UN-Resolution, Angriffe

UN-Resolution und Angriffe auf Gazastreifen

28.10.2023 - 06:37:47

Vor drei Wochen blickte die Welt geschockt auf die Terrorattacken der Hamas. Seitdem wehrt sich Israel mit immer neuen Angriffen auf den Gazastreifen. Eine UN-Resolution hat kaum mehr als Symbolwirkung. Die News.

  • PalĂ€stinenser trauern in Dair al-Balah um ein Kind, das bei der israelischen Bombardierung des Gazastreifens getötet wurde. - Foto: Ali Mahmoud/AP/dpa

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  • Eine nicht im Dienst befindliche israelische Soldatin, trĂ€gt wĂ€hrend eines Spaziergangs durch Tel Aviv ihre Waffe. - Foto: Francisco Seco/AP/dpa

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  • Menschen versammeln sich am Lincoln Memorial in Washington, um die Freilassung der von der Hamas in Gaza entfĂŒhrten Geiseln zu fordern. - Foto: J. Scott Applewhite/AP/dpa

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  • Eine pro-palĂ€stinensische Gruppe demonstriert in der Innenstadt von Frankfurt/Main. - Foto: Andreas Arnold/dpa

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PalĂ€stinenser trauern in Dair al-Balah um ein Kind, das bei der israelischen Bombardierung des Gazastreifens getötet wurde. - Foto: Ali Mahmoud/AP/dpaEine nicht im Dienst befindliche israelische Soldatin, trĂ€gt wĂ€hrend eines Spaziergangs durch Tel Aviv ihre Waffe. - Foto: Francisco Seco/AP/dpaMenschen versammeln sich am Lincoln Memorial in Washington, um die Freilassung der von der Hamas in Gaza entfĂŒhrten Geiseln zu fordern. - Foto: J. Scott Applewhite/AP/dpaEine pro-palĂ€stinensische Gruppe demonstriert in der Innenstadt von Frankfurt/Main. - Foto: Andreas Arnold/dpa

Drei Wochen nach dem verheerenden Massaker islamistischer Terroristen deuten neue Gegenattacken der israelischen Armee auf eine Intensivierung des Gaza-Kriegs hin. Nach etlichen Luftangriffen in der Nacht mehrten sich Vermutungen, dass die erwartete Bodenoffensive begonnen haben könnte.

Israels Armee bestĂ€tigte dies zunĂ€chst nicht - hatte zuvor aber angekĂŒndigt, ihre BodeneinsĂ€tze gegen die im Gazastreifen herrschende Hamas auszuweiten. Die Vollversammlung der Vereinten Nationen beschloss eine Resolution zur Verbesserung der humanitĂ€ren Lage und fĂŒr eine sofortige Waffenruhe im Gazastreifen. Dort hat sich die Lage mit dem Zusammenbruch des Kommunikationsnetzes nochmals verschĂ€rft.

Deutschland enthÀlt sich zu UN-Resolution

Die gestern (Ortszeit) in New York angenommene UN-Resolution erreichte in der Vollversammlung die notwendige Zweidrittelmehrheit. 120 LĂ€nder stimmten dafĂŒr, 14 dagegen - Deutschland gehörte zu den 45, die sich enthielten.

Resolutionen der UN-Vollversammlung sind nicht rechtlich bindend, ihnen wird eher symbolische Signalwirkung beigemessen - und in diesem Fall gibt das Votum auch Aufschluss ĂŒber das Stimmungsbild der Weltgemeinschaft im Konflikt zwischen Israelis und PalĂ€stinensern. Der mĂ€chtigere UN-Sicherheitsrat, dessen BeschlĂŒsse bindend sind, war zuvor mehrfach an der Verabschiedung einer Resolution mit Fokus auf der humanitĂ€rem Lage im Gazastreifen gescheitert.

Die nun verabschiedete Resolution verurteilt unter anderem jegliche Gewalt gegen die israelische und palĂ€stinensische Zivilbevölkerung, fordert die sofortige und bedingungslose Freilassung aller «illegal festgehaltenen» Zivilisten und verlangt ungehinderten Zugang fĂŒr humanitĂ€re Hilfe in den Gazastreifen. Außerdem wird zu einer «sofortigen dauerhaften und nachhaltigen humanitĂ€ren Waffenruhe» aufgerufen, die zur «Einstellung der Feindseligkeiten» fĂŒhren solle.

Israel reagiert empört, Hamas begrĂŒĂŸt UN-Beschluss

Außenministerin Annalena Baerbock begrĂŒndete die Enthaltung Deutschlands damit, dass das Papier nicht ausgewogen genug sei. «Weil die Resolution den Hamas-Terror nicht klar beim Namen nennt, die Freilassung aller Geiseln nicht deutlich genug fordert und das Selbstverteidigungsrecht Israels nicht bekrĂ€ftigt, haben wir mit vielen unserer europĂ€ischen Partner entschieden, der Resolution am Ende nicht zuzustimmen», teilte sie nach der Abstimmung mit.

Die Konfliktparteien selbst reagierten wie zu erwarten höchst unterschiedlich auf das Votum in New York. «Wir lehnen den verabscheuungswĂŒrdigen Ruf der UN-Generalversammlung nach einem Waffenstillstand entschieden ab», sagte Israels Außenminister Eli Cohen. «Israel beabsichtigt, die Hamas zu eliminieren.» So sei die Welt auch mit den Nazis und der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verfahren. Israels UN-Botschafter Gilad Erdan sprach von einem «dunklen Tag fĂŒr die UN und fĂŒr die Menschheit», der mit Schande in die Geschichte eingehen werde. Die Hamas begrĂŒĂŸte die Annahme der Resolution hingegen und forderte die UN auf, sofort Maßnahmen zu ihrer Umsetzung zu ergreifen.

Hamas spricht von israelischen BodeneinsÀtzen

Der militĂ€rische Arm der Islamistenorganisation behauptete, es habe BodeneinsĂ€tze der israelischen Armee und gewalttĂ€tige ZusammenstĂ¶ĂŸe in Beit Hanun im Norden des Gazastreifens sowie östlich des FlĂŒchtlingslagers Al-Bureidsch gegeben. Beide Orte liegen in GrenznĂ€he. UnabhĂ€ngig waren die Angaben der Al-Kassam-Brigaden vom spĂ€ten Freitagabend nicht zu ĂŒberprĂŒfen. Israels Armee hatte zuvor angekĂŒndigt, ihre BodeneinsĂ€tze dem dicht besiedelten KĂŒstengebiet auszuweiten.

Unklar war zunĂ€chst, ob die AnkĂŒndigung den Beginn der erwarteten Bodenoffensive darstellte. Die Armee hatte zuvor vereinzelte, zeitlich eng begrenzte VorstĂ¶ĂŸe am Boden gemacht. Jordaniens Außenministers Aiman Safadi Ă€ußerte sich ĂŒberzeugt: «Israel hat gerade einen Bodenkrieg gegen Gaza gestartet», schrieb er bei X. «Das Ergebnis wird eine humanitĂ€re Katastrophe von epischem Ausmaß ĂŒber Jahre sein.»

Israels MilitÀr tötet mehrere Hamas-KÀmpfer

Israels Armee hat nach eigenen Angaben im Gazastreifen mehrere KÀmpfer der islamistischen Organisation Hamas getötet. Israelische Kampfflugzeuge hÀtten zudem in der Nacht 150 Ziele angegriffen, teilte das israelische MilitÀr am Samstag in den sozialen Medien weiter mit. Darunter seien Tunnel sowie unterirdische RÀume und Infrastruktur gewesen. Ein dazu verbreitetes Video zeigte Aufnahmen von zahlreichen EinschlÀgen.

Sorge um Hamas-Geiseln nach Ausweitung der BodeneinsÀtze

Nach Ausweitung der israelischen BodeneinsĂ€tze im Gazastreifen haben rund 600 Menschen in Tel Aviv an einem SolidaritĂ€tslauf fĂŒr die dort festgehaltenen Geiseln teilgenommen. Sie trugen Startnummern mit Namen und Bildern der Geiseln, wie der israelische Sender Kan berichtete.

Die israelische Nachrichtenseite ynet berichtete, Angehörige der Geiseln hĂ€tten nach Ausweitung der BodeneinsĂ€tze ein dringendes Treffen mit dem sogenannten Kriegskabinett gefordert. «Diese Nacht war die bisher schlimmste von allen, und wir haben sie in großer Angst verbracht», zitierte ynet aus einer Stellungnahme der Angehörigen. Es herrsche große Ungewissheit hinsichtlich des Schicksals der Geiseln in Gaza, «die dort festgehalten werden und auch den schweren Bombardements ausgesetzt sind».

Keine Kommunikation im Gazastreifen - Sorge um Berichterstattung

Die humanitĂ€re Lage im Gazastreifen ist schon jetzt katastrophal - und könnte sich im Falle einer Bodenoffensive mit blutigen StraßenkĂ€mpfen zwischen WohnhĂ€usern, noch mehr Luftangriffen und möglicherweise auch Artilleriebeschuss nochmals verschĂ€rfen. Die PalĂ€stinensische Telekommunikationsgesellschaft erklĂ€rte zudem, dass nun auch alle Kommunikationsdienste und das Internet flĂ€chendeckend ausgefallen seien. Schuld sei die heftige Bombardierung durch die israelische Armee, teilte das im Westjordanland ansĂ€ssige Unternehmen Paltel mit.

Mehrere Hilfsorganisationen berichteten, den Kontakt zu ihren Mitarbeitern verloren zu haben. Der PalĂ€stinensische Rote Halbmond verlor den Draht zu allen Einsatzzentralen und Teams im Gazastreifen. Zu befĂŒrchten sei, dass die EinsatzkrĂ€fte keine medizinischen Notfalldienste mehr leisten könnten. Auch die Notrufzentrale sei von dem Ausfall betroffen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat nach eigenen Angaben ebenfalls keinen Kontakt mehr zu ihren Mitarbeitern und Einrichtungen.

Die Lage im Kampfgebiet ist auch fĂŒr Journalisten höchst gefĂ€hrlich, die unter Einsatz ihres Lebens von dort berichten. Das in den USA ansĂ€ssige Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) sprach von mehr als 29 getöteten Medienschaffenden seit der Terrorattacke der Hamas vor drei Wochen. Zudem warnte die Organisation, dass ein Ausfall des Kommunikationsnetzes auch verhindern könnte, dass weitere Nachrichten von dort verbreitet werden.

SolidaritĂ€t mit PalĂ€stinensern und Proteste fĂŒr Feuerpause

In Jordanien protestierten Tausende Menschen aus SolidaritÀt mit den PalÀstinensern im Gazastreifen. In der Hauptstadt Amman zogen die Mengen nach dem Freitagsgebet durch das Stadtzentrum, wie der Fernsehsender Al-Ghad berichtete.

Am Abend versammelten sich nach AnkĂŒndigung der ausgeweiteten BodeneinsĂ€tze durch Israel auch Demonstranten vor der israelischen Botschaft. Die Polizei setzte TrĂ€nengas ein, um sie auseinanderzutreiben, wie auf Videos in sozialen Medien zu sehen war. Auch in anderen arabischen LĂ€ndern gab es wieder SolidaritĂ€tsbekundungen fĂŒr die PalĂ€stinenser.

Im Westjordanland protestierten gestern Abend ebenfalls zahlreiche PalĂ€stinenser, wie israelische Medien berichteten. Auch in Ramallah, Hebron und vielen anderen Orten im Westjordanland gingen demnach Menschen auf die Straße, um ihre SolidaritĂ€t mit den zu großen Teilen Bewohnern des Gazastreifens zu zeigen. An der Grand Central Station in New York demonstrierten Hunderte Menschen fĂŒr eine Feuerpause.

Das wird heute wichtig

Abzuwarten bleibt, ob und wann die israelische Armee den Beginn ihrer Bodenoffensive offiziell verkĂŒndet. Im Gazastreifen harren die Menschen derweil weiter unter miserabelsten Bedingungen aus. Auch in mehreren deutschen StĂ€dten sind fĂŒr dieses Wochenende Kundgebungen zum Nahost-Konflikt angekĂŒndigt. Ein Schwerpunkt ist Berlin, wo heute und morgen verschiedene Demonstrationen, Kundgebungen und Mahnwachen angemeldet sind - sowohl pro-palĂ€stinensische als auch pro-israelische.

@ dpa.de