«Hölle von Gaza»: Israel ruft zur Flucht gen SĂŒden auf
13.10.2023 - 16:40:14Vor der erwarteten Bodenoffensive im Gazastreifen als Reaktion auf Hamas-GrĂ€uel hat das israelische MilitĂ€r mehr als eine Million PalĂ€stinenser zur Evakuierung aufgefordert. «Das MilitĂ€r ruft alle Zivilisten von Gaza-Stadt auf, ihre HĂ€user zu ihrer eigenen Sicherheit und zu ihrem Schutz Richtung SĂŒden zu verlassen», sagte Armee-Sprecher Jonathan Conricus am Freitag. Augenzeugen berichteten von Panik unter der Bevölkerung. Hilfsorganisationen reagierten empört.
Das UN-Hilfswerk fĂŒr PalĂ€stinensische FlĂŒchtlinge (UNRWA) warnte, der KĂŒstenstreifen werde angesichts der massiven israelischen Luftangriffe und der Abriegelung zu einem «Höllenloch und steht am Rande des Zusammenbruchs». Im israelisch besetzten Westjordanland kam es ebenfalls zu gewaltsamen ZusammenstöĂen zwischen PalĂ€stinensern und israelischen SicherheitskrĂ€ften mit zehn Toten und Dutzenden Verletzten.
UN-Chef fordert humanitÀren Gaza-Zugang
UN-GeneralsekretĂ€r AntĂłnio Guterres forderte einen sofortigen Zugang zum Gazastreifen fĂŒr humanitĂ€re Hilfe. «Auch Kriege haben Regeln», sagte Guterres vor Journalisten in New York, bevor er hinter verschlossenen TĂŒren an einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats zu dem Konflikt teilnehmen wollte. «Wir brauchen sofortigen humanitĂ€ren Zugang zu ganz Gaza, damit wir den BedĂŒrftigen Treibstoff, Nahrung und Wasser zukommen lassen können», forderte er mit Blick auf die israelische Blockade der KĂŒstenenklave.
Guterres sprach sich auch ausdrĂŒcklich gegen den Aufruf des israelischen MilitĂ€rs zur Massenevakuierung des nördlichen Gazastreifens aus. Ein solcher Schritt, der etwa 1,1 Millionen Menschen in dem dicht besiedelten PalĂ€stinensergebiet betreffe, sei «extrem gefĂ€hrlich - und in manchen FĂ€llen auch einfach nicht möglich», sagte Guterres. Er forderte auch die sofortige Freilassung aller von der islamistischen Hamas nach Gaza verschleppten Geiseln.
Journalist bei Gefechten an der libanesischen Grenze getötet
Gefechte gab es auch an der israelisch-libanesischen Grenze. Dort wurde ein Reuters-Journalist durch Beschuss getötet. «Mit groĂer Betroffenheit haben wir erfahren, dass unser Kameramann Issam Abdallah getötet worden ist», teilte eine Reuters-Sprecherin in London auf Anfrage mit. Zwei weitere Journalisten der Nachrichtenagentur seien verletzt worden. Mindestens vier weitere Medienschaffende wurden bei dem Vorfall verletzt. Der arabische Sender Al-Dschasira bestĂ€tigte, dass eine Reporterin und ein Kameramann des Senders unter den Verletzten seien.
In dem Gebiet hatte es zuvor einen Schusswechsel zwischen Israel und der libanesischen Hisbollah-Miliz gegeben. Von wem der Beschuss zuerst ausging, war zunÀchst nicht klar. Israels Armee bestÀtigte einen Angriff mit Panzer- und Artilleriefeuer auf libanesisches Gebiet. Zuvor habe es Attacken aus dem Libanon auf israelische Stellungen gegeben, hieà es. Israelische Soldaten hÀtten auf Posten der Hisbollah gezielt. Die Schiitenorganisation bestÀtigte ebenfalls Beschuss auf mehrere Ziele im Nachbarland Israel.
Frist fĂŒr Evakuierung, weitere Luftangriffe
Das israelische MilitĂ€r rief die Einwohner der Stadt Gaza am Freitag auf, bis 20.00 Uhr Ortszeit (19.00 Uhr MESZ) ihre Wohngebiete zu verlassen und sich weiter sĂŒdlich zu begeben. Ein Sprecher der Armee schrieb in arabischer Sprache auf X, man werde eine auf einer Karte eingezeichnete Fluchtroute bis zu diesem Zeitpunkt nicht angreifen. Die Einwohner von Beit Hanun sollten nach Chan Junis gehen, hieĂ es in der Mitteilung. Man werde weitere Anweisungen veröffentlichen.
Nach Angaben der israelischen Armee sind seit dem Massaker von Hamas-Terroristen im israelischen Grenzgebiet am Samstag mehr als 6000 Raketen aus dem Gazastreifen abgefeuert worden. Israel hat seit dem GroĂangriff der Hamas mehr als 1300 Tote und mehr als 3000 Verletzte zu beklagen. Hunderte Hamas-Terroristen waren vergangenen Samstag in Israel eingedrungen und hatten dort in Grenzorten und bei einem Musikfestival ein Massaker angerichtet.
Israelische Soldaten stoĂen vereinzelt in Gazastreifen vor
Die israelische Armee machte nach eigenen Angaben innerhalb der vergangenen 24 Stunden bereits mehrere begrenzte VorstöĂe auf das Gebiet des Gazastreifens. Armeesprecher Daniel Hagari schrieb bei X, vormals Twitter, Ziel dieser EinsĂ€tze sei es, «das Gebiet von Terroristen und Waffen zu sĂ€ubern». Dabei habe es auch BemĂŒhungen gegeben, Vermisste zu finden. Boden- und Panzertruppen hĂ€tten nach Spuren gesucht und «Terrorzellen ausgeschaltet».
Die israelische Luftwaffe setzte zudem ihre massiven Angriffe fort. Dutzende Kampfflugzeuge hĂ€tten 750 militĂ€rische Ziele angegriffen, teilte das MilitĂ€r am Freitagmorgen mit. Zu den Zielen gehörten demnach unterirdische Tunnel, militĂ€rische Einrichtungen, Wohnsitze hochrangiger Terroristen, die als militĂ€rische Kommandozentralen genutzt wĂŒrden sowie Waffenlager.
WHO: FĂŒr Schwerkranke kommt Evakuierung einem Todesurteil gleich
Ein Sprecher der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wies in Genf darauf hin, dass die Verlegung von schwer kranken und schwer verletzten Patienten aus dem nördlichen Gazastreifen unmöglich sei. «Solche Menschen zu transportieren, kommt einem Todesurteil gleich», sagte Sprecher Tarik Jasarevic.
Die Zahl der bei israelischen Angriffen im Gazastreifen getöteten PalĂ€stinenser ist auf mindestens 1900 gestiegen. Das teilte das dortige Gesundheitsministerium mit. Unter den Opfern seien 614 Kinder und Jugendliche. Mindestens 7696 weitere Menschen wurden demnach verletzt. Die KrankenhĂ€user, denen der Strom ausgeht, seien ĂŒberfĂŒllt. Medikamente wĂŒrden ebenso wie Trinkwasser und Nahrungsmittel wegen der Abriegelung durch Israel knapp.
Im Fernsehen war zu sehen, wie Menschen in Autos, auf Lastwagen, mit Eselskarren und zu FuĂ auf der einzigen HauptstraĂe des Gazastreifens Richtung SĂŒden unterwegs waren. Die Vereinten Nationen forderten Israel auf, die Anweisung zur Evakuierung zu widerrufen. Es drohe eine «katastrophale Situation», sagte ein UN-Sprecher. Es war völlig unklar, wo die vielen Menschen im SĂŒden des Gazastreifens bleiben und versorgt werden sollten.
Hamas behauptet: 13 Geiseln bei israelischen Luftangriffen getötet
Nach Angaben des militĂ€rischen Arms der Hamas im Gazastreifen sollen 13 der rund 150 aus Israel verschleppten Geiseln bei israelischen Luftangriffen getötet worden sein. Darunter sollen auch auslĂ€ndische Staatsangehörige sein, behaupteten die Al-Kassam-Brigaden in einer Stellungnahme. UnabhĂ€ngig konnten diese Angaben nicht ĂŒberprĂŒft werden. Die israelische Armee wollte den Bericht prĂŒfen.
Baerbock: «Wir sind alle Israelis»
AuĂenministerin Annalena Baerbock versicherte Israel bei einem Besuch die volle deutsche SolidaritĂ€t. «In diesen schrecklichen Tagen stehen wir an Ihrer Seite und fĂŒhlen mit Ihnen. In diesen Tagen sind wir alle Israelis», sagte die GrĂŒnen-Politikerin bei einem Treffen mit ihrem israelischen Kollegen Eli Cohen in Netivot in SĂŒdisrael in der NĂ€he der Grenze zum Gaza-Streifen. «Israels Sicherheit ist fĂŒr uns StaatsrĂ€son.» Am Nachmittag mussten Baerbock und ihre Delegation in Tel Aviv wegen eines Raketenalarms zeitweise in einen Schutzraum.
US-Verteidigungsminister Lloyd Austin sicherte Israel weitere militĂ€rische UnterstĂŒtzung zu. «Wir haben die US-Kampfflugzeugstaffeln im Nahen Osten aufgestockt, und das US-Verteidigungsministerium ist voll und ganz bereit, bei Bedarf zusĂ€tzliche Mittel einzusetzen», sagte er bei einer Pressekonferenz mit Israels Verteidigungsminister Joav Galant.
In ĂŒberwiegend islamisch geprĂ€gten LĂ€ndern wie Ăgypten, Jordanien, dem Irak, Pakistan oder dem Jemen wurde fĂŒr die Rechte der PalĂ€stinenser demonstriert. So schwenkten bei landesweiten Kundgebungen Demonstranten in Pakistan palĂ€stinensische Flaggen und skandierten Protest-Slogans gegen Israel, wie Fernsehbildern zeigten.











