Ungarn feiert 70 Jahre Aufstand mit politischem Neubeginn
Veröffentlicht am: 23.10.2026 um 17:54 Uhr | dpa, AD HOC NEWSFolgen der sowjetischen Niederschlagung
- Am 4. November 1956 schlugen sowjetische Truppen den Aufstand in blutigen Straßenkämpfen nieder.
- Mehr als 200 Revolutionsteilnehmer wurden nach standgerichtlichen Prozessen hingerichtet.
- Rund 200.000 Ungarn flohen über Österreich in den Westen.
Ungarn verbindet 1956 mit politischem Neubeginn
Ungarns Regierung hat in Budapest mit Gästen aus ganz Europa den 70. Jahrestag des Aufstands gegen die kommunistische Herrschaft gefeiert. Ministerpräsident Peter Magyar stellte bei seiner Rede den Freiheitskampf von 1956 der politischen Neuausrichtung seines Landes gegenüber.
Feierstunde im Parlament
Der Aufstand begann am 23. Oktober 1956 mit einer Demonstration von rund 200.000 Menschen auf dem Kossuth-Platz vor dem Parlament. Zwölf Tage später, am 4. November, schlugen sowjetische Truppen die Erhebung blutig nieder.
Magyar sagte, wer nach 1956 einen Aggressor entschuldige oder das Volk den Interessen eines fremden Imperiums unterordne, habe die Botschaft des Aufstands nicht verstanden. Ungarn gehöre zum freien, demokratischen Westen und wolle dort ein zuverlässiger Partner sein.
Von der Leyen würdigt Kurswechsel
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen würdigte den Freiheitswillen der Ungarn und erklärte, Demokratie müsse immer wieder neu erkämpft werden. Mit Blick auf Magyars Wahlsieg sagte sie, in diesem Jahr sei in Ungarn die Demokratie wiedergeboren worden.
Unter den Gästen waren außerdem der Präsident des Europäischen Rats, António Costa, sowie Verkehrsminister Steffen Bilger aus Berlin. Bilger vertrat Bundeskanzler Friedrich Merz.
Aufstand gegen die sowjetische Herrschaft
Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet Ungarn in den Machtbereich der Sowjetunion. Unter militärischer Besatzung entstand eine kommunistische Diktatur; Parteien wurden verboten, politische Gegner verfolgt und Angehörige der besitzenden Schichten enteignet.
Am 23. Oktober 1956 stürzten Demonstranten eine zehn Meter hohe Stalin-Statue. Nach Schüssen der Staatssicherheit auf friedliche Demonstranten bewaffneten sich Aufständische, während Teile der Armee auf ihre Seite wechselten.
Nagy-Regierung scheitert an sowjetischer Intervention
Der Reformkommunist Imre Nagy übernahm die Regierung und kündigte politischen Pluralismus, Presse-, Versammlungs- und Religionsfreiheit an. Am 1. November erklärte er den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt.
Nach der Niederschlagung setzte Moskau Janos Kadar an die Spitze des Landes. Mehr als 200 Revolutionsteilnehmer wurden hingerichtet, 22.000 Menschen inhaftiert und 200.000 Ungarn flohen über Österreich in den Westen.
Erinnerung blieb lange tabu
Unter Kadar lockerte sich die Repression schrittweise, doch über den Aufstand durfte lange nicht gesprochen werden. Erst in den Wendejahren 1989/90 wurde die Erinnerung öffentlich, unter anderem bei der Neubestattung Nagys am 16. Juni 1989.
Viktor Orban, der damals als junger Studentenführer auftrat, entwickelte sich später zum dominierenden Politiker des Landes. Nach seiner Abwahl im Frühjahr dieses Jahres stehen die Gedenkfeiern nun auch im Zeichen der Abkehr von seinem autoritären und russlandnahen Kurs.
Der 70. Jahrestag des ungarischen Aufstands fällt in eine Phase, in der Budapest seine Beziehungen zur Europäischen Union neu ausrichtet. Die Teilnahme von Ursula von der Leyen und António Costa verleiht den Feiern eine europäische Dimension: Das Gedenken an den Widerstand gegen die sowjetische Herrschaft wird mit der Frage verbunden, welchen Platz Ungarn künftig innerhalb der EU und des westlichen Bündnisses einnimmt.
Historisch steht der 23. Oktober für den Beginn eines landesweiten Aufstands, der zunächst breite Teile der Bevölkerung und auch Angehörige der ungarischen Armee mobilisierte. Die sowjetische Intervention am 4. November beendete den Versuch, politische Freiheit und nationale Souveränität miteinander zu verbinden. Repression, Hinrichtungen, Haftstrafen und Flucht prägten die folgenden Jahre.
Europäische Bedeutung des Gedenkens
Die politische Wirkung des Jahrestags reicht deshalb über Ungarn hinaus. Die Erinnerung an 1956 dient als Maßstab für den Umgang mit autoritären Machtansprüchen, fremder Einflussnahme und der Bindung an demokratische Institutionen. Für die ungarische Bevölkerung verbindet sich das historische Gedenken zugleich mit einer aktuellen politischen Entscheidung: Der Machtwechsel verändert die europäische Gesprächslage, muss sich aber an konkreten Fortschritten bei Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung messen lassen.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Deutschlandfunk: „Feierlichkeiten zu 70 Jahre Ungarn-Aufstand“ (23.10.2026)
Der Beitrag hebt die europäischen Gäste, die Feierstunde im Parlament und den historischen Ablauf des Aufstands hervor. Anders als die dpa-Meldung konzentriert er sich stärker auf den Gedenkakt und die Opfer der anschließenden Repression.
Stern: „Historisches Gedenken: 70 Jahre Ungarn-Aufstand: Der lange Kampf um die Freiheit“ (23.10.2026)
Der Artikel ordnet den Jahrestag als Erinnerung an den Kampf gegen die sowjetische Herrschaft ein. Gemeinsam ist beiden Darstellungen der Blick auf den 23. Oktober 1956 und die Niederschlagung am 4. November; der Schwerpunkt des Stern liege stärker auf der historischen Freiheitsgeschichte.
Übereinstimmung besteht beim historischen Ablauf und der europäischen Beteiligung. Unterschiede zeigen sich vor allem bei der Gewichtung: Die dpa-Meldung verbindet das Gedenken ausführlich mit dem politischen Umbruch, während die gefundenen Beiträge stärker den historischen Jahrestag und die Gedenkveranstaltungen betonen.
