Zukunft, Kolonialisierung

DÀnemark, Grönland und die UnabhÀngigkeit

02.06.2023 - 16:50:28

Vor 70 Jahren endete Grönlands Zeit als dĂ€nische Kolonie. Heute ist die grĂ¶ĂŸte Insel der Erde ein weitgehend autonomer Teil des Königreichs DĂ€nemark - und dort rumort es nun gewaltig.

  • Die Hauptstadt Grönlands: Wird das Land bald ein unabhĂ€ngiger Staat? - Foto: Julia WĂ€schenbach/dpa

    Julia WĂ€schenbach/dpa

  • Kandidaten der grönlĂ€ndischen Partei Siumut verteilen FlugblĂ€tter. - Foto: Emil Helms/Ritzau Scanpix/AP/dpa

    Emil Helms/Ritzau Scanpix/AP/dpa

Die Hauptstadt Grönlands: Wird das Land bald ein unabhÀngiger Staat? - Foto: Julia WÀschenbach/dpaKandidaten der grönlÀndischen Partei Siumut verteilen FlugblÀtter. - Foto: Emil Helms/Ritzau Scanpix/AP/dpa

Aki-Matilda HÞegh-Dam hat die Revolution eingelÀutet, ein bisschen zumindest. Als die junge Abgeordnete aus Grönland im Mai eine Rede im dÀnischen Parlament in Kopenhagen hielt, tat sie dies entgegen aller Konventionen in der Sprache ihrer Heimat: auf GrönlÀndisch.

Manche Parlamentarier waren erbost, bezeichneten ihr Verhalten als respektlos, provozierend und kindisch - schließlich spreche man doch DĂ€nisch im dĂ€nischen Parlament! Doch HĂžegh-Dam ging es nicht darum, dass ihre Parlamentskollegen verstanden, was sie sagte - sondern was sie damit letztlich zum Ausdruck bringen wollte.

Fehlende Gleichbehandlung

«Es ist ein Relikt aus der Kolonialzeit, dass wir im Saal weiterhin nur DÀnisch sprechen», sagte die Abgeordnete der Partei Siumut spÀter. «Wenn DÀnemark wirklich eine Reichsgemeinschaft wÀre, dann könnten wir auch die Sprache des jeweils anderen unterbringen.»

HÞegh-Dam hat eines der vier Mandate im dÀnischen Parlament inne, die Vertretern Grönlands und der FÀröer-Inseln vorbehalten sind, die jeweils zum Königreich DÀnemark zÀhlen. Sie macht kein Geheimnis daraus, dass es ihr an Gleichbehandlung in dieser Gemeinschaft fehlt.

Die 26-JĂ€hrige spricht das aus, was viele GrönlĂ€nder seit Jahrzehnten monieren: Von dĂ€nischer Seite fehlt es ihnen an Respekt und VerstĂ€ndnis fĂŒr ihre Belange, Kultur und IdentitĂ€t. In der Abschlussdebatte des dĂ€nischen Parlamentsjahres legte HĂžegh-Dam am Mittwoch nach und fragte, warum Grönland in der stundenlangen Debatte kaum eine Rolle gespielt habe.

Am Montag (5. Juni) ist es 70 Jahre her, dass sich DĂ€nemark 1953 seine bis heute geltende Verfassung gegeben hat. In dem Zuge endete damals auch der offizielle Kolonialstatus Grönlands. Die grĂ¶ĂŸte Insel der Erde wurde zu einem gleichwertigen Teil DĂ€nemarks, ihre Einwohner wurden dĂ€nische StaatsbĂŒrger. Und die DĂ€nen machten sich auf, Grönland nach ihren Vorstellungen zu modernisieren.

Der Prozess lief jedoch ĂŒberstĂŒrzt, ohne dass die GrönlĂ€nder nach ihrer Meinung dazu gefragt wurden, wie Forscher Ulrik Pram Gad vom DĂ€nischen Institut fĂŒr Internationale Studien sagt. Viele von ihnen hĂ€tten sich ĂŒberrumpelt gefĂŒhlt und die formale Dekolonisierung als den Beginn der eigentlichen Kolonisierung wahrgenommen.

LĂŒckenhafte UnabhĂ€ngigkeit

Seitdem hat Grönland weitreichende Autonomie mit eigener Regierung und eigenem Parlament erhalten. DĂ€nemarks Regierung entscheidet aber bis heute in Außen- und Sicherheitsfragen. Finanziell ist die Insel mit ihren knapp 57.000 Einwohnern noch stark von Kopenhagen abhĂ€ngig. DĂ€nemark gibt das im Gegenzug Mitspracherecht in der Arktis. Auf DĂ€nisch heißt dieses Modell «rigsfĂŠllesskab», Reichsgemeinschaft.

In dieser Gemeinschaft hat es regelmĂ€ĂŸig geknirscht, doch in diesem Jahr rumort es ganz gewaltig. Vor allem DĂ€nemarks Außenminister Lars LĂžkke Rasmussen eckt an, etwa durch die Auswahl eines arktischen Botschafters, ohne Grönland dabei zurate zu ziehen. UnverstĂ€ndnis lösten auch Verzögerungen beim Start von Untersuchungen zu schwangerschaftsvorbeugenden Spiralen aus, die grönlĂ€ndischen Frauen und MĂ€dchen in den 1960er Jahren eingesetzt worden waren.

«Derzeit herrscht kein gutes Zusammenarbeitsklima», stellte Grönlands Regierungschef MĂște B. Egede vor wenigen Tagen in der dĂ€nischen Zeitung «Politiken» fest. Die von HĂžegh-Dams Rede ausgelöste Debatte zeige, dass das VerhĂ€ltnis zwischen DĂ€nemark und Grönland im Augenblick «nicht auf dem Höhepunkt» sei.

In der Debatte um das dĂ€nisch-grönlĂ€ndische VerhĂ€ltnis schwingt dabei auch die Frage nach einer grönlĂ€ndischen UnabhĂ€ngigkeit mit. «Ich arbeite jeden einzelnen Tag dafĂŒr, dass das Ziel der SelbststĂ€ndigkeit nĂ€her rĂŒckt», sagte Egede zu «Politiken».

Blick in die Zukunft

Grönland, eines Tages ein unabhĂ€ngiger Staat? FĂŒr viele GrönlĂ€nder ist das ein lange gehegter Wunsch. Und Ende April hat die Insel einen Schritt getan, damit dies nicht bis in alle Ewigkeit Wunschdenken bleiben muss: Nach mehrjĂ€hrigen Vorarbeiten legte eine Kommission einen Entwurf fĂŒr eine mögliche erste grönlĂ€ndische Verfassung vor.

Das Parlament in der grönlĂ€ndischen Hauptstadt Nuuk ist nun an der Reihe, zu ĂŒberlegen, wie es mit dem Vorschlag weitergeht. Konkrete PlĂ€ne gibt es noch nicht, viele Fragen sind weiter offen.

«Formal wĂ€re Grönland jetzt bereit fĂŒr die UnabhĂ€ngigkeit», sagt Grönland-Experte Pram Gad ĂŒber den Entwurf. In der Praxis bleibe es aber noch ein weiter Weg. «Die Hauptsache ist, dass Grönland derzeit nicht ĂŒber die Ressourcen verfĂŒgt, um tatsĂ€chlich unabhĂ€ngig zu werden», sagt er. Der Insel wĂŒrden allein rund vier Milliarden dĂ€nische Kronen (knapp 540 Millionen Euro) fehlen, die sie derzeit an jĂ€hrlichem Blockzuschuss aus Kopenhagen erhĂ€lt.

Ob Grönland jemals finanziell gĂ€nzlich auf eigenen Beinen stehen kann, ist fraglich. Doch Pram Gad sieht neben dem bestehenden Status quo der Reichsgemeinschaft und der völligen Abkopplung von DĂ€nemark noch eine dritte Möglichkeit, eine Art Mittelweg: ein Abkommen ĂŒber eine freie Assoziierung.

Solch ein Modell sind bis heute erst fĂŒnf Inselnationen im Pazifik entweder mit den USA oder mit Neuseeland eingegangen. Sie alle sind selbststĂ€ndig, haben aber eine Verbindung zu ihrer frĂŒheren Kolonialmacht behalten. Ein solches Abkommen könnte Grönland auch mit DĂ€nemark aushandeln - oder mit anderen Staaten.

«Mein wahrscheinlichstes Szenario wĂ€re, dass Grönland DĂ€nemark innerhalb von fĂŒnf bis zehn Jahren davon ĂŒberzeugt hat, ein solches Abkommen ĂŒber eine freie Assoziierung einzugehen», sagt Pram Gad. DĂ€nemark könnte einige der Finanzen schultern, bei der Verteidigung könnten auch die USA mit an Bord sein. In fĂŒnf bis zehn Jahren, sagt der Forscher, könnte Grönlands UnabhĂ€ngigkeit dann stehen - mit einem solchen Freiassoziierungsabkommen unmittelbar danach, sofern DĂ€nemark oder jemand anderes dies zulasse.

@ dpa.de