Nach drei Jahren Krieg ist das Schicksal der Ukraine offen
22.02.2025 - 06:00:42 | dpa.deDrei Jahre nach Beginn des russischen Angriffskrieges ist die Lage der Ukraine so schwierig wie nie. Am 24. Februar jĂ€hrt sich der Beginn der Invasion zum dritten Mal, an diesem Tag 2022 gab Russlands Staatschef Wladimir Putin seinen Truppen im Morgengrauen den Befehl zum Einmarsch in das Nachbarland. Seitdem ist das zweitgröĂte Land Europas in seiner Existenz bedroht. Die Sicherheitsarchitektur des Kontinents ist ins Rutschen geraten.
Die USA waren bisher gröĂter UnterstĂŒtzer der Ukraine. Doch sie suchen unter PrĂ€sident Donald Trump einen Ausgleich mit Russland und wollen ein rasches Ende der KĂ€mpfe. Die europĂ€ischen LĂ€nder tagen im Krisenmodus: Wie sollen sie der Ukraine helfen und auf Amerikas schwindenden Schutz reagieren?Â
Die EU-Kommission mit Ursula von der Leyen und viele andere europĂ€ische Politiker werden am Montag in Kiew erwartet. Frankreichs PrĂ€sident Emmanuel Macron spricht in Washington mit Trump. Fragen und Antworten zu einem bitteren Jahrestag:Â
Wie viele Menschen sind in drei Jahren Krieg getötet worden?Â
Genaue Zahlen gibt es nicht, aber die Zahl der Toten geht in die Zehntausende und womöglich sogar Hunderttausende. Der ukrainische PrÀsident Wolodymyr Selenskyj sprach zuletzt von mehr als 46.000 getöteten Soldaten. Doch das Internetprojekt UA Losses hat allein anhand öffentlicher Quellen und Daten im Netz mindestens 65.500 Namen toter ukrainischer Soldaten gezÀhlt. Zehntausende werden vermisst.
Nach UN-Angaben ist bis Ende Januar der Tod von 12.600 ukrainischen Zivilisten bestĂ€tigt worden. 29.200 seien verletzt worden. Aber auch dort fehlen Zehntausende Menschen in der Rechnung, unter anderem Opfer des russischen Beschusses auf die Hafenstadt Mariupol zu Beginn des Krieges.Â
Auf russischer Seite haben Internet-Recherchen mindestens 93.600 tote Soldaten ergeben. Der russische Dienst der BBC nannte eine Bandbreite zwischen 159.500 und 223.500 toten Soldaten. Offiziell nennt die russische FĂŒhrung keine Zahlen. In den Grenzgebieten Russlands zur Ukraine sind nach Medienberichten bislang mehrere Hundert Zivilisten getötet worden.Â
Wie ist derzeit die militÀrische Lage?
Die ukrainische Armee befindet sich seit Herbst 2023 auf dem RĂŒckzug. Sie steht vor allem im Osten im Gebiet Donezk unter Druck. Dort gingen seit Beginn 2025 weitere 400 Quadratkilometer verloren. Knapp ein FĂŒnftel der Ukraine ist russisch kontrolliert. Die ukrainischen Truppen halten sich zwar seit August 2024 im russischen Gebiet Kursk. Aber auch dieser BrĂŒckenkopf schrumpft.Â
Zu schaffen machen den Ukrainern die Ăbermacht des Gegners an Soldaten und Technik sowie die von der russischen Luftwaffe eingesetzten Gleitbomben. Fahnenflucht und die schleppende Mobilmachung dĂŒnnen die Reihen der Verteidiger weiter aus. Erfolge erzielt die Ukraine mit weiterentwickelten Kampfdrohnen, die Industrieanlagen im russischen RĂŒckraum attackieren. Russische Kriegsschiffe trauen sich kaum noch auf das Schwarze Meer zu Angriffen von See her.
Wie lebt die Ukraine unter dem Druck von drei Jahren Krieg?
Drei Jahre Krieg haben tiefe Spuren in der ukrainischen Gesellschaft hinterlassen. Im Osten und SĂŒden sind viele StĂ€dte durch russische Angriffe schwer verwĂŒstet. Noch flieĂen auslĂ€ndische Hilfsgelder und Kredite von mehr als 39 Milliarden Euro jĂ€hrlich, sie haben bisher einen Kollaps verhindert. Renten und GehĂ€lter werden pĂŒnktlich gezahlt. Die Armee ist stabil finanziert. Die Landwirtschaft arbeitet trotz aller Probleme weiter. Doch schnellte die Inflation 2024 unerwartet von fĂŒnf wieder auf zwölf Prozent hoch.Â
Fern der Front sind die Probleme auf den ersten Blick nicht zu sehen. Die GeschĂ€fte sind voll, Restaurants haben geöffnet, Tankstellen funktionieren, der Verkehr ist dicht. Zwar herrscht fast jede Nacht Luftalarm. Aber gegen die StromausfĂ€lle nach russischen Angriffen haben sich GeschĂ€fte, CafĂ©s und Bars mit Generatoren gewappnet. FĂŒr gröĂere Unternehmen ist die Beschaffung von Strom aber ein Problem und fĂŒhrt zu ProduktionsausfĂ€llen.
Umfragen belegen auch nach drei Jahren russischer Invasion, dass immer noch mehr als die HĂ€lfte der Ukrainer hinter PrĂ€sident Selenskyj steht â auch wenn dies von Trump lautstark bezweifelt wurde. Es gibt auch weiter eine Mehrheit gegen Gebietsabtretungen und andere ZugestĂ€ndnisse gegenĂŒber Russland. Allerdings steigt der Anteil derjenigen bestĂ€ndig, die sich ein Ende des Krieges ĂŒber Verhandlungen und Kompromisse wĂŒnschen.
Wie will die Ukraine ein Ende des Krieges erreichen?
Offiziell wird die Ukraine kaum auf ihre von Russland besetzten Gebiete verzichten. Die Forderungen, dass die Russen sich hinter die Grenze zurĂŒckziehen, sind aber praktisch verstummt. Selenskyj spricht weniger von Sieg, als von einem gerechten Frieden. Die entscheidende Frage ist, wie die Ukraine nach einem Ende der KĂ€mpfe geschĂŒtzt werden kann.Â
«Die erste PrioritĂ€t sind Sicherheitsgarantien â nicht nur in Worten, sondern in realer wirtschaftlicher und militĂ€rischer StĂ€rke», sagte Selenskyj. «Die Ukraine kann nicht unter der Drohung eines erneuten Angriffs leben.» Er versteht darunter eine Kombination von Nato- und EU-Mitgliedschaft, die Stationierung von Truppen freundlich gesonnener Staaten und eine starke eigene Armee.Â
Und auf der Gegenseite: Wie hat der Krieg Russland verĂ€ndert?Â
In Moskau ist vom Krieg nur wenig zu sehen â selbst die Plakate, die mit hohen PrĂ€mien zum Fronteinsatz rufen, sind wieder weniger geworden. Soldaten laufen allenfalls an Bahnhöfen vermehrt herum. Landesweit ist die Militarisierung Russlands aber stark vorangeschritten. So hat Russland voll auf Kriegswirtschaft umgestellt. FĂŒr MilitĂ€r und Sicherheit gibt die russische FĂŒhrung in diesem Jahr Medienberichten nach umgerechnet rund 135 Milliarden Euro aus. Das entspricht rund 40 Prozent der Haushaltsausgaben.Â
Der RĂŒstungssektor ist der Wachstumstreiber der russischen Wirtschaft. Die hohen Soldzahlungen an die Frontsoldaten und die EntschĂ€digungen an die Hinterbliebenen sorgen in der Provinz fĂŒr einen bescheidenen Aufschwung.
Zugleich durchzieht die Kriegsrhetorik Gesellschaft und Politik. Kritische ĂuĂerungen ĂŒber Putins Invasion und die GrĂ€ueltaten russischer Soldaten sind verboten. Andersdenkende sitzen im GefĂ€ngnis, schweigen oder sind im Exil. In weiten Schichten hat sich wegen der unablĂ€ssigen Propaganda eine FestungsmentalitĂ€t breit gemacht. Anfangs war bei vielen einfachen Russen der Schock ĂŒber den Angriff auf das Nachbarland zu spĂŒren. Nun hat sich ein GroĂteil damit arrangiert und sieht sich in einem Konflikt mit dem Westen.
Ist Moskau zu einem Ende des Krieges bereit?Â
Putin ist froh, dass Trump wieder mit ihm ins GesprĂ€ch kommen möchte. Er hat immer wieder seine prinzipielle Verhandlungsbereitschaft betont. Doch weil er sich militĂ€risch auf der SiegerstraĂe sieht, bleibt es bei Maximalforderungen. Sie laufen auf eine politische Unterwerfung des Nachbarlandes hinaus.Â
Russland betrachtet unverĂ€nderlich die Halbinsel Krim und die ukrainischen Regionen Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson als sein Staatsgebiet. Dies wĂŒrde bedeuten, dass die Ukraine auch die von ihr bislang verteidigten GroĂstĂ€dte Saporischschja und Cherson rĂ€umen mĂŒsste.Â
Eine wie immer geartete Rest-Ukraine soll ebenfalls unter Moskauer Einfluss stehen. Deshalb lehnt Russland eine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine ab. Es verlangt eine weitgehende AbrĂŒstung des Nachbarn und Mitsprache bei der Sprachenpolitik fĂŒr die russische Minderheit im Land.Â
(Keine) Aussicht auf ein Ende?
Die WiederannĂ€herung zwischen der neuen US-Administration und dem Kreml nimmt rasch Formen an: Trump und Putin haben telefoniert, die AuĂenminister trafen sich in Saudi-Arabien, ein Gipfel steht im Raum. Der Ukraine droht die Gefahr, dass die groĂen AtommĂ€chte sich hinter ihrem RĂŒcken einigen.Â
Denn die USA haben eine Kiewer Nato-Mitgliedschaft und die RĂŒckeroberung verlorener Gebiete fĂŒr unrealistisch erklĂ€rt. Trump kehrte seinen Zorn gegen Selenskyj, nannte ihn einen Diktator ohne Wahlen. Selenskyj hat den USA Rohstoffe fĂŒr Sicherheitsgarantien angeboten. Er wehrt sich aber gegen Trumps Versuch, US-Hilfen im Nachhinein mit Rohstoffen bezahlen zu lassen.
Den europĂ€ischen Staaten steckt die US-Ansage in den Knochen, dass sie bei der Ukraine nicht mitreden dĂŒrfen, aber die Lasten einer Friedenssicherung schultern sollen â womöglich mit eigenen Soldaten. Die EU-Staaten beraten in immer neuen Runden ĂŒber die bedrohliche Lage. Eine Verteidigung der Ukraine wĂ€re teuer. Aber den EuropĂ€ern ist auch klar, dass ein erzwungener Friede mit einer kaum lebensfĂ€higen Ukraine erneut Millionen Menschen zur Flucht treiben könnte.
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