Gaza-Krieg: Ringen um die Freilassung weiterer Geiseln
25.11.2023 - 18:26:09Trotz der Einhaltung der Feuerpause im Gaza-Krieg ist die erwartete Freilassung weiterer Geiseln aus der Gewalt der islamistischen Hamas ins Stocken geraten. In letzter Minute stoppte die Terrororganisation die unmittelbar bevorstehende Ăbergabe einer zweiten Gruppe Geiseln an Israel.
Als Grund nannte die PalĂ€stinenserorganisation, dass Israel aus ihrer Sicht gegen einen Teil des Geisel-Deals verstoĂen habe. Sie warf Israel vor, Hilfslieferungen nicht wie vereinbart auch in den nördlichen Teil des Gazastreifen ermöglicht zu haben.
Ob dies tatsĂ€chlich Teil des von Katar vermittelten Abkommens zwischen den beiden Konfliktparteien war, blieb zunĂ€chst unklar. In Israel war zunĂ€chst immer die Rede davon, Transporte mit HilfsgĂŒtern wie Nahrung und Treibstoff in den SĂŒden zu ermöglichen, wo sich Zehntausende PalĂ€stinenser vor den KĂ€mpfen im Norden hingeflĂŒchtet haben. Auch gab der militĂ€rische Arm der Hamas an, Israel halte sich auĂerdem bei der Freilassung von HĂ€ftlingen nicht «an die vereinbarten Standards».
Zuvor hatte es Berichte gegeben, dass die Ăbergabe der Geiseln bereits begonnen habe. Es war nach unterschiedlichen Angaben von 13 oder 14 Israelis die Rede, die in der zweiten Gruppe freigelassen werden sollten. Die Geiseln sollten Berichten zufolge sogar bereits an das Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) ĂŒbergeben worden sein. Eine BestĂ€tigung gab es dafĂŒr nicht. Unklar war zunĂ€chst auch, wie lange die angekĂŒndigte Verzögerung dauern wird. Auch war offen, wie Israel auf die Verzögerung reagieren wĂŒrde.
Am Freitag waren 24 Geiseln - 13 Israelis sowie 11 AuslĂ€nder - freigekommen. Unter ihnen waren auch vier Deutsch-Israelis. Im Gegenzug wurden 39 palĂ€stinensische HĂ€ftlinge aus israelischen GefĂ€ngnissen entlassen. Das Abkommen zwischen Israel und der Hamas sieht vor, dass fĂŒr jede Geisel aus Israel drei palĂ€stinensische HĂ€ftlinge freikommen sollen. So war auch wieder die Freilassung von mindestens 39 HĂ€ftlingen erwartet worden.
Biden begrĂŒĂte Freilassung der ersten Gruppe
Die Erleichterung ĂŒber die Freilassung der ersten Geiseln nach Beginn der viertĂ€gigen Feuerpause am Freitag war zunĂ€chst groĂ. Doch war die Freude getrĂŒbt durch die Verzögerung und die Sorge um die weiter in Gefangenschaft verbleibenden mehr als 200 Verschleppten.
Nach der Freilassung der ersten Geiseln am Freitag hatte US-PrĂ€sident Joe Biden noch seine Hoffnung geĂ€uĂert, dass dies «erst der Anfang» sei. Bundeskanzler Olaf Scholz forderte, die Hamas mĂŒsse «alle Geiseln bedingungslos freilassen».
BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier, der am Sonntag zu einem Besuch nach Israel reist, sagte in einer Videobotschaft: «Ich bin unendlich froh, dass die Freilassungen erster Geiseln, auch von deutschen Geiseln, begonnen haben, darunter auch die beiden kleinen MĂ€dchen, deren Vater noch vor wenigen Wochen voller Verzweiflung hier im Schloss Bellevue vor mir saĂ.» Er dankte den Vermittlern. Zugleich betonte Steinmeier: «Der Weg zur Beendigung des Kampfes wird und kann nur ĂŒber die Freilassung der Geiseln fĂŒhren. Aller Geiseln!»
Emotionales Wiedersehen
Der Mann einer freigelassenen Deutschen Ă€uĂerte sich glĂŒcklich ĂŒber die RĂŒckkehr seiner Frau und ihrer gemeinsamen zwei kleinen Töchter am Freitag. Er werde aber nicht feiern, ehe nicht alle EntfĂŒhrten zurĂŒckkehrten, sagte der Angehörige auf HebrĂ€isch bei Facebook. «Ich bin glĂŒcklich, dass ich meine Familie zurĂŒckbekommen habe.» Er wolle ihnen helfen, sich von dem schrecklichen Trauma, das sie erlitten hĂ€tten, zu erholen. «Es liegen noch schwierige Tage vor mir.» Medien zufolge wurden die Mutter und die beiden Kinder aus dem Haus der GroĂmutter entfĂŒhrt. Die GroĂmutter selbst sei bei dem Massaker der Hamas am 7. Oktober von Terroristen ermordet worden.
Die von Israel und der Hamas ausgehandelte Waffenruhe sollte eigentlich mindestens vier Tage dauern. GemÀà der Vereinbarung sollen in dieser Zeit insgesamt 50 Geiseln freikommen. Eine VerlÀngerung der Feuerpause auf bis zu zehn Tage ist möglich, wie das in dem Konflikt vermittelnde Golfemirat Katar mitgeteilt hatte. Insgesamt sieht die Vereinbarung eigentlich einen Austausch von bis zu 100 Geiseln aus Israel gegen bis zu 300 palÀstinensische HÀftlinge vor.
Transport von HilfsgĂŒtern lĂ€uft
Mit der Feuerpause rollte als Teil der Vereinbarung der Transport humanitĂ€rer Hilfe ĂŒber den Ă€gyptischen GrenzĂŒbergang Rafah in den SĂŒden des Gazastreifens, um die Not der Menschen zu lindern. Der PalĂ€stinensische Rote Halbmond sprach von 196 Lastwagen. Es sollten demnach 260 Lastwagen sein. Am Morgen wurden schon Lebens- und Arzneimittel sowie Gas zum Kochen und Diesel in den KĂŒstenstreifen geliefert.
Klinikchefin: Geiseln körperlich in guter Verfassung
Die am Freitag nach Israel zurĂŒckgekehrten Geiseln wurden zunĂ€chst in KrankenhĂ€user in der NĂ€he von Tel Aviv gebracht und mit ihren Familien vereint. «Kein Auge blieb trocken», sagte eine Direktorin des israelischen Gesundheitsministeriums, Shoshy Goldberg, laut dem US-Nachrichtensender CNN auf einer Pressekonferenz vor Ort. Das israelische MilitĂ€r teilte mit, dass die 24 aus dem Gazastreifen freigelassenen Menschen in «gutem Zustand» seien.
Auslöser des jĂŒngsten Gaza-Kriegs war das schlimmste Massaker in der Geschichte Israels, das Terroristen aus dem Gazastreifen am 7. Oktober in Israel nahe der Grenze begangen hatten. Dabei wurden mehr als 1200 Menschen getötet. Etwa 240 Geiseln wurden nach Gaza verschleppt, auch mehrere Deutsche.
Israel reagierte mit massiven Luftangriffe, einer Blockade des Gazastreifens und begann Ende Oktober eine Bodenoffensive. Dabei wurden nach Angaben der islamistischen Hamas fast 15.000 Menschen getötet. Mehr als 36 000 wurden demnach verletzt. Die Zahlen lassen sich derzeit nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen.
Delegation aus Katar fĂŒr Geisel-Deal in Israel
Ăberraschend traf eine Delegation aus Katar in Israel ein. Das Golfemirat hatte die Abmachung ĂŒber die Feuerpause und die Freilasung der Geiseln ausgehandelt. Ein Teil des katarischen «Einsatzteams» solle vor Ort weitere Schritte absprechen und sicherstellen, dass «der Deal weiterhin reibungslos verlĂ€uft», sagte ein Diplomat der Deutschen Presse-Agentur. Katar pflegt gute Kontakte zur Hamas, unterhĂ€lt selbst aber keine diplomatischen Beziehungen zu Israel.
In der mindestens viertĂ€gigen Feuerpause sieht die Regierung Katars auch eine Vorlage fĂŒr eine mögliche VerlĂ€ngerung. «Wir haben die Formel, deshalb wird es leichter sein, einen zweiten Deal ĂŒber die BĂŒhne zu bringen», sagte Madschid al-Ansari, Sprecher des AuĂenministeriums, der Deutschen Presse-Agentur am Freitagabend.


