China Today

Kunshan: Chinas heimliche Kaffeehauptstadt

01.06.2026 - 08:00:32 | dgap.de

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China Today / Schlagwort(e): Miscellaneous


01.06.2026 / 08:00 CET/CEST
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KUNSHAN, China, 1. Juni 2026 /PRNewswire/ -- Dies ist eine Pressemitteilung von China Today Von Wang Ruying
In der Provinz Jiangsu, genauer gesagt in Kunshan, ist die Luft vielerorts von Kaffeeduft geschwängert: große Röstereien von Starbucks und Luckin Coffee gelten als Wahrzeichen der Stadt, während im Stadtzentrum quasi an jeder Ecke charmante Cafés locken. Obwohl fern der Kaffeeanbaugebiete gelegen, hat sich dieses ostchinesische Städtchen als führender Standort der globalen Kaffeebranche einen Namen gemacht: Rund 60 Prozent der in China gerösteten Rohbohnen laufen hier durch die Anlagen und mehr als die Hälfte aller importierten Rohbohnen passieren die Stadt. Bis dato haben sich in Kunshan über 30 weltweit führende Kaffeeunternehmen angesiedelt. Sie spannen ein engmaschiges Netz aus Handel, Verarbeitung, Forschung und Vertrieb. Wie aber ist Kunshan zum Kaffee-Mekka der Volksrepublik aufgestiegen? Ein Besuch vor Ort. Von einem Shop zur ganzen Industrie Noch vor vierzig Jahren war Kaffee für viele Menschen in Kunshan ein Fremdwort. 1986, wenige Jahre nach Beginn der Reform und Öffnung, wurde in der Entwicklungszone der Stadt eine Delegation norwegischer Ingenieure erwartet. Um den ausländischen Gästen etwas Besonderes zu bieten, ließ ein Firmenchef eigens Kaffee aus Shanghai besorgen – in China damals ein rares Luxusgut. Doch das Servicepersonal hatte Kaffee noch nie gesehen und hielt die dunkelbraune Flüssigkeit für etwas Ähnliches wie chinesischen Kräutertee, der traditionell in großen Gefäßen serviert wird. Also wurde der Kaffee kurzerhand in einen Suppentopf gegossen und anschließend in Schälchen aufgetragen– zum Amüsement der ausländischen Gäste. Die Anekdote wirkt heute wie eine fiktive Filmszene, erzählt jedoch viel über die damalige Realität. In den 1980er Jahren war Kaffee in China kaum verbreitet. Zwischen der kleinen Stadt Kunshan und der westlichen Kaffeekultur lag eine kulturelle Distanz, die größer kaum hätte sein können. Der Wendepunkt kam um die Jahrtausendwende. Damals wurden zahlreiche ausländische Unternehmen von Shanghai in umliegende Städte des Jangtse-Deltas verlagert. Davon profitierte auch Kunshan. Mit den internationalen Firmen kamen auch ausländische Angestellte, Geschäftsreisende und neue Konsumgewohnheiten. Plötzlich gab es in Kunshan eine stabile Nachfrage nach Kaffee. 2003 eröffnete hier die erste Starbucks-Filiale in ganz Jiangsu. Für Kunshan wurde schnell klar: Kaffee ist weit mehr als ein Getränk, nämlich eine echte Geschäftschance. Ein entscheidender Standortvorteil Kunshans liegt in der geografischen Nähe zu Shanghai. Die Häfen Yangshan und Waigaoqiao – zwei der wichtigsten Eingangstore für Rohbohnenimporte nach China – sind von Kunshan aus in gut zwei Autostunden erreichbar. Ein weiterer Punkt war zweifelsohne der politische Rückenwind. Um der Kaffeeindustrie auf die Sprünge zu helfen, setzte die örtliche Regierung früh darauf, Steuern zu senken, Gründer zu fördern und Investitionsprogramme umzusetzen. In der wirtschaftlichen und technologischen Entwicklungszone Kunshans richtete man ein Kaffee-Innovationszentrum ein, speziell für Unternehmen und Start-ups entlang der Kaffeeproduktionskette. Einen wichtigen Meilenstein markierte das Jahr 2017: Mit dem Unternehmen Kunshan Yizheng Coffee, das internationale Gastronomieketten wie KFC oder Costa Coffee belieferte, siedelte sich erstmals ein Unternehmen an, das sich auf alle zentralen Glieder der Kaffeeindustrie konzentrierte – von der Kaffeeproduktion und -verarbeitung bis hin zur Verpackung und Lieferung. Dadurch brachte es wichtige Expertise in die Stadt. Gut sechs Jahre später folgte ein weiterer Durchbruch: Im September 2023 nahm der Starbucks China Coffee Innovation Park in Kunshan offiziell den Betrieb auf, mit einem Investitionsvolumen von rund 220 Millionen US-Dollar. Es war die bisher größte Einzelinvestition der US-Kaffeehauskette in China. Der Starbucks-Innovationspark vereint heute nahezu die gesamte Produktionskette unter einem Dach: von Import und Rohbohnenröstung bis hin zu Lagerung und Distribution. Die Standortwahl kam nicht von ungefähr. Schließlich lassen sich von Kunshan aus innerhalb von nur drei Stunden mehr als 2.000 Starbucks-Filialen in ganz Ostchina beliefern. Der Industriepark fungiert also als logistisches Herzstück von Starbucks China und unterstreicht damit Kunshans Rolle als zentraler Knotenpunkt der chinesischen Kaffeeindustrie. Nur wenige Monate später folgte der nächste Paukenschlag: Im April 2024 eröffnete Luckin Coffee seine neue Röstbasis in Kunshan. Das Projekt mit einem Investitionsvolumen von 120 Millionen US-Dollar verfügt über eine Jahreskapazität von 30.000 Tonnen und gilt derzeit als der größte Kaffeeröst- und Verarbeitungsstandort Chinas. Damit stützt sich Kunshans Kaffeeindustrie heute auf zwei Branchenriesen: die Ansiedlung von Starbucks unterstreicht Kunshans Potenzial für internationale Kunden, während Luckin Coffee den rasanten Aufstieg chinesischer Kaffeemarken spiegelt. Zusammen verleihen die Niederlassungen der beiden Großkonzerne dem Städtchen genau jene industrielle Schlagkraft, die für ein modernes Kaffeecluster ausschlaggebend ist. Rückgrat des Kaffee-Booms Die Zahlen zeigen inzwischen eindrucksvoll, wie rasant Kunshans Kaffeeindustrie wächst: Laut Daten des Kunshaner Zolls importierte die Stadt 2025 Rohkaffeebohnen im Wert von 2,56 Milliarden Yuan – ein Zuwachs von 56,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Mit den stetig steigenden Importmengen wächst jedoch nicht nur die Industrie selbst – auch die Infrastruktur rund um den Kaffeehandel entwickelt sich stetig weiter. „Wir haben die einzelnen Glieder der Kaffeeindustrie systematisch analysiert und gezielt dort nachgebessert, wo noch Lücken bestanden", sagt Shao Zhiqiang, Vizedirektor der Verwaltungsbehörde der Freihandelszone Kunshan. Früher verfügten in Kunshan nur wenige führende Kaffeeröstereien über eigene Lagerkapazitäten für Rohkaffee – und selbst diese waren ausschließlich darauf ausgelegt, den Eigenbedarf der jeweiligen Produktionsmengen zu decken. Ohne spezialisierte Lagerungstechnik war ein großflächiger Import von Rohbohnen kaum möglich, weshalb man damals überwiegend bereits verarbeitete bzw. halbfertige Kaffeeprodukte importierte. „Um genau diese Schwachstelle zu beheben, hat unsere Stadt 2023 das erste professionelle Kaffeehandels- und Distributionszentrum Chinas – das Asia-Pacific Green Coffee Distribution Center – errichtet", erzählt Shao weiter. „Mit einer Lagerkapazität von 50.000 Tonnen ist es das größte Rohkaffeelager Chinas." Heute gelangen Bohnen aus aller Welt über das Zentrum auf den chinesischen Markt. Für viele Kaffeeunternehmen der Region bedeutet das einen enormen Vorteil: Rund 90 Prozent der benötigten Rohstoffe lassen sich inzwischen direkt vor Ort beschaffen, was Kosten reduziert, die Effizienz steigert und ganz nebenbei die weitere Clusterbildung der Kaffeeindustrie in Kunshan beschleunigt. Parallel zum Ausbau der Infrastruktur verbessern sich auch die politischen Rahmenbedingungen. Heute werden in Kunshan rund 90 Prozent der importierten Rohkaffeebohnen nach dem Prinzip „Kontrolle direkt bei Annahme" geprüft, was die Abfertigungszeit um rund zwei Drittel verkürzt hat. Auch die Prozesse beim Re-Export wurden deutlich vereinfacht: Für den Weiterverkauf von Kaffeebohnen ins Ausland sind mittlerweile keine erneuten Prüfzertifikate mehr erforderlich. Huang Zhenghao, Geschäftsführer von Kunshan Yiguo International Trade, lobt das neue Verfahren. „Der Handel mit Rohkaffee ist vergleichsweise komplex, es bedarf einer engen Zusammenarbeit zwischen Zollbehörden, Reedereien und Prüfstellen. Die Kunshaner Behörden haben hier viele Abläufe proaktiv vereinfacht und uns dabei geholfen, die einzelnen Schritte der Lieferkette schnell miteinander zu verbinden", sagt er. Kaffeekultur kommt auch im Alltag an Mit dem Einzug der großen Player hat die Kaffeekultur auch in der Kunshaner Bevölkerung Aufwind erfahren, wie vielerorts in China. Heute sind mehr als 600 Cafés über die Stadt verstreut, ihre Dichte ist mittlerweile vergleichbar mit der Metropole Shanghai. Kaffee ist heute für viele Einheimische ein unverzichtbarer Alltagsbestandteil. Mit der Expansion von Luckin Coffee, Starbucks und anderen Großketten geraten aber immer mehr lokale Cafés zunehmend unter Druck. Auf Chinas Kaffeemarkt herrscht nämlich weiterhin ein erbitterter Preiskampf. Für lokale Marken stellt sich daher die Gretchenfrage: Wie neben den Giganten bestehen? Die Antwort lautet Differenzierung. Als eine Art Vorzeigemodell gilt hierbei das Unternehmen M.A.N Port Coffee. Sein Gründer, Yu Congjie, erklärt, dass seine Cafés bewusst einen anderen Weg einschlügen als die großen Ketten. Statt austauschbarer Kaffeefilialen setze M.A.N Port Coffee auf die Verbindung von Kaffee und lokaler Kultur. Während des traditionellen Opernfestivals im vergangenen Jahr brachte das Kaffeehaus eine spezielle Drip-Bag-Kaffeeserie auf den Markt. Auf deren Verpackung sind fein illustrierte Figuren der Kunqu-Oper abgedruckt, begleitet von handgeschriebenen Kalligrafien eines lokalen Künstlers. Ein besonderer Clou: Wer den QR-Code auf der Rückseite der Verpackung scannt, kann sich kostenlos klassische Kunqu-Oper-Musik zu Gemüte führen. Die Verbindung zwischen Kaffee und lokaler Lebenswelt endet jedoch nicht an den Stadtgrenzen. Auch auf dem Land in Kunshan zeichnet sich seit einigen Jahren eine neue Entwicklung ab: sogenannte „Dorfcafés". Am Wochenende zieht es viele junge Städter per Auto aufs Land – nicht aus einem bestimmten Anlass, sondern einfach, um sich mit einem Kaffee an einen Feldrand oder ans Flussufer zu setzen und die schöne Landschaft zu genießen. Der Trend ist kein Zufall, sondern das Ergebnis gezielter Förderung: Die Behörden vernetzen die verstreut gelegenen Dorfcafés bewusst miteinander und machen sie so zu einer neuen Gesamtattraktion. Auf dem Land gibt es außerdem spezielle Schulungsprogramme für Rückkehrer aus den Städten, in denen man lernen kann, wie man Bohnen auswählt oder perfekten Milchschaum zubereitet. Sogar der nationale Wettbewerb für Handfilterkaffee wurde direkt in die Landstriche rund um Kunshan verlegt. So belebt das duftende Bohnengebräu auch den Konsum und Tourismus im ländlichen Raum. Zwischen Fabriken und Cafétischen, globalen Marken und lokalen Cafés ist so in Kunshan ein Aufschwung der besonderen Art entstanden, der sich auf die gekonnte Verbindung von Kaffeeproduktion und -konsum stützt. Kunshans Wirtschaftsentwicklung verleiht der neuen Industrie eine ungeahnte Dynamik - und das ausgerechnet im Land der Teetrinker.
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