Mit Munition verseuchtes Land: Ukraine braucht Hilfe
17.10.2024 - 04:30:37Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine dauert mittlerweile mehr als zweieinhalb Jahre. Die Kampfhandlungen haben Hunderttausende Minen und andere KampfmittelrĂŒckstĂ€nde in Wohngegenden und auf Feldern hinterlassen, die noch explodieren können. Bei einer internationalen Konferenz zur MinenrĂ€umung geht es in Lausanne in der Schweiz nun darum, wie die humanitĂ€re MinenrĂ€umung - also die Entfernung von KampfmittelrĂŒckstĂ€nden aus Dörfern und etwa Ackerland - zentraler Bestandteil des sozialen und wirtschaftlichen Wiederaufbaus wird.
Was ist die Gefahr?
Landminen, Streumunition, nicht explodierte Granaten, Raketen oder abgestĂŒrzte Kampfdrohnen können beim versehentlichen BerĂŒhren oder Hantieren explodieren. Seit dem russischen Einmarsch am 24. Februar 2022 gab es in der Ukraine mehr als 1.000 Opfer durch Minen und nicht explodierte KampfmittelrĂŒckstĂ€nde. Davon kamen nach Regierungsangaben gut 300 ums Leben, allein 30 in diesem Jahr.
Ist das Minenproblem gröĂer als etwa in Syrien oder anderswo?Â
Die Vereinten Nationen sehen die Ukraine als das am stĂ€rksten verminte Land der Erde an. Potenziell gilt eine FlĂ€che doppelt so groĂ wie Bayern als Gefahrengebiet, plus verminte Meeresgebiete. Das UN-Entwicklungsprogramm UNDP sagt zwar, dass womöglich nur auf zehn Prozent der FlĂ€che wirklich Munition liege, aber das ganze Areal muss abgesucht werden. «Diese Risiken beeinflussen das Leben von ĂŒber sechs Millionen Ukrainern negativ», sagt der Leiter der nationalen ukrainischen MinenrĂ€umbehörde, Ruslan Berehulja.
Was ist in der Ukraine anders als in anderen minenverseuchten LĂ€ndern?
Zum einen habe Russland die Minen so dicht gelegt, wie es in kaum einem anderen Land vorkomme, sagt Gary Toombs von der Organisation Handicap International, die Minenopfern und Menschen mit Behinderungen weltweit hilft. Zum anderen gebe es neue Technologien: etwa Minen, die durch VerĂ€nderung des Magnetfelds oder ErschĂŒtterungen im Boden aktiviert werden, was die RĂ€umung zusĂ€tzlich kompliziere.
«Es gibt Geschosse, die ĂŒber dem Boden Spulen von Spann- und StolperdrĂ€hten herausschleudern, die dann ein Spinnennetz bilden», sagt er. Wer hineinlĂ€uft, löst die Explosion aus. Andere SpanndrĂ€hte hingen mit einer Art Angelhaken im Baum, der sich beim Vorbeigehen in Kleidung verfĂ€ngt. Durch den Zug werde der ZĂŒnder ausgelöst.
Wie schrÀnkt dies das Leben der Menschen ein?
«Landwirte können ihre Felder nicht bestellen, beschĂ€digte Kraftwerke bleiben auĂer Betrieb und Zivilisten bleiben aus ihren HĂ€usern vertrieben», sagt Jaco Cilliers, Vertreter des UN-Entwicklungsprogramms in der Ukraine. So bleibt auch die Wirtschaft teils lahmgelegt. An der Front ist das MilitĂ€r fĂŒr MinenrĂ€umung zustĂ€ndig, bei groĂer Infrastruktur die MinenrĂ€umbehörde. In Dörfern und Feldern geht es um humanitĂ€re MinenrĂ€umung.Â
Wie funktioniert die humanitÀre MinenrÀumung?
Vielfach mĂŒssen Felder nach einem ersten Einsatz von Maschinen Meter fĂŒr Meter mit Metalldetektoren abgesucht werden, sagt Markus Schindler. Der 36-JĂ€hrige aus Rosenheim arbeitet fĂŒr die FSD, eine schweizerische Stiftung fĂŒr MinenrĂ€umung.Â
«Unser Fokus liegt darauf, Dörfer in lĂ€ndlichen Regionen, die die Ukraine zurĂŒckerobert hat, wieder bewohnbar zu machen», sagt Schindler. Die FSD hat mehrere Hundert lokale MinenrĂ€umer. «Wir haben mehr Bewerber als Stellen, sehr viele Menschen möchten die Möglichkeit haben, etwas fĂŒr ihr Land zu tun», sagt Schindler.Â
An zwei verminten FuĂballplĂ€tzen in der Region Charkiw hĂ€tten MinenrĂ€umer mehrere Monate gearbeitet. Dort musste zur Sicherheit der Spieler jeder Munitionssplitter entfernt werden. Andernorts können zehnmal gröĂere Gebiete in wenigen Wochen gerĂ€umt werden. DemnĂ€chst will die FSD die FuĂballplĂ€tze mit einem Freundschaftsspiel FSD gegen die Dorfjugend wieder an die Gemeinschaft ĂŒbergeben, sagt Schindler.Â
Was muss darĂŒber hinaus getan werden?
Handicap International konzentriert sich auf RisikoaufklĂ€rung, «wie man sicher in einem Gebiet leben kann, bis die MinenrĂ€umer kommen», sagt Toombs. Schulungen gibt es in GemeindesĂ€len, Bunkern, Schulen und anderswo. Hauptbotschaft: «Wenn Du etwas VerdĂ€chtiges siehst, nicht anfassen, sondern Hilfe holen.»Â
Was ist schon gemacht worden?
Nach Angaben der ukrainischen Behörden sind im Land mehr als 2.100 MinenrĂ€umer im Einsatz. Sie haben nach Angaben des Zivilschutzes gut 1.500 Quadratkilometer â eine FlĂ€che so groĂ wie Berlin und Hamburg zusammen - untersucht und dabei ĂŒber 530.000 explosive GegenstĂ€nde unschĂ€dlich gemacht. Die Kosten, um das ganze Land weitgehend zu rĂ€umen, werden von der Regierung auf gut 30 Milliarden Euro geschĂ€tzt.









