Wettbewerb, Zusammenfassung

Tesla-Gegner dĂŒrfen Protestcamp vorerst weiterfĂŒhren

19.03.2024 - 17:22:14

(Aktualisierung: Reaktionen ergĂ€nzt 10. Absatz.)GRÜNHEIDE - Das Protestcamp am Tesla US88160R1014-Werk in GrĂŒnheide bei Berlin darf zunĂ€chst bleiben.

(Aktualisierung: Reaktionen ergÀnzt 10. Absatz.)

GRÜNHEIDE (dpa-AFX) - Das Protestcamp am Tesla US88160R1014-Werk in GrĂŒnheide bei Berlin darf zunĂ€chst bleiben. Das Gericht gab einem Eilantrag der Waldbesetzer gegen verhĂ€ngte Auflagen statt. Die Forderungen der Polizei sahen unter anderem einen Abbau der BaumhĂ€user wegen Sicherheitsbedenken vor. Eine RĂ€umung des Camps am europaweit einzigen Autowerk von Tesla ist damit vorerst nicht möglich.

"Alle Auflagen, die wir bekommen haben, waren rechtswidrig. Wir haben in allen Punkten Recht bekommen und werden deshalb auch weiterhin hier bleiben", sagte ein Sprecher der Initiative "Tesla stoppen" nach der Entscheidung des Gerichts.

Laut Verwaltungsgericht reichen die "zur BegrĂŒndung der Auflagen vom PolizeiprĂ€sidium vorgetragenen allgemeinen ErwĂ€gungen zu einer Unvereinbarkeit des Protestcamps einschließlich der BaumhĂ€user mit naturschutzrechtlichen und baurechtlichen Vorschriften fĂŒr die versammlungsrechtlich gebotene Gefahrenprognose" nicht aus. Vor dem Hintergrund des Protestes hĂ€tten versammlungsrechtliche Gefahren ausgemacht werden mĂŒssen, anstatt allgemeine bauordnungsrechtliche UmstĂ€nde anzufĂŒhren, erklĂ€rte ein Sprecher des Gerichts nach der Entscheidung.

Auch habe sich die Versammlungsbehörde nicht "im gebotenen Maße" mit dem Umstand befasst, dass die Versammlungsfreiheit durch die Grundrechte geschĂŒtzt ist. Gegen die Entscheidung ist noch eine Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg möglich.

Etwa 80 Aktivisten besetzen derzeit einen Teil eines Waldes an der Fabrik des E-Autoherstellers. Ihr Ziel ist es, eine Rodung im Zuge einer geplanten Erweiterung des GelĂ€ndes mitsamt GĂŒterbahnhof zu verhindern. Ende Februar hatten sie ihr Camp errichtet. Eine Mehrheit der BĂŒrger von GrĂŒnheide hatte in einer BĂŒrgerbefragung gegen eine Erweiterung der Fabrik gestimmt. Die Gemeinde GrĂŒnheide schlĂ€gt in dem Konflikt vor, nur noch etwa die HĂ€lfte des Waldes zu roden.

Nach der Gerichtsentscheidung herrschte im Camp ausgelassene Stimmung. Alle Beteiligten seien froh, dass das Camp nicht gerÀumt wird, erzÀhlt eine Bewohnerin. "Damit ist das absolute Minimum an Demokratie und Rechtsstaatlichkeit erreicht. Jetzt können wir erst einmal durchatmen".

Man wolle nun bis mindestens zum 20. Mai bleiben, fĂŒhrte eine Sprecherin der Initiative "Tesla stoppen" am Dienstag aus. "Wir gehen erst, wenn die Werkserweiterung verhindert ist." Die Initiative kritisierte rĂŒckblickend das Vorgehen der Versammlungsbehörde. Es habe kein KooperationsgesprĂ€ch mit der Polizei oder eine angemessene Anhörung gegeben, sagte die Sprecherin der Initiative. Die Landesregierung habe von Anfang an versucht, den Protest zu kriminalisieren. "Unser Protest lĂ€sst sich nicht rĂ€umen."

Innenminister Michael StĂŒbgen (CDU) lehnte am Dienstagnachmittag bei einer Pressekonferenz zur Industriestrategie jeden Kommentar zu Tesla und dem Protestcamp ab. Er hatte die Auflagen am Freitag vorgestellt und verteidigt. Ob es eine Beschwerde gegen die Entscheidung des Verwaltungsgerichtes vor dem OVG geben werde, war zunĂ€chst unklar.

Der Sprecher von "Tesla stoppen" sagte, die Auflagen seien "an den Haaren herbeigezogen" und mit dem klaren Ziel verbunden "uns hier wegzubekommen". Im Nachhinein betrachtet seien die Auflagen "eine krasse Blamage".

Die Entscheidung sei ein "deutliches Stoppzeichen an den Wirtschafts- und den Innenminister, die beide versuchten, das Versammlungsrecht politisch zu missbrauchen, um Stimmung gegen die Proteste von Tesla zu machen", schrieb Sebastian Walter, Vorsitzender der Linken-Fraktion im Brandenburger Landtag, am Dienstag. Benjamin Raschke, Chef der GrĂŒnen-Fraktion, betonte, das Gericht sei nach "AbwĂ€gung der Argumente zu einer bemerkenswert klaren Entscheidung gelangt". SPD-Fraktionschef Daniel Keller hatte vor der Entscheidung des Gerichts die Proteste gegen die geplante Erweiterung des Tesla-Werks in GrĂŒnheide kritisiert. "Was mich ein bisschen befremdet: Wogegen wird da demonstriert?"

Die Waldbesetzer hatten nach eigenen Angaben zur Beurteilung der beanstandeten Sicherheitsaspekte an den BaumhĂ€usern eigenstĂ€ndig ein Gutachten eines Bauingenieurs und eines Baumgutachters eingeholt. Der Bauingenieur bescheinigte demnach den Bauten hohe Sicherheitsstandards, so ein Sprecher der Initiative. Die Installationen könnten "ĂŒber Monate, wenn nicht sogar ĂŒber Jahre" in den BĂ€umen verbleiben. Der Baumgutachter habe auch bescheinigt, dass die BaumhĂ€user baumschonend gebaut seien.

Die Aktivisten erteilten auch den neuen, angepassten PlĂ€nen zum Ausbau der Fabrik eine Absage. Den "B-Plan light" lehne man ab, sagte die Sprecherin von "Tesla stoppen". Die Gemeinde GrĂŒnheide und Tesla hatten vor wenigen Tagen einen angepassten Bebauungsplan vorgestellt. Statt der ĂŒber 100 Hektar, die ursprĂŒnglich zur Rodung fĂŒr die Erweiterung des GelĂ€ndes vorgesehen waren, sollen demnach nur noch knapp 50 Hektar Wald gerodet werden. Ab Donnerstag will die Gemeinde die BĂŒrger in einem Beteiligungsverfahren auch bei diesen PlĂ€nen einbeziehen.

Die Aktivisten hatten das Camp wie eine Demonstration als politische Versammlung angemeldet. Solche Veranstaltungen unterliegen dem Versammlungsrecht und mĂŒssen von der Polizei nicht extra genehmigt werden. Sie können aber unter bestimmten UmstĂ€nden untersagt oder mit Auflagen versehen werden.

@ dpa.de | US88160R1014 WETTBEWERB