Strategische Huthi-Offensive: Miliz kontrolliert Rotmeerküste und Zugang zu Bab al-Mandab
Veröffentlicht am: 18.09.2026 um 05:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSIn einer Blitzoffensive hat die Huthi-Miliz in der vergangenen Woche die gesamte Rotmeerküste des Jemen erobert und damit direkten Zugriff auf die Meerenge Bab al-Mandab gewonnen, eine der wichtigsten Wasserstraßen für den Welthandel.
Blitzoffensive am Roten Meer
Die Huthi, die sich selbst Ansar Allah (Helfer Gottes) nennen, kontrollieren nun nach dpa-Angaben die Küste von der Hafenstadt Mokka bis hinunter zur Meerenge Bab al-Mandab. Über den Wasserweg verlaufen zentrale Schifffahrtsrouten zwischen Europa und Asien. Befürchtungen, die Miliz könnte die Passage unmittelbar blockieren, haben sich bislang nicht bestätigt. Zugleich gilt: An der Huthi-Herrschaft im Norden des Landes und in der Hauptstadt Sanaa führt politisch und militärisch kein Weg mehr vorbei.
Ursprung und Ideologie der Bewegung
Die Bezeichnung Huthi geht auf den Gründer Hussein al-Huthi zurück, dessen Familie ihren Stammbaum auf den Prophetenenkel Hasan ibn Ali zurückführt und damit eine traditionelle Vorrangstellung beansprucht. Der offizielle Name der Bewegung lautet Ansar Allah. Ideologisch sind die Huthi aus der zaiditischen Strömung des schiitischen Islams hervorgegangen, die lange als vergleichsweise rational geprägt galt. Nach Einschätzung der Jemen-Expertin Marieke Brandt wollen die Huthi dieses Erbe bewusst hinter sich lassen und allein die Lesart ihres Gründers zulassen. Zugleich treten sie als Gegenbewegung zum fundamentalistisch-sunnitischen Salafismus auf, der sich mit Unterstützung Saudi-Arabiens in ihrem Kerngebiet ausbreitete.
Antiwestliche Parolen und iranischer Einfluss
Politisch ist die Bewegung nach Brandt stark vom iranischen Anti-Imperialismus inspiriert. Hussein al-Huthi galt als glühender Verehrer des Revolutionsführers Chomeini und der iranischen Revolution von 1979. Die Bewegung trägt ausgeprägt antiamerikanische, antiisraelische und antisemitische Züge, was sich etwa in ihrem Kampfruf mit Forderungen nach Tod für Amerika und Israel sowie einem Fluch über Juden zeigt. Gleichzeitig verstehen sich die Huthi als Teil einer schiitischen „Achse des Widerstands“, in der sie mit der Islamischen Republik Iran kooperieren.
Aufstieg zur militärischen Macht
Die heutige Stärke der Huthi ist den Angaben zufolge Ergebnis eines jahrzehntelangen Aufbauprozesses, der seit etwa 2009/2010 vom Iran unterstützt wurde. Seit 2014 kontrollieren sie den Norden Jemens und die Hauptstadt Sanaa, wobei sie staatliche Strukturen einschließlich Verwaltung und Militär übernahmen. Nach Darstellung Brandts haben die Huthi gelernt, eigene Waffen aus kommerziell beschafften Komponenten zu bauen. Der Gaza-Krieg, in dem sie aus Solidarität mit der Hamas Raketen auf Israel abfeuerten, trug dazu bei, dass sie sich als regionale Akteure etablierten.
Quasi-staatlicher Akteur mit globaler Hebelwirkung
Brandt bewertet die Huthi heute nicht mehr als einfache Rebellengruppe, sondern als hochgerüsteten quasi-staatlichen Akteur mit breit angelegten Rekrutierungsnetzwerken. Die Miliz könne globale Energiemärkte beeinflussen und internationale Schifffahrtsrouten bedrohen. Ihre Macht beruhe auf intensiver ideologischer Indoktrinierung der Bevölkerung sowie dem Aufbau eines straff organisierten Militär- und Überwachungsstaates. Der gemeinsame Widerstand gegen äußere Feinde stabilisiere das System, während ein echter Frieden nach Einschätzung der Expertin die inneren Konflikte offenlegen würde.
Hintergründe der jüngsten Eskalation
Die aktuelle Offensive ist Teil einer seit einigen Monaten andauernden Eskalation. Eine seit 2022 bestehende Waffenruhe wurde von den Huthi beendet, nachdem Saudi-Arabien einen Flug aus Teheran nach Sanaa verhindert hatte. In der Folge griffen sie Saudi-Arabien mit Raketen an und attackierten dessen Verbündete im Jemen. Zuletzt eroberten sie die Hafenstadt Mokka sowie mehrere Inseln entlang der Rotmeerküste bis zur Meerenge Bab al-Mandab, die das Rote Meer mit dem Golf von Aden verbindet.
Verflechtung mit regionalen Konflikten
Brandt sieht einen engen Zusammenhang zur Auseinandersetzung zwischen den USA und Iran. Für Saudi-Arabien habe Bab al-Mandab als alternative Ölexportroute angesichts der Blockade der Straße von Hormus stark an Bedeutung gewonnen. Damit verfügen die Huthi über einen zusätzlichen strategischen Hebel in den regionalen Machtkämpfen. Gleichzeitig bleibe die international anerkannte Regierung Jemens schwach, von internen Machtkämpfen geprägt und bislang nicht in der Lage, eine glaubwürdige Alternative zur Huthi-Herrschaft zu bieten.
Schwäche der Gegner als Erfolgsfaktor
Nach Einschätzung Brandts haben die Huthi ihren Erfolg nicht nur ihrer eigenen Organisation, sondern auch der Zerstrittenheit ihrer Gegner zu verdanken. Die gegnerischen Kräfte im Jemen blieben konstant unter ihren Möglichkeiten, sodass die Miliz ihre Position Schritt für Schritt ausbauen konnte. Die jüngste Eroberung der Rotmeerküste stärkt ihre Verhandlungsposition gegenüber regionalen und internationalen Akteuren weiter.
Strategische Bedeutung von Bab al-Mandab
Die Kontrolle der Rotmeerküste und des Zugangs zur Meerenge Bab al-Mandab durch die Huthi-Miliz verändert das strategische Gleichgewicht am Südrand der arabischen Halbinsel deutlich. Bab al-Mandab verbindet das Rote Meer mit dem Golf von Aden und damit den Suezkanal mit dem Indischen Ozean. Über diese Route läuft ein erheblicher Teil des Welthandels zwischen Europa und Asien, darunter Öl, Gas und Containerfracht. Wenn die Huthi diese Passage militärisch kontrollieren, wächst ihr Einfluss weit über den Bürgerkrieg im Jemen hinaus.
Regionale Machtkonflikte und Energiewege
Die jüngste Offensive steht zugleich im Kontext der regionalen Rivalität zwischen Saudi-Arabien und Iran. Die Huthi positionieren sich als Teil einer „Achse des Widerstands“, die der Islamischen Republik Iran zusätzliche Hebel im Konflikt mit den USA und ihren Verbündeten verschafft. Die dpa-Einschätzung, dass Bab al-Mandab als alternative Ölexportroute noch wichtiger geworden ist, unterstreicht, weshalb die Kontrolle dieser Küstenlinie für Riad und andere Golfstaaten sicherheitspolitisch brisant ist. Zugleich erhöht sich der Druck auf Reedereien und Versicherer, die Risiken von Angriffen, Blockaden oder Raketenbeschuss in ihre Routenplanung und Prämien einkalkulieren müssen.
Innenpolitische Spannungen und globale Folgen
Innenpolitisch stützen sich die Huthi auf eine ideologisch stark geprägte Herrschaftsstruktur, die nach Einschätzung von Expertin Marieke Brandt auf einem eng überwachten Militär- und Sicherheitsapparat basiert. Ihre militärische Stärke und der Zugriff auf internationale Handelswege verschaffen ihnen Verhandlungsmacht gegenüber einer schwachen, zersplitterten Gegenregierung. Für internationale Akteure bedeutet dies, dass diplomatische Ansätze zur Befriedung des Konflikts den Huthi de facto einen Platz am Tisch einräumen müssen. Zugleich steigt das Risiko, dass lokale Eskalationen im Jemen rasch globale Folgen für Energiepreise, Lieferketten und die maritime Sicherheit im Roten Meer entfalten.
