Wohnungsnot in Spanien: Zehntausende protestieren nach Zwangsräumung von 87-Jähriger
Veröffentlicht am: 27.09.2026 um 12:12 Uhr | dpa, AD HOC NEWSNach der Zwangsräumung der 87-jährigen Maricarmen Abascal haben in Madrid Zehntausende Menschen gegen Wohnungsnot, steigende Mieten und fehlenden Mieterschutz protestiert.
Teilnehmerzahlen gehen weit auseinander
Der Protest stand unter dem Motto «Ni una Maricarmen más» («Keine weitere Maricarmen»). Das Innenministerium sprach am Samstag von rund 25.000 Teilnehmern, der Mieterverband «Sindicato de Inquilinas» von 300.000.
Hunderte Menschen harrten anschließend über Nacht in Zelten auf der Puerta del Sol aus. Die Demonstranten forderten unter anderem besseren Schutz vor Zwangsräumungen, eine Begrenzung steigender Mieten und eine Reform des Mietrechts.
87-Jährige nach 70 Jahren aus Wohnung geholt
Maricarmen Abascal war 1956 mit ihren Eltern in die Wohnung im Madrider Stadtteil Retiro eingezogen und hatte später den Mietvertrag übernommen. Nachdem das Gebäude an ein Immobilienunternehmen verkauft worden war, sollte sie ausziehen, weil der alte Mietvertrag nicht mehr gültig sei.
Die neuen Eigentümer bekamen vor Gericht Recht. Nach mehreren gescheiterten Räumungsversuchen wurde Abascal am Mittwoch von Polizisten trotz des Widerstands von Unterstützern aus ihrer Wohnung geholt und in ein Krankenhaus gebracht.
Protestcamp erinnert an 15-M-Bewegung
«Ich habe es nicht geschafft, mein Haus zu verteidigen, aber ich habe dafür gekämpft, dass die anderen lernen, für ihres zu kämpfen», sagte Abascal in einer über den Mieterverband verbreiteten Botschaft. Im Interview des TV-Senders RTVE sagte sie: «Bitte, kämpft weiter.»
Die Zelte auf der Puerta del Sol erinnerten an die Protestbewegung 15-M, die den Platz 2011 wochenlang besetzt hatte. Die damaligen Demonstrationen richteten sich unter anderem gegen Korruption, Sparpolitik und soziale Ungerechtigkeit.
Forderungen an Regierung und Regionen
Die Demonstranten machen sowohl die linke Zentralregierung von Pedro Sánchez als auch konservative Regionalregierungen wie jene von Isabel Díaz Ayuso in Madrid für die Wohnungsnot verantwortlich. Sie verlangen unter anderem unbefristete Mietverträge, einen besseren Räumungsschutz, ein Einfrieren der Mieten sowie strengere Regeln für Zeitmietverträge und die Vermietung von Zimmern.
Die Podemos-Politikerin und Europaabgeordnete Irene Montero forderte die Enteignung von 650.000 Wohnungen, die sich nach ihren Worten im Besitz sogenannter «Geierfonds» befinden, um sie für sozialen Wohnraum zu nutzen. Gleichzeitig gingen in elf weiteren spanischen Städten Menschen auf die Straße.
Regierung plant Gesetzesdekret
Unter dem Eindruck der Proteste arbeitet die Regierung daran, am Dienstag im Ministerrat ein neues Gesetzesdekret zur Wohnungspolitik zu verabschieden. Vorgesehen sind unter anderem Maßnahmen gegen Zwangsräumungen.
Das Real Decreto-ley hätte unmittelbar Gesetzeskraft, müsste anschließend aber binnen 30 Tagen vom Parlament gebilligt werden. Die Regierung verhandelt noch mit mehreren Parteien über die dafür nötige Mehrheit.
Wohnungsnot als landesweites Problem
Der Protest in Madrid steht für einen Konflikt, der Spanien seit Jahren prägt: In wirtschaftlich attraktiven Städten steigen Mieten und Immobilienpreise, während bezahlbarer Wohnraum knapp bleibt. Die tagesschau beziffert das landesweite Defizit auf etwa 700.000 Wohnungen. Besonders unter Druck geraten Haushalte mit niedrigen Einkommen, ältere Menschen und Beschäftigte, die auf den angespannten Mietmärkten kaum ausweichen können.
Der Fall Maricarmen Abascal verdichtet diese strukturellen Probleme zu einem persönlichen Schicksal. Nach dem Verkauf ihres Hauses trafen langjähriger Mietvertrag, gestiegene Renditeerwartungen und begrenzter sozialer Schutz aufeinander. Die Debatte richtet sich deshalb nicht nur gegen einzelne Räumungen, sondern auch gegen Immobilienfonds, kurzfristige Vermietungen und die Nutzung von Wohnraum als Anlageobjekt.
Politischer Druck vor der Kabinettsentscheidung
Die Regierung will am Dienstag ein Gesetzesdekret vorlegen, das unter anderem Zwangsräumungen erschweren und Mietverhältnisse stärker absichern soll. Es würde unmittelbar gelten, müsste aber innerhalb von 30 Tagen vom Parlament bestätigt werden. Damit wird die Wohnungsfrage zugleich zu einer parlamentarischen Machtprobe: Für die endgültige Absicherung braucht die Regierung weitere politische Partner.
Für Mieter in Spanien hängt von dem Paket ab, ob kurzfristiger Schutz in konkrete Rechtsansprüche übersetzt wird. Offen bleibt insbesondere, wie weitgehende Eingriffe in bestehende Mietverhältnisse rechtlich und politisch durchsetzbar sind und ob neue Regeln den knappen Wohnungsbestand tatsächlich vergrößern.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
tagesschau.de: „Zehntausende demonstrieren nach Zwangsräumung von 87-Jähriger in Madrid“ (27.09.2026)
Der Bericht bestätige die großen Teilnehmerdifferenzen zwischen Behörden und Veranstaltern und stelle die Wohnungsnot in den Zusammenhang eines Fehlbestands von rund 700.000 Wohnungen. Anders als die dpa-Meldung betone er die Erhöhung der Miete von 500 auf 2.650 Euro und rücke damit die wirtschaftliche Dimension des Falls stärker in den Mittelpunkt.
n-tv.de: „Miete um 275 Prozent erhöht: Zwangsräumung von 87-Jähriger bringt Tausende auf die Straße“ (26.09.2026)
Der Artikel schildere ebenfalls die Räumung nach dem Eigentümerwechsel und hebe die drastische Mieterhöhung auf 2.650 Euro hervor. Er konzentriere sich stärker auf die finanzielle Zuspitzung und den geplanten „Maricarmen-Erlass“, während die dpa-Meldung zusätzlich die Protestcamps, die Bewegung 15-M und die Forderung nach Enteignungen thematisiere.
Beide Berichte stellten die Zwangsräumung als Auslöser der Proteste dar; zugleich bleibe offen, ob das angekündigte Maßnahmenpaket im Parlament die erforderliche Mehrheit erhalte und wie nachhaltig es den Wohnungsmangel lindern könne.
