Schulze gibt Hilfsgelder fĂŒr Gaza frei - NervositĂ€t in Amman
07.11.2023 - 13:27:44Angesichts der wachsenden Not der Menschen im Gazastreifen nimmt Deutschland seine Entwicklungszusammenarbeit mit dem UN-Hilfswerk fĂŒr PalĂ€stina-FlĂŒchtlinge (UNWRA) wieder auf. Das gab Entwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) nach einem GesprĂ€ch mit UNWRA-Generalkommissar Philippe Lazzarini in der jordanischen Hauptstadt Amman bekannt. «Israels Kampf gilt ja der Hamas, aber die PalĂ€stinenserinnen und PalĂ€stinenser sind nicht die Hamas», erklĂ€rte Schulze ihre Entscheidung. Nach dem Ăberfall der islamistischen PalĂ€stinenserorganisation auf Israel vor einem Monat waren Gelder fĂŒr Entwicklungsprojekte vorĂŒbergehend blockiert worden.
Lazzarini lobte den Schritt und wiederholte die Forderung der Vereinten Nationen nach einer humanitĂ€ren Waffenruhe. Die Hilfslieferungen mit wenigen Lastwagen ĂŒber den Ă€gyptischen GrenzĂŒbergang Rafah seien nicht ausreichend. Er sagte: «Wir mĂŒssen den Trend der Belagerung umkehren, sonst wird die Belagerung zu einem der HauptgrĂŒnde dafĂŒr, dass Menschen im Gazastreifen sterben.»
Mehrere nicht ganz einfache Treffen
Der Termin mit Lazzarini ist nur eines von mehreren nicht ganz einfachen Treffen, die Schulze in Amman absolviert. Am Dienstag spricht sie auch mit Jordaniens MinisterprÀsidenten, Bisher al-Khasawneh. Er hat wenige Stunden zuvor die israelische Regierung gegen sich aufgebracht mit der Aussage, Versuche, PalÀstinenser aus dem Gazastreifen oder dem Westjordanland zu vertreiben, oder Bedingungen, das vorzubereiten, werde das Königreich als «KriegserklÀrung» betrachten. Wie die staatliche Nachrichtenagentur Petra berichtet, sagte er, die «brutalen Angriffe auf Krankenwagen und humanitÀre HilfskrÀfte» im Gazastreifen widersprÀchen «dem Prinzip der Selbstverteidigung». Eine gemeinsame Pressekonferenz mit Schulze und Al-Khasawneh gibt es - auf Wunsch der Jordanier - nicht.
Als die Entwicklungsministerin in einer Rede beim Besuch des kĂŒnftigen Deutsch-Jordanischen Zentrums fĂŒr ArbeitsmobilitĂ€t die «SolidaritĂ€t» der Jordanier bei der Aufnahme von «FlĂŒchtlingen aus Nachbarstaaten» lobt, zucken einige der jordanischen Regierungsvertreter zusammen - vielleicht weil sie die Warnung des Regierungschefs vor einer Vertreibung von PalĂ€stinensern nach Jordanien noch im Ohr haben.
«Etwas unterschiedliche EinschÀtzungen»
Schulze sagt, der jordanische Regierungschef habe die Bedeutung der Arbeit von UNWRA und einer Zwei-Staaten-Lösung fĂŒr Israel und die PalĂ€stinenser betont. Da sei man sich einig. In einem anderen Punkt aber nicht, sagt Schulze. Die Bundesregierung sei sich sicher, dass sich Israel an internationales Recht halte. «Die jordanische Regierung sagt, dass das, was an Leid an der Zivilbevölkerung jetzt schon sozusagen sichtbar ist, dass das nicht mehr vereinbar ist mit dem, was das Völkerrecht sagt.» Schulze fĂŒgt hinzu: «Da haben wir aber etwas unterschiedliche EinschĂ€tzungen.»
In Jordanien, wo ein GroĂteil der Bevölkerung palĂ€stinensischer Herkunft ist, herrscht groĂe SolidaritĂ€t mit den unter den israelischen Angriffen leidenden Bewohnern des Gazastreifens. Auf einem Werbeplakat in der Innenstadt von Amman wirbt ein AutohĂ€ndler damit, fĂŒr jeden verkauften Neuwagen 5000 jordanische Dinar (umgerechnet rund 6600 Euro) fĂŒr Gaza zu spenden.
Wachsende Not der Menschen im Gazastreifen
Die Bundesregierung hatte ihre Gelder fĂŒr Entwicklungsprojekte, die Vertriebenen in den PalĂ€stinensergebieten sowie palĂ€stinensischen FlĂŒchtlingen in den NachbarlĂ€ndern zugute kommen, nach dem Ăberfall der Hamas auf Israel vorĂŒbergehend gestoppt und - trotz bereits vorher geltender strikter Kriterien - eine eingehende ĂberprĂŒfung aller Projekte angekĂŒndigt. Konkret ging es den Angaben zufolge darum sicherzustellen, dass damit weder eine Verbreitung antisemitischer Denkmuster noch AnhĂ€nger der Hamas gefördert werden. Lazzarini sagt, die Namen der UNWRA-Mitarbeiter in den PalĂ€stinensergebieten wĂŒrden regelmĂ€Ăig Israel als Besatzungsmacht und auch der palĂ€stinensischen Autonomiebehörde vorgelegt.
Mit Blick auf die wachsende Not der Menschen im Gazastreifen und die zunehmend instabile Lage in einigen NachbarlĂ€ndern sei die weitere UnterstĂŒtzung fĂŒr UNRWA prioritĂ€r geprĂŒft worden, teilt das Entwicklungsministerium mit. Als erstes Teilergebnis sollen jetzt bereits geplante Zusagen in Höhe von 71 Millionen Euro fĂŒr UNRWA freigegeben und angesichts des gestiegenen Bedarfs zusĂ€tzliche 20 Millionen Euro zur VerfĂŒgung gestellt werden.
«Wollen das Leid lindern»
Schwerpunkte des mit deutschen Entwicklungsgeldern finanzierten UNRWA-Engagements im sĂŒdlichen Gazastreifen seien die dauerhafte Versorgung der Zivilbevölkerung mit Trinkwasser, sowie Hygiene und SanitĂ€ranlagen in NotunterkĂŒnften fĂŒr innerhalb des Gazastreifens vertriebene Menschen. «Wir sehen das groĂe Leid der palĂ€stinensischen Zivilbevölkerung in Gaza und wollen es lindern», betont Schulze.
Das AuswĂ€rtige Amt, das sich um kurzfristigere humanitĂ€re Hilfe kĂŒmmert, hatte am 20. Oktober angekĂŒndigt, Deutschland werde seine humanitĂ€re Hilfe fĂŒr die Menschen in den palĂ€stinensischen Gebieten um 50 Millionen Euro aufstocken.


