Leyen, Scheitern

Von der Leyen droht Scheitern beim Geschlechterziel

30.08.2024 - 04:10:36

Ursula von der Leyen will in ihrem neuen Team eigentlich nicht weniger Frauen als MĂ€nner haben. Die entscheidenden Regierungen der Mitgliedstaaten spielen allerdings nicht mit.

  • Bitten half nicht: Viele Mitgliedstaaten haben die Aufforderung von Ursula von der Leyen ignoriert, einen Mann und eine Frau zu nominieren. (Archivbild) - Foto: Philipp von Ditfurth/dpa

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  • Er ist einer der MĂ€nner, die bleiben sollen: der Franzose Thierry Breton. (Archivbild) - Foto: Patrick Pleul/dpa

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  • Das Berlaymont-GebĂ€ude der EU-Kommission: Werden hier kĂŒnftig wieder mehr MĂ€nner Spitzenpositionen bekleiden? (Archivbild) - Foto: Marcel Kusch/dpa

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Bitten half nicht: Viele Mitgliedstaaten haben die Aufforderung von Ursula von der Leyen ignoriert, einen Mann und eine Frau zu nominieren. (Archivbild) - Foto: Philipp von Ditfurth/dpaEr ist einer der MĂ€nner, die bleiben sollen: der Franzose Thierry Breton. (Archivbild) - Foto: Patrick Pleul/dpaDas Berlaymont-GebĂ€ude der EU-Kommission: Werden hier kĂŒnftig wieder mehr MĂ€nner Spitzenpositionen bekleiden? (Archivbild) - Foto: Marcel Kusch/dpa

EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen droht wegen mangelnder Kooperation von Mitgliedstaaten ein Scheitern ihrer PlĂ€ne fĂŒr ein ausgewogenes GeschlechterverhĂ€ltnis in ihrem neuen FĂŒhrungsteam. Kurz vor dem Ablauf einer Nominierungsfrist an diesem Freitag haben nach Recherchen der Deutschen Presse-Agentur deutlich mehr als die HĂ€lfte der Regierungen lediglich einen mĂ€nnlichen Kandidaten fĂŒr das Kollegium der Kommissare vorgeschlagen. Dieses soll wie bisher aus 27 Mitgliedern bestehen, wobei jeder Mitgliedstaat ein Kommissionsmitglied benennen darf und von der Leyen und die bereits nominierte Außenbeauftragte Kaja Kallas mitgezĂ€hlt werden.

Wenn sich an den Nominierungen nicht mehr viel Ă€ndert, könnte das neue Kollegium am Ende zu rund zwei Dritteln aus MĂ€nnern bestehen. Derzeit sind immerhin 12 der 27 Kommissionsmitglieder weiblich. Der FĂŒhrung der EU-Kommission sind rund 32.000 Mitarbeiter unterstellt, die unter anderem VorschlĂ€ge fĂŒr neue EU-Gesetze machen und die Wahrung der EuropĂ€ischen VertrĂ€ge ĂŒberwachen.

HauptstÀdte ignorieren Wunsch der Deutschen

Die im Juli wiedergewÀhlte PrÀsidentin von der Leyen hatte die Staats- und Regierungschefs der EU-Staaten eigentlich darum gebeten, sowohl einen Mann als auch eine Frau zu nominieren, um ein ausgeglichenes Geschlechtergleichgewicht in der Kommission zu ermöglichen. Ausgenommen von dieser Bitte waren eigentlich nur diejenigen Regierungen, die einen derzeit amtierenden Kommissar erneut nominieren.

Dies haben beispielsweise Frankreich, Ungarn und Lettland gemacht. So schickt Paris den derzeitigen Binnenmarktkommissar Thierry Breton ins Rennen, Ungarn Erweiterungskommissar Oliver Varhelyi und Lettland den derzeit fĂŒr Handelsfragen zustĂ€ndigen Valdis Dombrovskis.

Zuletzt kĂŒndigte beispielsweise DĂ€nemark an, den bisherigen Minister fĂŒr Entwicklungszusammenarbeit, Dan JĂžrgensen, als neuen dĂ€nischen EU-Kommissar nach BrĂŒssel schicken zu wollen. MinisterprĂ€sidentin Mette Frederiksen erklĂ€rte dazu, man mĂŒsse sich nicht dafĂŒr schĂ€men, nicht auch noch eine Frau nominiert zu haben. DĂ€nemark sei viele Jahre lang von Margrethe Vestager in der Kommission vertreten worden. 

Geschlechtergleichgewicht kann nicht eingeklagt werden

FĂŒr von der Leyen ist das Verhalten der Mitgliedstaaten Ă€rgerlich, ihr sind aber letztlich die HĂ€nde gebunden. Grund ist, dass die Regierungen rechtlich nicht verpflichtet sind, ihrer Aufforderung Folge zu leisten, sowohl einen Mann als auch eine Frau zu nominieren. Im EU-Vertrag ist lediglich festgehalten, dass in der Kommission «das demografische und geografische Spektrum der Gesamtheit der Mitgliedstaaten» zum Ausdruck kommen soll. Von GeschlechterparitĂ€t ist explizit nicht die Rede.

Die Auswahl von Kommissarinnen und Kommissaren fĂŒr die neue EU-Kommission ist der letzte große Schritt zur Neubesetzung von politischen Spitzenpositionen nach der Europawahl im Juni. Von der Leyen selbst war bereits kurz danach von den Staats- und Regierungschef der EU-Staaten fĂŒr eine zweite Amtszeit als PrĂ€sidentin der mĂ€chtigen Behörde nominiert und vom Europaparlament gewĂ€hlt worden. Sie muss nun die Nominierungen der Regierungen fĂŒr die Kommissarsposten entgegennehmen und dann eine Aufgabenverteilung vornehmen. 

Theoretisch kann sie so auch noch Druck auf Mitgliedstaaten ausĂŒben, doch noch eine Frau zu nominieren. Denn auch wenn die Kommissionsmitglieder ihre Aufgaben unabhĂ€ngig von der Politik ihrer HeimatlĂ€nder ausĂŒben mĂŒssen, haben Regierungen in der Regel ein Interesse daran, mit ihrem Kandidaten ein wichtiges Ressort zu besetzen. Als besonders einflussreich gelten etwa die fĂŒr Finanzen, Wirtschaft und Wettbewerb zustĂ€ndigen Kommissionsvertreter.

Mögliche Angebote an Mitgliedstaaten

Die Zeitung «Times of Malta» berichtete so diese Woche, dass von der Leyen Malta vorgeschlagen habe, statt dem frĂŒheren BĂŒrochef des Regierungschefs die aktuelle maltesische Kommissarin Helena Dalli erneut zu nominieren. Im Gegenzug könnte diese ein attraktiveres Ressort bekommen, als es Glenn Micallef bekommen wĂŒrde.

Von der Leyen selbst will sich zu Details des laufenden Auswahlverfahrens vorerst nicht Ă€ußern. Ihre Sprecher lassen lediglich wissen, dass die frĂŒhere deutsche Verteidigungsministerin mit den nominierten Personen GesprĂ€che fĂŒhre und den AuserwĂ€hlten dann vermutlich bis zum 11. September Aufgabenbereiche zuordnen werde. Erstmals soll es beispielsweise auch Kommissare fĂŒr Themen wie Verteidigung und Wohnen geben.

Droht ein Reputationsschaden?

Der italienische EU-Recht-Experte Alberto Alemanno warnte zuletzt, dass ein von MĂ€nnern dominiertes Kollegium eine SchwĂ€chung der AutoritĂ€t der PrĂ€sidentin der EU-Kommission bedeuten wĂŒrde. Er rief von der Leyen auf, den nationalen HauptstĂ€dten ihre Unzufriedenheit deutlich zu machen und sie zu bitten, schnellstmöglich eine neue Kandidatenliste aufzustellen, um ihren eigenen Reputationsschaden und den der gesamten EU zu begrenzen.

Nach EinschĂ€tzung des Professors könnte es sonst auch dazu kommen, dass schwache mĂ€nnliche KommissarsanwĂ€rter im EuropĂ€ischen Parlament nicht notwendige Zustimmung bekommen. Das hĂ€tte zur Folge, dass die Regierungen, die sie nominiert haben, einen neuen Kandidaten oder eine neue Kandidatin benennen mĂŒssten. Der Beginn der Amtszeit der neuen Kommission könnte sich dann in einer geopolitischen wichtigen Zeit hinauszögern. Eigentlich soll das neue Team von Ursula von der Leyen zum 1. November seine Arbeit aufnehmen - also kurz vor der PrĂ€sidentschaftswahl in den USA.

@ dpa.de