Thailand, Kambodscha

Heftige KĂ€mpfe an der Grenze von Kambodscha und Thailand

09.12.2025 - 15:10:12

Von Friedensabsicht ist keine Rede mehr: An der Grenze der sĂŒdostasiatischen NachbarlĂ€nder wird wieder scharf geschossen. Nach Ansicht eines Experten könnte die Lage weiter eskalieren.

  • Tausende Menschen fliehen, weil ihre Dörfer nahe der Grenze zwischen Thailand und Kambodscha unter Beschuss geraten könnten.  - Foto: Heng Sinith/AP/dpa

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  • Viele Anwohner der Grenzregion haben sich auf den Weg gemacht.  - Foto: Wason Wanichakorn/AP/dpa

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  • In Thailand haben sich wegen der KĂ€mpfe viele Menschen aus der Grenzregion in Sicherheit gebracht.  - Foto: Sopa Saelee/AP/dpa

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Tausende Menschen fliehen, weil ihre Dörfer nahe der Grenze zwischen Thailand und Kambodscha unter Beschuss geraten könnten.  - Foto: Heng Sinith/AP/dpaViele Anwohner der Grenzregion haben sich auf den Weg gemacht.  - Foto: Wason Wanichakorn/AP/dpaIn Thailand haben sich wegen der KÀmpfe viele Menschen aus der Grenzregion in Sicherheit gebracht.  - Foto: Sopa Saelee/AP/dpa

Nur rund sechs Wochen nach Unterzeichnung eines Waffenruheabkommens zwischen Thailand und Kambodscha ist die Gewalt an der gemeinsamen Grenze vollends eskaliert. Vielerorts entlang der 800 Kilometer langen Grenze der sĂŒdostasiatischen LĂ€nder tobten am Dienstag heftige Gefechte. Zehntausende Bewohner des Grenzgebiets beider Seiten mussten in SchutzunterkĂŒnfte oder sicherere Landesteile flĂŒchten. 

Beide LĂ€nder gingen mit Soldaten am Boden und teils unter Einsatz schwerer GeschĂŒtze gegeneinander vor. Die thailĂ€ndische Luftwaffe flog nach Angaben einheimischer Medien weitere Angriffe auf mutmaßliche kambodschanische Armeestellungen. Ziel sei, das MilitĂ€r des Nachbarstaats langfristig zu dezimieren, zitierte die Zeitung «Bangkok Post» den Generalstabschef des MilitĂ€rs, Chaiyaphreuk Duangpraphat. Damit solle die Sicherheit der kĂŒnftigen Generationen in Thailand gewĂ€hrleistet werden. 

Kambodschas SenatsprĂ€sident Hun Sen erklĂ€rte, man habe zunĂ€chst ZurĂŒckhaltung gewahrt, um den am 26. Oktober vereinbarten Waffenstillstand zu respektieren. Doch inzwischen werde gekĂ€mpft, um sich zu verteidigen, und zwar mit «SchĂŒtzengrĂ€ben und Waffen aller Art».

Weitere Eskalation vorstellbar

Die aktuelle Rhetorik aus Bangkok lasse eine weitere Eskalation der Lage vermuten, sagte der Leiter der Forschungsgruppe Asien von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Felix Heiduk, der Deutschen Presse-Agentur. Der Kampf sei allerdings ein ungleicher: «Kambodschas Armee hat nur ein Drittel der GrĂ¶ĂŸe der Armee Thailands, das MilitĂ€rbudget ist weitaus geringer und das Land hat ĂŒberhaupt keine Luftwaffe», so der Experte der Stiftung mit Sitz in Berlin. Ob Thailand seine militĂ€rische Überlegenheit nutzen werde, um zum Beispiel Gebiete zu annektieren, sei allerdings reine Spekulation. Öffentliche Aussagen dazu gebe es bisher nicht. 

Hauptleidtragende des Konflikts sei in jedem Fall die Zivilbevölkerung auf beiden Seiten. Hunderttausende seien aus ihren Dörfern im Grenzgebiet vertrieben worden. Auch der grenzĂŒberschreitende Handel und die fĂŒr beide LĂ€nder wichtige Arbeitsmigration aus Kambodscha nach Thailand seien gestört, so Heiduk. «Aus wirtschaftlicher Sicht macht dieser Konflikt fĂŒr keine der beiden LĂ€nder irgendwie Sinn.»

Politisch berge die Eskalation allerdings eine Chance fĂŒr Thailands Übergangs-MinisterprĂ€sident Anutin Charnvirakul. Der dĂŒrfte Heiduk zufolge noch im Dezember Neuwahlen fĂŒr Anfang 2026 ausrufen: «In Umfragen liegt er, der aus dem konservativen, militĂ€rnahen Lager stammt, gegenĂŒber linken, progressiven KrĂ€ften zurĂŒck. Er könnte durchaus den Grenzkonflikt fĂŒr die eigene Darstellung als Verteidiger der thailĂ€ndischen SouverĂ€nitĂ€t innenpolitisch nutzen.»

Verletzte und Tote auf beiden Seiten

Kambodscha und Thailand beschuldigen sich seit Sonntag, eine zuletzt geltende Waffenruhe im Grenzgebiet zuerst verletzt zu haben. In Kambodscha kamen nach Angaben des Verteidigungsministeriums seit Montag mindestens sieben Zivilisten ums Leben, mindestens 20 wurden verletzt. ThailÀndische Medien meldeten unter Berufung auf das MilitÀr den Tod von vier Soldaten.

Das thailÀndische Nachrichtenportal «Khaosod» berichtete auf der Plattform X unter Berufung auf das MilitÀr von heftigen kambodschanischen Angriffen auf thailÀndisches Hoheitsgebiet, unter anderem mit Mörsern und Artillerie. Der «Bangkok Post» zufolge wurde auch die thailÀndische Marine eingesetzt, um in der Provinz Trat kambodschanische Soldaten aus dem von ihnen besetzten Grenzgebiet zu verdrÀngen. 

Weder die Angaben aus Phnom Penh noch aus Bangkok ließen sich zunĂ€chst unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen. 

Wurzeln des Konflikts liegen in Kolonialzeit

Das AuswÀrtige Amt warnt vor Reisen in das unmittelbare Grenzgebiet und rÀt auch von Reisen in Provinzen in GrenznÀhe ab. Touristen wird geraten, sich in die Krisenvorsorgeliste des AuswÀrtigen Amts einzutragen. 

Die NachbarlĂ€nder hatten nach schweren KĂ€mpfen im Juli Ende Oktober in Anwesenheit von US-PrĂ€sident Donald Trump auf dem Asean-Gipfel in Malaysia eine ErklĂ€rung fĂŒr einen Weg Richtung Frieden unterzeichnet. Doch bereits im November wurde die vereinbarte Feuerpause nach einem neuerlichen Vorfall an der Grenze ausgesetzt. Jenes Abkommen sei «inhaltlich sehr dĂŒnn» und von gegenseitigem Misstrauen begleitet gewesen, sagte Heiduk dazu. 

Allein der wirtschaftliche Druck durch die Androhung höherer Zölle seitens Trump und dessen Inszenierung als Friedensstifter reichten nicht aus, um einen echten Friedensprozess anzustoßen. 

Problematische Grenzziehung in der Kolonialzeit

Die Wurzeln des Konflikts liegen in der Kolonialzeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Frankreich den Grenzverlauf festlegte, es aber zu Abweichungen in den dazu veröffentlichten Karten kam. Thailand - das damalige Königreich Siam - habe sich benachteiligt gefĂŒhlt, da einige wichtige Tempelanlagen aus der Zeit des Khmer-Imperiums auf der Seite Französisch-Indochinas lagen, erklĂ€rte der Experte Heiduk. 

Vor allem der Hindu-Tempel Prasat Preah Vihear ist ins Zentrum des Streits gerĂŒckt. Beide LĂ€nder beanspruchen das umliegende Gebiet der seit 2008 zum Unesco-Weltkulturerbe gehörenden Anlage an der Grenze. Immer wieder ist es schon in der Vergangenheit zu Gefechten zwischen den StreitkrĂ€ften beider LĂ€nder gekommen, was die Region unsicher macht - auch fĂŒr die vielen Pilger, die die dem Gott Shiva gewidmete StĂ€tte besuchen wollen.

@ dpa.de