Moral.» Prigoschin war wegen seiner Kritik an der regulĂ€ren ArmeefĂŒhrung und einigen Erfolgen seiner Söldner auf dem Schlachtfeld beliebt bei Soldaten.
Auf den Tag genau zwei Monate vor seinem Tod meuterten die Wagner-Truppen und marschierten auf Prigoschins GeheiĂ auf Moskau zu, wobei die HintergrĂŒnde dieser Ereignisse bis heute unklar sind. FĂŒr Russlands PrĂ€sidenten Putin, der keine öffentliche Infragestellung seiner AutoritĂ€t duldet, war es eine beispiellose ErschĂŒtterung seiner Machtposition. Er nannte Prigoschin daraufhin einen VerrĂ€ter. Und selbst wenn sich beide MĂ€nner spĂ€ter noch einmal trafen, gingen viele Experten davon aus, dass Putin seinem einstigen Intimus den Ungehorsam nicht verzeihen werde.
Als der heutige PrĂ€sident noch in der St. Petersburger Stadtverwaltung arbeitete, soll er in Prigoschins Restaurant eingekehrt sein. SpĂ€ter machte Prigoschin, der mehrere Jahre wegen Raubs in Haft saĂ, als Essenslieferant fĂŒr den Kreml Karriere, daher rĂŒhrt sein Beiname «Putins Koch».
Die von ihm aufgebaute Söldnertruppe Wagner erfĂŒllte fĂŒr Russlands Staatsmacht erst inoffizielle SpezialauftrĂ€ge in Syrien, spĂ€ter auch in mehreren Staaten Afrikas und kĂ€mpfte schlieĂlich in der Ukraine. Zuletzt meldete sich der SöldnerfĂŒhrer am Montag mit einem Video aus Afrika zu Wort. Unklar ist, was aus den mehreren Tausend Wagner-KĂ€mpfern wird, die nach der Meuterei nach Belarus gegangen sind und nun ihren AnfĂŒhrer verloren haben.
Biden: Putin steckt hinter vielen Dingen in Russland
Der kremltreue russische Fernsehsender Zargrad stellte ebenfalls den Verdacht eines Mordkomplotts gegen Prigoschin in den Raum. Er gab aber dem ukrainischen MilitĂ€rgeheimdienst die Schuld am Absturz des Flugzeugs. Der ukrainische PrĂ€sidentenberater Mychajlo Podoljak erklĂ€rte in Kiew, es sei offensichtlich, dass Putin niemandem fĂŒr jene Angst vergeben werde, die ihm die Meuterei eingeflöĂt habe. Prigoschins Schicksal sei ein Signal an die russische Elite, dass jede IlloyalitĂ€t mit dem Tod bestraft werde.
US-PrĂ€sident Joe Biden schien sich nicht ĂŒber Prigoschins Flugzeugabsturz zu wundern. Er wisse nicht genau, was passiert sei, sei aber nicht ĂŒberrascht, sagte Biden am Rande eines Urlaubs im US-Bundesstaat Kalifornien. Auf die Frage von Reportern, ob der Absturz seiner Ansicht nach auf das Konto Putins gehe, sagte Biden: «Es gibt nicht viel, was in Russland passiert, hinter dem Putin nicht steckt.» Er wisse aber nicht genug, um die Frage beantworten zu können.
Deutsche Politiker kommentieren den Fall
Der Absturz zeigt nach Ansicht fĂŒhrender GrĂŒner, dass mit Putin keine verlĂ€sslichen Vereinbarungen möglich sind. «Es ist offensichtlich, dass Russland ein Terrorstaat ist, mit dem keine Vereinbarungen getroffen werden können», sagte Parteichef Omid Nouripour der «Augsburger Allgemeinen».
Der Europaausschuss-Vorsitzende im Bundestag, Anton Hofreiter (GrĂŒne), wies im Fernsehsender Welt darauf hin, dass Putin Prigoschin nach dem Ende der Söldner-Meuterei Straffreiheit zugesagt hatte. «Putin zeigt mal wieder: Er ist Herrscher eines Verbrecherstaates, dessen Wort nichts wert ist.» Er zeige, dass man «nicht eine Sekunde glauben sollte, dass man verlĂ€sslich mit ihm verhandeln kann».
Beide erinnerten an zahllose gewaltsame TodesfÀlle politischer Gegner Putins und von GeschÀftsleuten und Journalisten in den vergangenen Jahren. Wohl mit Blick auf den Tod der Flugzeugbesatzung sagte Nouripour: «Dass bei diesen Machtdemonstrationen auch Unbeteiligte sterben, wird billigend in Kauf genommen.»
Die EU will Prigoschins mutmaĂlichen Tod vorerst nicht kommentieren. Man habe die Berichte ĂŒber den Flugzeugabsturz gesehen, aber die Informationen lieĂen sich nur sehr schwer verifizieren, sagte ein Sprecher des AuswĂ€rtigen Dienstes. «Kaum etwas, was in diesen Tagen aus Russland kommt, ist glaubwĂŒrdig.» Zu möglichen politischen Folgen der jĂŒngsten Entwicklungen wollte sich der Sprecher ebenfalls nicht Ă€uĂern. «Zum derzeitigen Zeitpunkt wĂ€re das reine Spekulation», erklĂ€rte er.
Ukrainische Flagge weht ĂŒber Robotyne
Die unter groĂen MĂŒhen laufende Gegenoffensive der Ukraine im SĂŒden des Landes geht derweil weiter. Der Oberkommandierende Walerij Saluschnyj veröffentlichte ein Video, dass die ukrainische Flagge ĂŒber dem seit Wochen umkĂ€mpften Ort Robotyne zeigt. An diesem Ort im Gebiet Saporischschja hat sich die ukrainische Armee am weitesten durch die stark verminte russische Verteidigung gekĂ€mpft.
PrĂ€sident Selenskyj wies unterdessen auslĂ€ndische Kritik an einer angeblich falschen Aufstellung der Armee zurĂŒck. «WeiĂ ein Experte, wie viele Menschen, wie viele Besatzer sich im Osten aufhalten? UngefĂ€hr 200.000!», sagte er in Kiew. Wenn er die Truppen im SĂŒden verstĂ€rke, werde Russland im Osten durchbrechen. «Wir werden Charkiw, den Donbass, Pawlohrad oder Dnipro nicht aufgeben.» Er reagierte auf ĂuĂerungen von US-MilitĂ€rs und anderen Experten in der «New York Times», wonach die Ukraine zu wenige Einheiten im SĂŒden konzentriere. Deshalb stocke der Vormarsch in Richtung Asowsches Meer.
Selenskyj: Die Ukraine handelt nicht mit ihren Menschen
Bei einem Gipfeltreffen der sogenannten Krim-Plattform stellte Selenskyj eine RĂŒckholung der gleichnamigen Halbinsel in Aussicht. «Die Krim wird befreit. Wie auch alle anderen Teile der Ukraine, die jetzt unter den (russischen) Besatzern sind», sagte der Staatschef in Kiew.
Bereits jetzt seien Dutzende Unternehmen bereit, auf der Halbinsel zu investieren, wenn sie wieder unter ukrainischer Kontrolle sei. Erneut erteilte er der der Idee eine Absage, im Austausch fĂŒr Frieden Gebiete an Russland abzutreten. «Die Ukraine handelt nicht mit Territorium, denn die Ukraine handelt nicht mit Menschen, Punkt», sagte er.
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