ZugunglĂŒck, Spanien

ZugunglĂŒck in Spanien: 69 Tote und viele offene Fragen

Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 15:44 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Nach dem schweren ZugunglĂŒck in Spanien mit Dutzenden Todesopfern wĂ€chst der Druck auf Behörden und die linke Regierung, die Ursache der Katastrophe aufzuklĂ€ren.

Im Zentrum der Ermittlungen stehen der Ausfall des Àlteren deutschen Systems LZB sowie mögliche Fehlentscheidungen der Bahnleitstelle in Madrid. Die verzweifelte Suche nach Opfern und vermissten Angehörigen und Freunden ging unterdessen auf Hochtouren weiter.

Medien veröffentlichten Mitschnitte des Funkverkehrs, denen zufolge der LokfĂŒhrer eines Hochgeschwindigkeitszuges von einem Mitarbeiter der Bahnleitstelle angewiesen wurde, den "normalen Fahrbetrieb" wiederaufzunehmen, obwohl das automatische Zugsicherungssystem noch nicht wieder funktionierte und ein anderer Zug noch auf der Strecke stand.

Beim UnglĂŒck waren am Mittwochmorgen zwei HochgeschwindigkeitszĂŒge kollidiert: Ein Zug der staatlichen Bahngesellschaft Renfe fuhr von hinten auf einen stehenden Zug des privaten Unternehmens Iryo auf. Die Zahl der Todesopfer stieg inzwischen auf 69. An der UnglĂŒcksstelle in Urda in der Provinz Toledo rund 130 Kilometer sĂŒdlich von Madrid sei in der Nacht eine weitere Leiche gefunden worden, teilte der PrĂ€sident der Region Kastilien-La Mancha, Emiliano GarcĂ­a-Page, mit. Man könne "vorsichtig optimistisch sein", dass keine weiteren Todesopfer gefunden werden, sagte er.

LokfĂŒhrer streiken und fordern unabhĂ€ngige Untersuchung

Verkehrsminister Óscar Puente hatte die Weiterfahrterlaubnis fĂŒr den Renfe-Zug als "unerklĂ€rliche" und "falsche" Entscheidung bezeichnet. Die LokfĂŒhrerin des Iryo-Zuges soll der Leitstelle zuvor mitgeteilt haben, dass sie wegen Problemen beim Neustart des Systems nicht weiterfahren könne. Ob und in welchem Umfang tatsĂ€chlich Fehlentscheidungen und ein menschliches Versagen zum UnglĂŒck beitrugen, mĂŒssen die Ermittlungen klĂ€ren.

Am Donnerstag forderte der spanische LokfĂŒhrerverband SEMAF mit einem eintĂ€gigen Streik bessere Sicherheitsvorkehrungen. Sprecher Diego MartĂ­n verlangte eine "grĂŒndliche und unabhĂ€ngige Untersuchung" des UnglĂŒcks. Zugleich kritisierte er die Veröffentlichung "verzerrter" Mitschnitte aus der Leitstelle als "alarmierend und respektlos". "Schuldzuweisungen lösen keine Tragödien, ihre Ursachen zu ermitteln, schon", sagte MartĂ­n. Es sei derzeit unverantwortlich, nach Schuldigen zu suchen, statt die Ursachen zu klĂ€ren.

Deutsches System in der Kritik

MartĂ­n beklagte zudem, dass immer hĂ€ufiger mit eingeschrĂ€nkten oder gestörten Sicherheitssystemen gearbeitet werde. Das beim UnglĂŒck ausgefallene Zugsicherungssystem LZB hĂ€tte seiner Ansicht nach lĂ€ngst ersetzt werden mĂŒssen, weil es wiederholt Probleme gegeben habe.

Die seit 1992 auf der Strecke Madrid-Sevilla eingesetzte deutsche Technik soll durch das europĂ€ische System ERTMS - das sonst bereits ĂŒberall in Spanien eingesetzt wird - abgelöst werden. Auf dem betroffenen Abschnitt hatten wenige Wochen vor dem UnglĂŒck Tests begonnen.

Suche nach Opfern und Vermissten geht weiter

Unterdessen setzten die RettungskrĂ€fte die Bergung der zerstörten Waggons fort. Ein umgestĂŒrzter Waggon musste noch geborgen werden. Auch die Identifizierung der Toten lief weiter. Die Behörden nehmen DNA-Proben entgegen. Bisher wurden die Namen von nur zwei Opfern offiziell bekanntgegeben. 64 Vermisstenanzeigen wurden aufgegeben. Viele Angehörige und Freunde suchten in KrankenhĂ€usern und NotunterkĂŒnften und auch mit Posts in den sozialen Netzwerken nach ihren Lieben.

Maricarmen, deren 63-jĂ€hriger Mann unter den Vermissten war, sagte der Zeitung "El PaĂ­s" und dem TV-Sender RTVE: "Das Schlimmste ist die Ungewissheit. Wir wissen absolut nichts." Der Schauspieler CĂ©sar Vicente sucht verzweifelt nach seinem gleichnamigen Vater. "Ich weiß immer noch nicht wo er ist", sagte der 29-JĂ€hrige weinend vor der Kamera von RTVE.

Die DNA-Proben von Angehörigen sollen helfen, die Identifizierung der Opfer zu ermöglichen. DafĂŒr wurden Anlaufstellen in Madrid, Toledo, CĂłrdoba und Sevilla eingerichtet. Die Behörden betonten, man werde nach Identifizierung der Opfer lediglich die Familien informieren.

Das AuswĂ€rtige Amt erklĂ€rt: Lage teilweise noch unĂŒbersichtlich

Ob Deutsche unter den Opfern sind, ist vorerst nicht bekannt. Das AuswĂ€rtige Amt erklĂ€rte auf Anfrage, die Lage sei teilweise noch unĂŒbersichtlich und nicht alle IdentitĂ€ten der Passagiere seien zweifelsfrei geklĂ€rt. Die deutsche Botschaft in Madrid stehe mit den örtlichen Behörden in Kontakt und sei zur konsularischen Betreuung deutscher Staatsangehöriger bereit.

Die Anteilnahme und SolidaritĂ€t waren groß. Zahlreiche Menschen folgten im ganzen Land dem Aufruf von KrankenhĂ€usern und Behörden, Blut zu spenden, wie Medien berichteten. Auch streikende Lehrer unterbrachen ihre Arbeitsniederlegung, um nach dem UnglĂŒck Hilfe zu leisten. Bewohner der UnglĂŒcksregion halfen den Betroffenen unter anderem dabei, vermisste Menschen in den KrankenhĂ€usern zu suchen.

Das UnglĂŒck weckt Erinnerungen an die Zugkatastrophe von Adamuz in Andalusien, bei der im Januar 46 Menschen ums Leben gekommen waren. MinisterprĂ€sident Pedro SĂĄnchez steht wegen der vorgezogenen Parlamentswahl am 29. November besonders unter Druck. Die Opposition macht seine Regierung fĂŒr das UnglĂŒck verantwortlich. SĂĄnchez versprach eine umfassende AufklĂ€rung und kĂŒndigte auch an, die Sicherheit im Bahnverkehr zu verstĂ€rken. "Der gesamte Staat steht angesichts dieser Tragödie zusammen", sagte der Sozialist. Ein solcher Unfall werde sich nicht wiederholen.

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