ALREKO-Projekt: Können TreppenhÀuser allein als Fluchtweg dienen?
12.03.2026 - 00:00:19 | boerse-global.deTreppenhĂ€user werden zum Nadelöhr fĂŒr die Nachverdichtung deutscher StĂ€dte. WĂ€hrend Forscher mit Brandtests neue Konzepte prĂŒfen, verschĂ€rft sich der Alltagskampf gegen Kinderwagen, E-Bikes und Schuhregale auf den Fluren. Die Sicherheitsvorschriften sind klar, doch ihre Umsetzung sorgt fĂŒr Konflikte.
Der Flaschenhals Nachverdichtung
Deutschland braucht mehr Wohnraum, doch der Ausbau bestehender HĂ€user stöĂt schnell an Grenzen. Die Brandschutzvorschriften verlangen in der Regel zwei unabhĂ€ngige Fluchtwege. WĂ€hrend der erste Weg immer das innere Treppenhaus ist, scheitert der zweite â oft Rettungsleiter der Feuerwehr an Fenstern oder Balkonen â zunehmend in dichten InnenstĂ€dten. Zu parkende Autos, BĂ€ume, verkehrsberuhigte Zonen oder Oberleitungen von StraĂenbahnen blockieren die Zufahrt fĂŒr die Feuerwehr. Ein zweites bauliches Treppenhaus nachzurĂŒsten, ist fĂŒr Bestandsbauten oft wirtschaftlich und technisch unmöglich.
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Hier setzt das Forschungsprojekt ALREKO (Alternative Escape Route Concepts) an. Ein Konsortium aus der Technischen UniversitĂ€t Braunschweig, der Hochschule Magdeburg-Stendal und der Hochschule fĂŒr Forstwirtschaft Rottenburg sucht nach einer Lösung. Mit 500.000 Euro Förderung von der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe und Industriepartnern geht es der Frage nach: Können TreppenhĂ€user so nachgerĂŒstet werden, dass sie sicher als alleiniger Fluchtweg dienen?
Brandtest unter Realbedingungen
Anfang 2026 fĂŒhrten die Forscher umfangreiche Realbrand-Versuche im Zentrum fĂŒr Brandforschung der TU Braunschweig durch. DafĂŒr errichteten sie ein zwölf Meter hohes Treppenhaus. In vier verschiedenen Brandszenarien â von nicht brennbaren OberflĂ€chen bis hin zu Holztreppen mit und ohne Löschanlagen â analysierten sie die Ausbreitung von Rauch und Feuer. Feuerwehrvertreter aus Berlin, Hamburg, Frankfurt und Magdeburg waren als Beobachter vor Ort.
Das Ziel ist ambitioniert: Das bestehende Sicherheitsniveau soll auch ohne zweiten externen Rettungsweg gehalten werden. GelĂ€nge das, wĂ€re das ein Turbo fĂŒr die vertikale Nachverdichtung, besonders mit nachhaltigem Holzbau. Holz ist aufgrund seines geringen Gewichts und seiner TragfĂ€higkeit ideal fĂŒr Aufstockungen, seine Brennbarkeit ist jedoch die gröĂte HĂŒrde.
Alltagskampf im Treppenhaus
WÀhrend die Forschung nach baulichen Lösungen sucht, bleibt die tÀgliche Einhaltung der Brandschutzregeln im Treppenhaus ein Dauerstreitthema. Experten wie von CWS Fire Safety mahnen in aktuellen LeitfÀden: Der Flucht- und Rettungsweg muss stets vollstÀndig frei von Hindernissen und brennbaren Materialien sein.
Das Verbot umfasst AlltagsgegenstĂ€nde wie Schuhregale, Kinderwagen, FahrrĂ€der und Zimmerpflanzen, sobald sie die Mindestdurchgangsbreite einschrĂ€nken oder eine zusĂ€tzliche Brandlast darstellen. Moderne Gefahrenquellen sind das Laden von E-Bike-Akkus oder herumliegende Elektrokabel â sie bergen ein hohes Risiko fĂŒr SelbstentzĂŒndung und giftigen Rauch.
Wenn Kinderwagen oder FahrrĂ€der stĂ€ndig die Fluchtwege versperren, mangelt es oft am nötigen Gefahrenbewusstsein der Beteiligten. Erfahren Sie in diesem kostenlosen Ratgeber, wie Sie durch gezielte Unterweisungen und klare Regeln fĂŒr dauerhaft freie Rettungswege in Ihrem Objekt sorgen. 7 goldene Regeln fĂŒr Brandschutzunterweisungen kostenlos herunterladen
Haus- und GrundstĂŒckseigentĂŒmer tragen die Verkehrssicherungspflicht. Sie mĂŒssen die Regeln durch Hausordnung und regelmĂ€Ăige Kontrollen durchsetzen. VerstöĂe können hohe BuĂgelder der Bauaufsicht und Haftungsrisiken im Ernstfall nach sich ziehen. Selbst kurzzeitig abgestellte Kartons oder Altpapier vor der WohnungstĂŒr können einen Brand rasend schnell anfachen und hochgiftige Rauchgase erzeugen.
Klare Rechtslage, strenge Pflichten
Ein einheitliches Bundesgesetz fĂŒr TreppenhĂ€user gibt es nicht, doch die Landesbauordnungen schaffen einen strengen Rahmen. Sie fordern einheitlich: Fluchtwege mĂŒssen stets von Brandlast und Behinderungen freigehalten werden.
Die Rechtsprechung ist eindeutig und stellt den Brandschutz ĂŒber die Bequemlichkeit der Mieter. Nur in absoluten Ausnahmen, etwa fĂŒr notwendige Gehhilfen bei ausreichend breitem Flur, kann es ZugestĂ€ndnisse geben. Vermieter haben nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, gefĂ€hrliche GegenstĂ€nde entfernen zu lassen. Bei akuter Gefahr darf die Hausverwaltung blockierende Objekte sogar sofort in Obhut nehmen.
Das Prinzip ist einfach: Das Recht zur Mitbenutzung gemeinsamer FlĂ€chen endet dort, wo die Gemeinschaft gefĂ€hrdet wird. Feuerwehren plĂ€dieren fĂŒr Null-Toleranz. In verrauchten Fluren wird selbst ein kleines Paar Schuhe zur tödlichen Stolperfalle. EigentĂŒmer mĂŒssen zudem die Wartung von BrandschutztĂŒren, TĂŒrschlieĂern und Sicherheitsbeleuchtung lĂŒckenlos dokumentieren. Bei nachgewiesener VernachlĂ€ssigung droht im Schadensfall der Regress durch die Versicherung.
Ausblick: Entscheidende Daten im MĂ€rz
Die Branche blickt gespannt auf die achten Magdeburger Brand- und Explosionsschutztage ab dem 16. MĂ€rz 2026. Dort werden die Forscher die umfassenden Ergebnisse der ALREKO-Brandtests vorstellen.
Sollten die Daten belegen, dass nachgerĂŒstete TreppenhĂ€user auch bei schweren Brandszenarien zuverlĂ€ssig als alleiniger Fluchtweg taugen, könnte das eine Anpassung der Landesbauordnungen nach sich ziehen. Dies wĂŒrde enormes Potenzial fĂŒr die Stadtnachverdichtung mit Holz freisetzen. Bis dahin bleibt die strikte Freihaltung der bestehenden TreppenhĂ€user die oberste PrioritĂ€t fĂŒr die Sicherheit aller Bewohner.
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